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Beeinflusst der Mond den Schlaf? "Wir tappen noch völlig im Dunkeln"

Ein Interview von

Vollmond in Hannover: "Ich kann nicht verstehen, wieso es beim Mond so starke Emotionen gibt" Zur Großansicht
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Vollmond in Hannover: "Ich kann nicht verstehen, wieso es beim Mond so starke Emotionen gibt"

Wie wirkt der Mond auf den Menschen? Beeinflusst der Mond unseren Schlaf? Haben wir eine innere Monduhr? Der Chronobiologe Christian Cajochen erklärt, warum sich die Fragen nicht so leicht beantworten lassen.

ZUR PERSON
  • privat
    Christian Cajochen ist Chronobiologe und Leiter des Zentrums für Chronobiologie an der Universität Basel. Er erforscht circadiane Rythmen und Schlaf, den Einfluss von Licht auf das geistige Leistungsvermögen und Verhalten, circadiane Rhythmen bei psychischen Erkrankungen und altersbedingte Veränderungen der circadianen Rhythmik.
SPIEGEL ONLINE: Herr Cajochen, beeinflusst der Mond unseren Schlaf oder nicht?

Cajochen: Jein. Wir haben Hinweise, dass der Mond einen Einfluss auf den Schlaf hat, aber wir können nicht sagen warum. Eigentlich hatten wir diese These widerlegen wollen. Stattdessen haben wir aber Effekte gefunden.

2013 veröffentlichte Christian Cajochen eine Studie , in der er rückwirkend die Schlafdaten von insgesamt 33 Personen auswertete. Cajochen verglich die Einschlafzeit, Schlafdauer, mit EEG gemessene Tiefschlafphasen und die Melatoninspiegel an Tagen kurz vor, während und kurz nach einem Vollmond mit der restlichen Zeit. Tatsächlich fand er Effekte: An und um Vollmondtagen brauchten die Probanden im Schnitt fünf Minuten länger zum Einschlafen, schliefen 20 Minuten kürzer und die Tiefschlafphasen waren um 30 Prozent vermindert. Außerdem sank auch der Pegel des Hormons Melatonin.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wurde vorgehalten, dass Ihre Probandenzahl mit 33 Personen viel zu klein war.

Cajochen: Ja. Aber das ist bei Schlafforschungs-Experimenten oft der Fall. Da sind große Fallzahlen nicht immer besser, weil die Effekte klein sind. Außerdem muss man diese Versuche im Schlaflabor hoch kontrolliert durchziehen, alles Licht, alle Geräusche aussperren, was sehr aufwendig ist. Da können Sie nicht Tausende Leute durchschleusen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München fand 2014 bei rund 2000 Personen keine Effekte des Mondes auf den Schlaf.

Cajochen: Ja, das waren insgesamt drei Studien zusammengefasst. Allerdings haben die Forscher die Probanden nicht unter solch kontrollierten Bedingungen beobachtet wie wir, sondern die Teilnehmer beispielsweise auch zu Hause in ihrem eigenen Bett gemessen. Dadurch können Sie nicht die Lichtverhältnisse gleichmäßig halten und ausschließen, dass das Mondlicht direkt den Schlaf stört. Und: Die Probanden wurden in ihrem Tagesrhythmus nicht vorsynchronisiert.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Cajochen: Zwei Wochen bevor wir die Leute ins Schlaflabor holen, bitten wir sie, sich an ihren Schlaf-Wach-Rhythmus zu halten, regelmäßig acht Stunden zu schlafen, die Lichtexposition konstant zu halten und wenig Kaffee zu trinken. Wir haben das auch mit Geräten überwacht. Diejenigen, die sich nicht daran hielten, wurden von der Studie ausgeschlossen. Diese Vorsynchronisation ist wichtig, weil die Effekte klein sind. Wenn der Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander ist, kann man sie nicht mit einer einzigen Nachtmessung entdecken. Außerdem waren bei unserer Studie psychologische Effekte ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Cajochen: Weil wir die Messungen schon Jahre zuvor mit einer ganz anderen Fragestellung gemacht hatten. Die alten Daten haben wir später noch einmal mit der Mond-Fragestellung untersucht. Weder wir noch die Probanden wussten damals also, dass es bei der Studie um den Einfluss des Mondes ging. Wir haben sogar noch einmal in den Fragebögen nachgesehen, ob Probanden möglicherweise den Mond bei der subjektiven Bewertung ihres Schlafes angegeben hatten. Das war nicht der Fall. Außerdem hatten wir ja auch den Melatoninspiegel gemessen - den können Sie nicht willentlich beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Eine weitere Studie von 2014 an 319 Personen konnte Ihre Ergebnisse bestätigen. Dabei fanden Sie sogar einen stärkeren Effekt bei Frauen.

Cajochen: Auch da müsste man mal prüfen, wie kontrolliert die Studienbedingungen waren. Aber natürlich hat mich das gefreut. Ich war ohnehin überrascht, welches Echo unsere Studie ausgelöst hatte - weniger bei Wissenschaftlern als in der Presse.

SPIEGEL ONLINE: Wie gingen die Wissenschaftler damit um?

Cajochen: Ein Beispiel: Ich hatte unsere Ergebnisse beim europäischen Schlafkongress in Paris referieren wollen - es wurde nicht mal als Talk angenommen. Ich hatte nur ein Poster, zu dem so gut wie niemand kam. Eigentlich wollte ich die Resultate gar nicht mehr publizieren.

SPIEGEL ONLINE: Steht man als Wissenschaftler beim Thema Mond sofort in der Esoterik-Ecke?

Cajochen: Ja. Es gibt Kollegen, die weigern sich, dazu Interviews zu geben, weil sie fürchten, dann nicht mehr ernst genommen zu werden. Ich kann nicht verstehen, wieso es beim Mond so starke Emotionen gibt. Umso wichtiger ist der Aspekt der Doppelverblindung. Wenn Sie eine Studie ankündigen, die einen Effekt des Mondes nachweisen oder widerlegen will, werden Sie immer Probanden haben, die das eine oder das andere zeigen wollen. Dennoch kommen Sie nicht drum herum, eine prospektive Studie zu machen, um den Effekt wirklich zu belegen. Sie müssen also eine Mond-Hypothese formulieren, Leute ins Labor holen und dann schauen, ob es Effekte gibt. Leider ist die Finanzierung solcher Studien wegen des Esoterik-Verdachts schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt der Mond auf uns? Über Licht? Oder haben wir Mikro-Ebben und -Fluten in uns? Wir bestehen ja zu 80 Prozent aus Wasser.

Cajochen: Es gibt Physiker, die sagen, dass man die Gravitationskräfte des Mondes sogar in kleinen Gewässern nachweisen kann. Aber die meisten halten die Gravitation für viel zu schwach, um irgendwelche Effekte auf den Körper zu haben. Auch Mondlicht ist schwach, nur 0,4 Lux aber immerhin über zwölf Stunden. Nur: Wir haben die Augen ja nachts zu. Das ist die Krux. Es ist alles nicht so einfach.

SPIEGEL ONLINE: Bei manchen Tieren ist eine innere Monduhr ja nachgewiesen.

Cajochen: Ja, bei marinen Würmern beispielsweise. Deren Monduhr ist wichtig für die Reproduktion. Diese Würmer kann man im Labor mit einem künstlichen Mondlicht umtakten. Aber beim Menschen tappen wir da noch völlig im Dunkeln.

SPIEGEL ONLINE: Welchen biologischen Sinn könnte eine innere Monduhr haben?

Cajochen: Man weiß, dass Frauen, die einen Menstruationszyklus zwischen 28 und 30 Tagen haben, sich mit dem Mondzyklus synchronisieren können. Und man weiß auch, dass Frauen untereinander ihre Zyklen synchronisieren können. Also könnte man spekulieren, dass der Mond bei der Reproduktion der Urmenschen eine Rolle als Taktgeber gespielt haben könnte. Ich habe Endokrinologen gefragt, ob es eine Menstruationsuhr gibt. Die meisten haben sich diese Frage noch nicht gestellt. Somit bleibt das hoch spekulativ. Der Mond ist und bleibt ein Thema.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Entwicklungsgeschichtlich
r_dawkins 05.03.2015
haben die Mondphasen sicherlich einen Einfluß auf die Biologie gehabt. (siehe Analogie zur Monatsblutung) Nichtsdestotrotz sind die Mondphasen einfach verschiedene Beleuchtungs-Zustände einunddesselben gleichbleibenden Gegenstandes. Ebbe und Flut ja, Mondphasen nein (Vollmond-Mineralwasser = Quatsch)
2. Den Mond fühlen nur
oxgino 05.03.2015
Die Diskussion und Forschung ist m.E. geradzu absurd. Ca. 80 % der Menschen sind abgestumpft gegen natürliche Instinkte, nur die restlichen 20 % spüren Wetterwechsel, Peinlichkeit, herannahendes Ungemach etc., so natürlich auch die Mondphasen, vor allem den Vollmond. Der Mond hat so viele Einfluss auf das Klima und die Tide, warum nicht auf Menschen mit Instinkt ? Die Forschung sollte diesen Faktor einmal in die Quoten mit einbeziehen, das Bild wäre komplett anders.
3.
May 05.03.2015
Naja, als mir scheint das aus mehreren Gründen wenig aussagekräftig. Zum einen ware da natürlich die kleine Gruppe an Probanden. Noch gravierender aber scheint mir, dass hier den Probanden von vorne herein klar war, um was es ging. Wer mit einer bestimmten Erwartungshaltung in diesen Versuch geht kann sich so ganz natürlich selbst beeinflussen, bewusst oder unbewusst. Zu guter letzt fehlt aber natürlich auch irgend eine Art von Wirkmechanismus. Man kann natürlich darüber spekulieren, dass wir eine art Mond-Uhr in uns tragen, doch scheint mir das gerade in unserer heutigen Welt mit all dem künstlichen Licht doch sehr unwahrscheinlich.
4. Sicher?
deegeecee 05.03.2015
Zitat von r_dawkinshaben die Mondphasen sicherlich einen Einfluß auf die Biologie gehabt. (siehe Analogie zur Monatsblutung) Nichtsdestotrotz sind die Mondphasen einfach verschiedene Beleuchtungs-Zustände einunddesselben gleichbleibenden Gegenstandes. Ebbe und Flut ja, Mondphasen nein (Vollmond-Mineralwasser = Quatsch)
Da bin ich gespannt, wie Sie die Ausbildung von ein, zwei oder mehreren Zyklen pro Jahr erkären. Hund: Zyklusdauer 16-56 Wochen Katze: 2-7 Wochen Nagetiere: 1 Woche
5. @oxgino
r_dawkins 05.03.2015
Der Mond hat Einfluss auf das Klima? inwiefern?
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