Krankenhaus-Studie Menschlichkeit hilft heilen

Patienten fühlen sich entmündigt, Ärzte überfordert, Pflegekräfte nicht wertgeschätzt: Das hemmt die Heilung und vergrault engagierte Helfer. Dabei können kleine Gesten die Situation entspannen, zeigt der approbierte Kabarettist Eckart von Hirschhausen in einer Studie.

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Die Krankenpflegerin fährt den Patienten in seinem Krankenbett zum Operationsbereich. Vor Aufregung entgleitet dem Patienten ein Furz. "So pusten wir hier in Köln die Kerzen aus", reagiert die Schwester lächelnd. Beide müssen lachen. Ein Lichtblick im oft tristen Krankenhausalltag.

Denn eine kleine, aber aufwendige Studie der Stiftung "Humor hilft heilen" des Kabarettisten und Arztes Eckart von Hirschhausen zeigt, wie unzufrieden sowohl Patienten als auch Mediziner und Pflegekräfte im Krankenhaus mit ihrem Dasein sind. Und wie wenig es bräuchte, das zu ändern.

Dafür haben Hirschhausen und zehn Psychotherapeuten jeweils 40 Patienten, Ärzte und Pflegekräfte aus Unikliniken, konfessionellen oder privaten Einrichtungen in zweistündigen Einzelgesprächen dazu befragt, wie sie ihren Aufenthalt beziehungsweise Arbeitsalltag in den Kliniken erleben, welche Probleme sie sehen und wo Lösungsansätze liegen könnten.

Mangel an Zwischenmenschlichkeit

Demnach fehlen allen drei befragten Gruppen die zwischenmenschlichen Begegnungen. Die Patienten fühlten sich zumeist als namenloser Fall, allein gelassen mit ihrem Leid und der Unsicherheit, wie es weitergeht. Das verursache unnötig Stress, so die Studienautoren.

Die Behandelnden verpassten durch die Distanz zum Patienten Heilungspotential: "Die Chance auf Veränderung von ungesunden Gewohnheiten ist in der akuten Krise am größten. Da aber keiner der Behandelnden den inneren Prozess sieht und sich als Ansprechpartner zuständig fühlt, werden Patienten verlegt und weiter delegiert und entlassen, ohne dass einmal mit ihnen gesprochen wird: Was ist passiert, was wurde getan, was sind die nächsten Schritte, was wollen sie verändern?", sagt von Hirschhausen. Stattdessen kämen die Patienten Monate später wegen des gleichen Problems wieder, noch ehe der Hausarzt den Entlassungsbrief habe.

Ärzte wiederum treten ihren Beruf mit dem Anspruch an, Leben zu retten und zu verändern. Bürokratie, Zeitdruck und Rückschläge in der Behandlung ihrer Patienten lassen sie abstumpfen und emotionale Distanz zu den Patienten halten, fasst die Studie zusammen.

"Es ist einfacher, hart zu werden, als menschlich zu bleiben"

"In der Klinik ist es einfacher hart zu werden, als menschlich zu bleiben", sagte ein Mediziner im Studieninterview. Auch die Pflegekräfte, die eigentlich näher an den Patienten dran sind, litten unter dem Mangel an Zeit. Aber auch darunter, dass ihre Fähigkeiten von den Ärzten und beim Gehalt nicht wertgeschätzt werden. "Manchmal sagen schon Patienten, mir tun die Menschen leid, die da im Krankenhaus arbeiten", berichtet von Hirschhausen.

Das sei eine Zeitbombe, meint der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold Instituts, das die Studie durchgeführt und ausgewertet hat. "Das Krankenhaus frisst sein eigenes Personal auf", sagt er. Auf lange Zeit fühlten sich hier weder Ärzte noch Pfleger wohl. Die meisten seien bereits auf dem Absprung - in die eigene Praxis oder ganz raus aus ihrem Beruf.

Maßnahmen, die nichts kosten

"Ich möchte, dass seelische Prozesse im Krankenhaus genauso ernst genommen werden wie körperliche", betont Hirschhausen. Denn was heilsam sei, sei die direkte menschliche Begegnung. "Doch die leidet immer unter Stress und Zeitmangel und darunter, dass keiner mehr durchatmet."

Aus den Gesprächen mit den Patienten, Ärzten und Pflegekräften destillierten er und seine Kollegen elf Empfehlungen für das Krankenhaus der Zukunft. "Die meisten Vorschläge sind kostenneutral und jeder kann mit anpacken", betont die Psychologin Birgit Langebartels, die an der Studie mitgewirkt hat.

Diese reichen von mehr Respekt im Umgang miteinander und der Einbindung von Patienten in die Behandlungsabläufe bis hin zur Forderung, Pausen zu verordnen, damit Mediziner wirklich ausruhen.

"Einige berichteten, dass sie seit drei Monaten nicht mehr in der der Kantine Mittagessen waren, weil sie keine Zeit hatten. Andere arbeiteten nach der Regel 'Wenn ich nicht trinke, dann muss ich nicht auf Toilette'", erzählt Psychologin Langebartels. Ebenso sei es dringend notwendig die Verwaltungsaufgaben zu reduzieren oder an zusätzliche Arbeitskräfte abzugeben. "Die Pfleger in unserer Studie verbringen bis zu 70 Prozent ihrer Arbeitszeit mit nichtpflegerischen Aufgaben", sagt Langebartels.

Beim Humor geht es nicht um das Witzemachen

Schließlich könne auch mehr Humor, die Stimmung in Krankenhäuser verbessern, sagt Hirschhausen: "Ich bin kein Utopist. Es müssen nicht alle in den Kliniken tanzen, singen und lachen. Tatsächlich sind es oft nur kleine Stellschrauben, kleine Gesten, die etwas atmosphärisch ändern könnten." Wenn er von Humor rede, meine er auch nicht Witze zu machen, sondern eine grundsätzliche Haltung, eine herzliche Zugewandheit, Gelassenheit und Akzeptanz von Widersprüchen. "Denn die Medizin ist voll von Widersprüchen: Die Behandler bewegen sich den ganzen Tag zwischen den Extremen, allen helfen wollen und keine zu Zeit haben, zwischen Halbgott sein und trotzdem beim Blut abnehmen mal daneben stechen", sagt er.

Alle in der Studie Befragten erinnerten sich an Episoden im Krankenhaus, in denen Humor eine Rolle spielte, wie etwa der Furz des Patienten. "Das waren ihre Highlights", betont Hirschhausen. Diese Momente könne man nicht erzwingen, aber man könne die Menschen ermuntern, sie zuzulassen und sich nicht hinter einer professionellen Maske zu verstecken.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
dannyandy 08.10.2013
1. Welche Erkenntnis!!!!!!
Ach, wer hätte das gedacht! Die Psychosomatik spielt eine Rolle bei der Heilung! Wenn sich diese Wahrheit endlich bei der Schulmedizin durchsetzen würde, wären wir endlich so weit, wie der Rest der Welt seit Tausenden von Jahren bereits ist! Trotzdem, besser spät als niemals! Im Übrigen, ich habe größten Respekt vor Herrn von Hirschhausen als Humanist!
badpritt 08.10.2013
2. no na
ausgerechnet in dem Bereich unserer Gesellschaft, in dem ein Höchstmaß an Humanität gegenüber den Schutzbefohlenen (Patienten) eigentlich verlangt wird, herrscht ein außerordentliches Mass an Inhumanität bei den Arbeitsbedingungen. Schizophren, mit absehbaren Auswirkungen. Der Deutsche Ärztetag hat 1998 (!!) in einem eigenen TOP darauf hingewiesen. Passiert ist leider nix. Der Raubbau am Personal regelt sich jetzt über Angebot und Nachfrage. Den Systemfehler allerdings durch "gute Laune" Seitens der betroffenen Ärzte und Schwestern ausgleichen zu wollen, ist selber ein Witz.
alibaba2011 08.10.2013
3. Wenn es in der Politik
auch Menschlichkeit geben würde, wären zig tausende Mitbürger auch gesünder!
hj.binder@t-online.de 08.10.2013
4. Jetzt ist die FDP weg
... da können mal wieder Fachleute das Sagen in Krankenhäuser haben und nicht hirnlose Rechner ... Das ist der erste Schritt zur Qualitätsverbesserung.
Andr.e 08.10.2013
5. Ein Name ist die ganze Miete
Zitat von sysopCorbisPatienten fühlen sich entmündigt, Ärzte überfordert, Pflegekräfte nicht wertgeschätzt: Das hemmt die Heilung und vergrault engagierte Helfer. Dabei können kleine Gesten die Situation entspannen, zeigt der approbierte Kabarettist Eckart von Hirschhausen in einer Studie. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/menschlichkeit-im-krankenhaus-naehe-kann-heilen-helfen-a-926795.html
Ich möcht auch endlich nen Namen haben. Da nehm ich Binsen, pack eine Studie drum und 'verkauf' sie. Och Menno...
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