Formel für Zufriedenheit "Glück ist, wenn das Gehirn die Klappe hält"

Mo Gawdat musste einen schweren Schicksalsschlag verkraften und ist dennoch nicht verzweifelt. Der Ingenieur und Buchautor hat eine Formel aufgestellt, mit der sich Glück trainieren lässt.

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Ein Interview von Frank Joung


Zur Person
  • Khaled Gawdat
    Mo Gawdat ist Vizepräsident des Entwicklerteams von Google. Der gelernte Ingenieur beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Glück. 2017 ist sein Buch "Die Formel für Glück - und wie Sie diese nutzen" erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gawdat, Sie haben ein Buch über Glück geschrieben. Sind Sie ständig glücklich?

Gawdat: Niemand ist zu jeder Zeit glücklich. Ich bin kein Heiliger oder Guru. Mein Versprechen lautet: Wenn du unglücklich bist, gibt es einen Weg, wie du wieder happy wirst. Glück ist planbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie definieren Sie Glück?

Gawdat: Zunächst: Es geht nicht um Partys oder einen schönen Urlaub - das ist Spaß. Ich habe eine lange Liste gemacht mit Momenten und Situationen, in denen ich glücklich und unglücklich war und auch Daten von anderen hinzugezogen. Heraus kam eine allgemeine Gleichung: Glück ist der Unterschied zwischen den Ereignissen deines Lebens und den Wünschen und Erwartungen, wie das Leben aussehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Gawdat: Wenn das Ereignis deinen Erwartungen nicht entspricht, sorgt sich das Gehirn und sendet ein negatives Gefühl aus - Unzufriedenheit, Schuld, Scham, Angst. Wenn es am Hochzeitstag regnet oder das Essen im Restaurant nicht schmeckt, bist du traurig oder ärgerst dich. Wenn aber alles nach Plan läuft, tut das Gehirn etwas ganz Bemerkenswertes: Es hält die Klappe. Es ist ruhig. Und das ist der Zustand, den ich Glück nenne. Wenn du das Gefühl hast, dass das Leben okay ist, wie es ist. Und zu diesem Grundzustand müssen wir wieder zurückfinden, denn so sind wir alle geboren worden.

SPIEGEL ONLINE: Haben wir im Laufe des Lebens verlernt, glücklich zu sein?

Gawdat: Definitiv. Uns wird immer gesagt, dass wir bestimmte Dinge tun oder kaufen müssen, um glücklich zu sein. Meine Recherchen zeigen genau das Gegenteil. Das Einzige, was du machen musst, um glücklich zu sein, ist aufzuhören unglücklich zu sein. Das, was übrig bleibt, ist Glück. Glück ist kein Produkt, das wir erwerben können, es steckt bereits in uns.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie höre ich auf, unglücklich zu sein? Muss ich meine Erwartungen herunterschrauben?

Gawdat: Das kann funktionieren. Wenn ich geringere oder realitätsnahe Erwartungen habe, bin ich womöglich mit weniger zufrieden. Aber ich finde: Du solltest die höchsten Ansprüche und Erwartungen haben - die Frage ist nur: Wie gehst du damit um, wenn sie nicht erfüllt werden? Mit einfachem "Ohm" wird man nicht glücklich.

Ein Beispiel aus meinem Leben: Vor drei Jahren habe ich meinen Sohn verloren. Er verstarb aufgrund eines ärztlichen Fehlers im Alter von 21 Jahren. Ich hatte große Pläne für ihn und hatte erwartet, dass das Leben ihn gut behandelt. Dann ging er. Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität war immens. Ich musste mir die Frage stellen: Was mache ich?

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie getan?

Gawdat: Die Glücksformel hat standgehalten. Ich habe mich dagegen entschieden, den Rest meines Lebens zu leiden. Fakt ist: Mein Sohn kommt nicht wieder. Rumsitzen und weinen ändert nichts. Ich entschied mich dafür, den Schmerz bewusst anzunehmen. Ich nenne es "verbindliche Akzeptanz". Kann ich mein Schicksal akzeptieren?

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, sie hätten sich entschieden. Das klingt sehr rational. Ist Glück durch eine mathematische Formel auflösbar?

Gawdat: Absolut. Erst musst du verstehen, dass die Welt dir nichts gibt, was dich glücklich oder unglücklich macht. Es kommt darauf an, wie du damit umgehst, was die Welt dir anbietet. Glück oder Zufriedenheit ist wie Fitness. Wenn du fünfmal die Woche ins Fitnessstudio gehst, wirst du fitter. Das ist vorhersehbar. Wenn du glücklich werden willst, musst du es zu deiner Priorität im Leben machen und dich dafür einsetzen. Du musst für dein Glück arbeiten und trainieren.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Menschen, die unglücklich sind, arbeiten nicht genug dafür?

Gawdat: Es ist ein Prozess. Mit Anfang 30 ging es mir miserabel, obwohl ich von außen betrachtet alles hatte. Dann habe ich mich mit Glück beschäftigt. Ich habe trainiert. Mittlerweile dauert es bei mir sieben Minuten, bis ich von einem unglücklichen in einen glücklichen Zustand komme. Es hat aber mich mehrere Jahre gekostet, um da hinzukommen. Ich hoffe, dass ich mit meinem Buch "Die Formel für Glück" den Menschen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung geben kann, wie sie schneller glücklicher werden.

SPIEGEL ONLINE: Was muss ich dazu konkret machen?

Gawdat: Mein Glückstraining besteht aus: 6-7-5. Das sind die für mich wichtigen Zahlen. Sechs große Illusionen, die für Verwirrung sorgen. Illusionen wie Ego, Kontrolle oder Angst beispielsweise stören die Glücksgleichung. Sieben blinde Flecken beeinträchtigen Ihre Lebenswirklichkeit, und das verzerrte Bild macht Sie unglücklich. Zu guter Letzt habe ich fünf ultimative Wahrheiten ausgemacht, Liebe oder Tod zum Beispiel, an denen man festhalten sollte.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt soll man an jeder dieser Rubriken arbeiten? Können Sie ein Beispiel nennen?

Gawdat: Nehmen wir das Beispiel Ego. Wenn ich denke, dass ein Rolls Royce mich glücklich macht, ist das eine Illusion. Denn es geht nicht um den Wagen als solchen, sondern um das Statussymbol. Ich will darin gesehen werden. Es geht um die eigene Identität, um Ego.

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Mo Gwadat:
Die Formel für Glück: Und wie Sie diese nutzen

Redline Verlag; 384 Seiten; ab 19,99 Euro

Aber dann sehe ich jemanden, der einen Privatjet hat - und fühle mich wieder klein. Auf diese Weise findest du nie dein Glück. Aber wenn du erkennst, dass du das Auto nur willst, weil dein Ego es braucht, ist das ein erster Schritt. Dann kann man daran arbeiten, anstatt sich ein teures Auto zu kaufen, das keiner braucht. Und man wird immer öfter Glück oder Zufriedenheit verspüren.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Glück hat viel damit zu tun, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Gawdat: Unbedingt. Die Reise zum Glück fängt im Kopf an, aber endet bei deinen Emotionen. Du solltest lernen, deine Gefühle bewusst wahrzunehmen. Nur dann kannst du dein Leben so gestalten, dass es dich glücklich macht. Glück ist eine Entscheidung.

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
philosophus 19.12.2017
1. Eudämonie-Wiederkäuer ...
Dieser Herr sagt nichts anderes als das was Aristoteles vor über 2000 Jahren mit seinem ?eudaimonistischen Axiom? beschrieben hat. Das Ziel war (ist) die Eudämonie = Glückseligkeit und galt als prinzipiell erreichbar. Der Trick dabei: Selbstgenügsamkeit (Autarkie). Als Kennzeichen des guten Lebens galt, dass man das ?Glück? nicht von äußeren Faktoren erhofft, sondern es in sich selbst findet, indem man sich dem Leben richtig positioniert und in allen Lebenslagen, eine unerschütterliche Gemütsruhe bewahrt. Damit ist alles gesagt...dazu braucht man keine bibeldicken Lektüren...
dasfred 19.12.2017
2. Wilhelm Busch hat es schon mal zusammengefasst
Ach das schönste weit und breit ist doch die Zufriedenheit. Genau das versucht der Autor uns zu vermitteln. Glück ist ein flüchtiges empfinden, Zufriedenheit sollte ein anzustrebendes Leben ausfüllen. Dazu muss man nicht zwangsläufig die Erfahrung anderer nachlesen sondern nur seine Wünsche in Einklang mit den Möglichkeiten bringen. Mehr Geheimnis steckt da nicht hinter. Die eigenen Möglichkeiten kennt man, man kann sie eventuell ausbauen und wenn die Wünsche realistisch sind wird ein angenehmes Leben aus eigener Kraft gestaltbar.
syracusa 19.12.2017
3.
Zitat von dasfredAch das schönste weit und breit ist doch die Zufriedenheit. Genau das versucht der Autor uns zu vermitteln. Glück ist ein flüchtiges empfinden, Zufriedenheit sollte ein anzustrebendes Leben ausfüllen. Dazu muss man nicht zwangsläufig die Erfahrung anderer nachlesen sondern nur seine Wünsche in Einklang mit den Möglichkeiten bringen. Mehr Geheimnis steckt da nicht hinter. Die eigenen Möglichkeiten kennt man, man kann sie eventuell ausbauen und wenn die Wünsche realistisch sind wird ein angenehmes Leben aus eigener Kraft gestaltbar.
Das kann man auch diametral anders sehen. Einerseits hängt das natürlich von der jeweiligen Definition der Begriffe Glück und Zufriedenheit ab, andererseits aber von der subjektiven Haltung. Ich neige eher der IIRC von Horst Stern geäußerten Meinung zu, dass Glück und Zufriedenheit sich weitgehend widersprechen, ja, dass sie geradezu Antagonismen sind. Zufriedenheit sieht er als den Zustand der Freiheit von Verantwortung, wie man ihn als behütetes, geborgenes Kind erlebt, oder als braver Untertan eines wohlwollenden Herrschers (so wie es der Biedermeiermensch Busch in Ihrem obigen Zitat ausdrückte). Glück ist für Stern der seltene Moment, in dem das verantwortungsvolle, selbstbestimmte eigene Handeln zum Einklang mit der eigenen Umwelt führt. Wer nach dieser Definition ein zufriedenes Leben anstrebt, der schließt zwingend das mögliche Glück aus. Und wer selbstbestimmt lebt, der wird öfter scheitern als Erfolg haben, und wird deshalb überwiegend unzufrieden sein. Die wenigen Momente des Glücks müssen diese fast ständige Unzufriedenheit dann aufwiegen.
dasfred 19.12.2017
4. zu syracusa
Unsere Betrachtungsweisen liegen gar nicht so weit auseinander. Es ist nur die Definition von Glück, welche wir mit unterschiedlichem Begriffsinhalt gefüllt wurde. Für mich schließt Zufriedenheit ein selbstbestimmtes Handeln nicht aus, es ist im Gegenteil Voraussetzung. Was ich eigenständig ausführe unterliegt zuerst meiner eigenen Bewertung, meinen eigenen Wertmaßstäben. Damit habe ich in der Hand, zu beurteilen, ob ich mit meiner Leistung zufrieden sein kann. Auch Rückschläge schließt ein zufriedenes Leben nicht aus, ebenso wie schicksalhafte Ereignisse. Glück findet sich in der Übererfüllung der eigenen Erwartung. Die Gegensätzlichkeit von Glück und Zufriedenheit kann ich daher für meinen eigenen Seelen Zustand nicht erkennen. Zufriedenheit kann ebenso aus der Überwindung von Rückschlägen aus eigener Kraft empfunden werden.
murksdoc 19.12.2017
5. Ganz was neues
Die ersten, die sowas erzählt haben, waren die Hippies. Dann die Jesus-People, dann die Baghwans, die Poonas, die Hare-Krishnas und auch die Scientologen. Der alte deutsche Spruch: "Es sprach der Fürst zum Kirchenmann, halt' du sie dumm, ich mach sie arm" passt da auch gut dazu. Alle können dann glücklich werden. Was will man mehr?
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