"Normal" von Allen Frances: Beichte eines Psychiater-Papstes

Von Jörg Blech

Er machte viele Gesunde zu psychisch Kranken - jahrelang. Jetzt hat sich der US-Psychiater Allen Frances, einer der ehemaligen Autoren des Katalogs für psychiatrische Störungen DSM, gegen seine eigene Zunft gerichtet: In seinem neuen Buch "Normal" legt er eine bemerkenswerte Beichte ab.

Depressive Stimmungen: Schwelle zur Krankheit wird immer niedriger Zur Großansicht
Corbis

Depressive Stimmungen: Schwelle zur Krankheit wird immer niedriger

Je weiter die Psychiatrie voranschreitet, desto weniger Normale bleiben übrig. Einer Studie zufolge erfüllen schon mehr als achtzig Prozent der jungen Erwachsenen die Kriterien für eine psychische Störung. Das sei irre, sagt der US-amerikanische Psychiater Allen Frances. "Die diagnostische Inflation hat dafür gesorgt, dass ein absurd hoher Anteil unserer Bevölkerung heutzutage auf Antidepressiva, Neuroleptika, Anxiolytika, auf Schlaf- und Schmerzmittel angewiesen ist", schreibt er in seinem soeben erschienenen Buch "Normal - Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen".

Vor einer Abschaffung der seelischen Gesundheit haben Kritiker schon vorher gewarnt. Doch mit Frances, 70, meldet sich jetzt jemand zu Wort, der sein ganzes Berufsleben selbst daran beteiligt war, normale Menschen in seelisch Kranke zu verwandeln.

Umstrittener Leitfaden

Allen Frances leitete die Abteilung für Psychiatrie an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina und pries als bezahlter Redner Produkte der pharmazeutischen Firmen an. Zusätzlich war er bei der American Psychiatric Association (Apa) darin eingebunden, neue seelische Leiden zu erfinden. Die Apa ist mit weltweit 36.000 Mitgliedern die größte Psychiatervereinigung und gibt die Bibel der Seelenheilkunde heraus, das "Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen" (DSM).

Das dicke Handbuch listet Verhaltensweisen auf, die nach Meinung der Apa als offizielle psychische Erkrankung zu gelten haben. Was im DSM steht, beeinflusst auch den ICD-10, jenen Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit dem Ärzte und Psychologen hierzulande abrechnen.

Das DSM bestimmt, wo die Grenze zwischen normal und gesund verläuft. Und das ist eine Grenze, die bisher mit jeder neuen Ausgabe des DSM in den Bereich des Normalen verschoben wurde. Frances hatte an der dritten Auflage (DSM-III) mitgewirkt und war Vorsitzender der Kommission, die die derzeit noch gültige vierte Auflage (DSM-IV) earbeitet hat. In diesem Zeitraum ist die Anzahl der verschiedenen Diagnosen von 182 auf 297 gestiegen. Diese Epidemie der Seelenleiden sei dem Fortschritt der Psychiatrie geschuldet, hieß es immer. Je genauer man forsche, desto mehr Krankheiten entdecke man.

Aus Schüchternheit wird Phobie

Nun aber räumt Insider Frances mit diesem Märchen auf. In Wahrheit seien psychische Störungen aus "praktischer Notwendigkeit, Zufall, allmählicher Verwurzelung, Präzedenz und Trägheit" in das DSM gelangt. "Kein Wunder also", so Frances, "dass die Störungen nach dem DSM ein ziemliches Sammelsurium ohne innere Logik sind und sich teilweise gegenseitig ausschließen."

Als Beispiel beschreibt Frances, wie er und seine Mitstreiter die banale Schüchternheit in die "soziale Phobie" verwandelt haben, heute die dritthäufigste psychische Störung. "Wir hatten alle den Kopf tief im Sand und verschätzten uns grob", räumt er ein. Und leider sei es ihm nicht gelungen, "drei neue falsche Epidemien bei Kindern vorherzusagen oder gar zu verhindern: Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und bipolare Störung". Dabei seien die Kinder heute gar nicht gestörter als früher, gesteht Allen Frances. "Was sich verändert hat, sind die Etiketten".

Buchtipp
Laut Frances haben die Psychiater aus ihren Pannen mitnichten gelernt, im Gegenteil, sie würden es von Mai an noch toller treiben. Dann nämlich soll die fünfte Ausgabe des Leitfadens erscheinen, das DSM-5 - aus "der diagnostischen Inflation wird eine Hyperinflation", warnt Frances. Tatsächlich listet das DSM-5 viele neue Diagnosen auf, die die Gefahr bergen, gewöhnliches Verhalten in krankhafte Zustände umzuwandeln.

Gegner fragen sich, warum Frances so lange schwieg

Die normale Trauer wird zur schweren Depression. Schlecht gelaunte, reizbare Kinder haben Aussicht, eine disruptive Launenfehlregulationsstörung (DMDD) attestiert zu bekommen. Die Völlerei gilt künftig ebenfalls als psychische Krankheit namens Fressgelage-Störung ("Binge Eating"-Störung). Tobemarie und Zappelphilip werden erwachsen, weil die Kriterien für ADHS keine Altersbeschränkung mehr haben. Allen Frances prophezeit "Fehldiagnosen bei vielen gesunden Erwachsenen, die mit ihrer mangelnden Konzentration auf die Arbeit unzufrieden sind".

Die Beichte des bekannten Psychiaters könnte helfen, die Seelenheilkunde in vernünftige Bahnen zu lenken. Ärzte und Psychologen sollten jenen Menschen helfen, die tatsächlich seelisch krank sind, und die anderen in Ruhe lassen. Seine Gegner allerdings fragen sich, warum Frances so lange geschwiegen hat.

Er wird just in dem Augenblick vom Saulus zum Paulus, wo seine Tantiemen für ein DSM-IV-Begleitbuch in Höhe von 10.000 Dollar pro Jahr versiegen. Über diese Einkünfte schweigt Frances sich in seinem Buch ebenso aus wie über Details zu seinen Verbindungen zur pharmazeutischen Industrie. Zwei Nachfragen lässt er offen. Er könne nicht einmal einen Computer bedienen und habe keine Unterlagen mehr.

Am Ende kann Allen Frances sich an den Namen keiner einzigen Pharmafirma erinnern, von der er die ganzen Jahre Honorare kassierte. Vielleicht liegt es daran, dass der Psychiater selbst von der Hyperinflation der Diagnosen eingeholt worden ist. Die normale Altersvergesslichkeit wird im neuen DSM als "leichte kognitive Störung" geführt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Endlich
postit2012 12.04.2013
mal ein vernünftiges Wort! Schönes Wochenende postit
2. Verständnis von Bedürfnissen
Frieden ist alles 12.04.2013
Fragwürdig ist für mich die ganze Einteilung in psychisch "Gesunde" und psychisch "Kranke" mit der Orientierung an der "Norm". Was normal ist verändert sich mit der Zeit und heute ist normal was zu anderen Zeiten verpönt war und umgekehrt. Auch von Kultur zu Kultur ergeben sich gravierende Unterschiede. Wer legt fest was "normal" ist, und für wenn hat dies Gültigkeit? Kann es sein das der Versuch auf die Art und Weise psychische Krankheit definieren zu wollen ein Irrweg ist? Was entspricht der menschlichen Natur? Was sie die authentischen Eigenschaften des Menschen? Kann er sich von diesen entfremden und könnte dies ein Kriterium für psychische Krankheit sein? Wenn ja, wer definiert diese? Ich glaube daß das Menschenbild ,das sich in psychiatrischen Diagnosen wiederfindet nicht dem entspricht was Menschsein im wahrsten Sinne bedeutet. Der Mensch hat nach meinem Verständnis authentische Bedürfnisse. Werden diese nicht erfüllt, leidet der Körper und die Psyche. So entstehen in Folge die Symptome die als psychisch krank bezeichnet werden. Erst durch das Verständnis der zu Grunde liegenden Bedürfnisse können sinnvolle Behandlungsmöglichkeiten entstehen. Von beidem ist die Psychiatrie weit entfernt.
3. Kriminell oder krankhaft?
qwertz4711 12.04.2013
Es ist doch hinlänglich bekannt, dass die pharmazeutische Industrie ständig neue Dinge pathologisiert, um sich neue Kundengruppen zu erschließen. Schlechte Laune wird zur psychischen Störung und gewöhnliche Alterszipperlein zu behandlungsbedürftigen Krankheiten. Hauptsache, es klingelt in der Kasse.
4.
Olaf 12.04.2013
Zitat von sysopEr machte viele Gesunde zu psychisch Kranken - jahrelang. Jetzt hat sich der US-Psychiater Allen Frances, einer der ehemaligen Autoren des Katalogs für psychiatrische Störungen DSM, gegen seine eigene Zunft gerichtet: In seinem neuen Psychologiebuch "Normal" legt er eine bemerkenswerte Beichte ab. "Normal" von Allen Frances: Beichte eines Psychiater-Papstes - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/normal-von-allen-frances-beichte-eines-psychiater-papstes-a-893739.html)
Na ja, zumindest die Völlerei zählt seit rd. 1500 Jahren zu den sieben Todsünden und wird daher schon länger als nicht normales Verhalten gesehen. Und da wir schon bei der Religion sind: Diese vom Saulus-zum-Paulus Wandlungen ist mir verdächtig. Erst wird gut als Stütze des Systems verdient und nach dem Ausscheiden wird mit Kritik an dem System verdient.
5. optional
carlo02 12.04.2013
ich hab ne soziale Phobie und will nicht, dass die mit Schüchternheit verwechselt wird.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Psychologie
RSS
alles zum Thema Psychiatrie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 74 Kommentare
Zum Autor
  • Jörg Blech ist Biologe, Mitglied der SPIEGEL-Redaktion und hat den Bestseller "Die Krankheitserfinder" geschrieben.

Buchtipp