Nocebo-Effekt: "Wir schläfern Sie ein, gleich ist es vorbei"

Von Christian Gruber

Patient, Ärztin (Symbolfoto): Wie stark beeinflusst die Kommunikation die Therapie? Zur Großansicht
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Patient, Ärztin (Symbolfoto): Wie stark beeinflusst die Kommunikation die Therapie?

Nocebo ist das Gegenteil von Placebo - unbedachte Äußerungen von Ärzten können krank machen. Das Gleiche gilt für eine allzu ausführliche Aufklärung über Behandlungsrisiken. Nun diskutieren Mediziner: Soll es für Patienten ein Recht auf Nichtwissen geben?

Jedes Mal, wenn ein Originalmedikament durch ein billigeres Nachahmerpräparat ersetzt werden soll, ist das Geschrei groß. Mediziner und Patientenorganisationen warnen vor Unverträglichkeiten und Nebenwirkungen durch die Generika. "Natürlich können sich Generika in ihrer Bioverfügbarkeit von den Originalsubstanzen unterscheiden", sagt Winfried Häuser, Ärztlicher Leiter des Schwerpunktes Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. "Ob sich aber Probleme einstellen, das hängt wohl auch von den Erwartungsängsten ab, die vorher in der Öffentlichkeit von den Meinungsbildnern geschürt worden sind."

Die Psychologie nennt so etwas unbeabsichtigte negative Suggestionen: Man macht etwas durch eine unbedachte Äußerung schlimmer, als es ist. Eine ganze Reihe von Studien hat nachgewiesen, dass Beschwerden und Symptome häufiger auftreten, wenn der Arzt die Patienten auf mögliche Nebenwirkungen aufmerksam macht. Der Nocebo-Effekt ist vielen Ärzten allerdings weit weniger geläufig als sein Gegenteil, der Placebo-Effekt.

In einer 2001 erschienenen Arbeit unterteilte ein Göttinger Forscherteam um den Psychologen Michael Pfingsten 50 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen. Alle Probanden sollten Kniebeugen machen, doch nur der einen Gruppe wurde gesagt, der Test könne leichte Schmerzen verursachen. Der anderen Gruppe erzählte man, die Übung tue nicht weh. Tatsächlich gingen die Teilnehmer, die Probleme erwarteten, weniger oft in die Knie als die Patienten in der anderen Gruppe; außerdem gaben sie hinterher stärkere Schmerzen zu Protokoll.

Angekündigte Ausfälle der Libido

In einem anderen Versuch verabreichten Ärzte Patienten mit koronarer Herzerkrankung 50 Milligramm des Betablockers Atenolol und klärten nur einen Teil der Teilnehmer darüber auf, dass eine der Nebenwirkungen sexuelle Funktionsstörungen sein könnten. In der Gruppe, die überhaupt nichts von Nebenwirkungen wusste, hatten nur drei Prozent der Patienten Schwierigkeiten im Bett. Den Teil der Patienten, den man über die Arznei informiert hatte, ohne die sexuelle Dysfunktion zu erwähnen, traf es in 16 Prozent der Fälle. Und die Gruppe, die über alle Nebenwirkungen inklusive der möglichen Sex-Störungen Bescheid wusste, zeigte zu 31 Prozent Ausfälle bei der Libido.

Das sollten Ärzte auf keinen Fall sagen
Auslösen von Verunsicherung

"Vielleicht hilft dieses Medikament."

"Probieren wir mal dieses Mittel aus."

"Versuchen Sie, Ihre Medikamente regelmäßig zu nehmen."

Fachjargon

"Wir verkabeln Sie jetzt." (Anschließen an das Überwachungsgerät)

"Dann schneiden wir Sie in ganz viele dünne Scheiben." (CT)

"Wir hängen Sie jetzt an die künstliche Nase." (Atemhilfe über Atemmaske)

"Wir haben nach Metastasen gesucht – der Befund war negativ."

Doppeldeutige Worte

"Dann machen wir Sie jetzt fertig." (Vorbereitung zur Operation)

"Jetzt schläfern wir Sie ein, gleich ist alles vorbei." (Narkoseeinleitung)

"Ich hole noch schnell etwas aus dem Giftschrank (Narkosemittel-Safe), dann können wir anfangen."

Negative Suggestionen

"Sie sind ein Risikopatient."

"Das tut schon immer höllisch weh."

"Sie sollten überhaupt nichts Schweres mehr heben. Nicht, dass Sie zum Schluss noch gelähmt sind."

"Ihr Rückenmarkskanal ist stark eingeengt. Das Rückenmark wird abgequetscht."

Fokussierung der Aufmerksamkeit

"Ist Ihnen übel? (Aufwachraum)

"Rühren Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben." (Aufwachraum)

Unwirksamkeit von Verneinungen und Verkleinerungen

"Sie brauchen keine Angst zu haben."

"Das blutet jetzt mal ein bisschen."


Quelle: Deutsches Ärzteblatt
"Angehende Mediziner und Ärzte in der Fort- und Weiterbildung müssen mit einem speziellen Kommunikationstraining für solche Zusammenhänge sensibilisiert werden", fordert Häuser. Der Arzt müsse die Macht seiner Worte kennen und diese zum Nutzen des Patienten einsetzen. "Das sollte auch in der Pflegeausbildung vermehrt berücksichtigt werden", sagt Häuser. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat er unlängst in einer Übersichtsarbeit im "Deutschen Ärzteblatt" die Literatur zum Nocebo-Effekt zusammengetragen.

Es sei eben ein Unterschied, betont Häuser, ob man dem Hilfesuchenden sage: "Die meisten Patienten vertragen die Maßnahme sehr gut", oder: "Fünf Prozent berichten über Nebenwirkungen". Zum Beispiel hat eine Studie bei radiologischen Punktionen ergeben, dass sich Angst und Schmerz bei Patienten verstärken, wenn die Ankündigung Wörter wie "stechen", "brennen", "wehtun", "schlimm" oder "Schmerz" enthält.

Mehr Schmerzen bei negativen Erwartungen

Dann werden negative Erwartungen geweckt, die vermehrt den Neuro-Botenstoff Cholecystokinin freisetzen, der bei Panik eine Rolle spielt. Wie verschiedene neurobiologische und psychologische Arbeiten außerdem gezeigt haben, vermindern Nocebo-Reaktionen die Freisetzung von Dopamin und körpereigenen Opioiden, was die Schmerzempfindlichkeit erhöht. Es gibt Anzeichen dafür, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer.

Die weitverbreitete Annahme in der Medizin, dass Angst und Schmerz verringert würden, wenn man den Patienten vorher ins Bild setze, was auf ihn zukomme, und sich hinterher mitfühlend zeige, sei so nicht zu halten, warnt Co-Autor Emil Hansen. Der Anästhesist am Universitätsklinikum Regensburg sagt: "Patienten sind für negative Suggestionen, vor allem in existentiell bedrohlich empfundenen Situationen wie einer Operation, bei einer schweren Krankheit oder einem Unfall stark empfänglich." In Extremsituationen befänden sich Menschen häufig in einem natürlichen Trancezustand, in dem sie erhöht beeinflussbar seien. "Dieser Bewusstseinszustand ist anfällig für Missverständnisse durch wortwörtliches Verstehen, doppeldeutige Worte und negative Suggestionen", so Hansen.

Vor diesem Hintergrund sieht Häuser dringend Aktualisierungsbedarf bei den Empfehlungen der Bundesärztekammer zur Patientenaufklärung, die aus dem Jahr 1990 stammen: Zum Beispiel müsse die Frage dringend diskutiert werden, ob ein Patient ein Recht auf Nichtwissen habe, wenn es um Komplikationen bei Eingriffen oder Nebenwirkungen gehe. Vom Gesetzgeber ist eine umfassende Informationspflicht vorgeschrieben: Die Folge sind detaillierte Beipackzettel, mehrseitige Aufklärungsbögen und Einverständniserklärungen. Die Autoren des "Ärzteblatt"-Artikels stellen zur Diskussion, ob diese Maßnahmen - neben der wünschenswerten Information - Patienten nicht zu stark verunsichern und Nocebo-Effekte auslösen.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. optional
VanessaYang 15.08.2012
Ärzte, Apotheker und andere Berufsgruppen, die mit Patienten zu haben, sollten einem wirklich nicht sagen, was alles passieren kann. Da macht man sich nur unnötige Sorgen und im schlimmsten Fall treten die erwähnten Symptome auch noch auf. Ich bin immer heilfroh, wenn ich von diesen Informationen verschont werde!
2. Ich wußte es!
herecomesthebut 15.08.2012
Der Nocebo Effekt ist doch die schlechteste Wortneuschöpfung des 20. Jahrhunderts! Machen wir uns nichts vor, die Menschen sind beeinflussbare Jammerlappen, aber der Rückschluss, dass ein Arzt entscheidende Informationen deswegen nicht geben darf ist vor allem dumm und danach noch gefährlich. Nach der selben Logik sollte man auch in den Nachrichten nur lügen....
3. Endlich mal ein Artikel
ReneMeinhardt 15.08.2012
der in die richtige Richtung geht. Weiter so :-)
4. optional
supra_crepidam 15.08.2012
Jeder Arzt, der einen Patienten nicht komplett über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufklärt, steht mit einem Bein im Gefängnis. Es macht keinen Spaß, Patienten zu erzählen, dass es ein theoretisches Risiko gibt, an einer geplanten Prozedur zu versterben. Bedanken können sich die verunsicherten Patienten bei der deutschen Justiz.
5. ............
janne2109 15.08.2012
der Skandal der in dem Bericht liegt ist ungeheuerlich. Selbstverständlich muss ein Patient informiert werden.
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Zum Autor
  • Christian Gruber leitet das Wissensressort bei der "Rheinpfalz am Sonntag" und bildet an der Hochschule Darmstadt Studenten zu ordentlichen Journalisten aus. Das ist nicht immer leicht. Beides nicht.