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Umgang mit Depressiven: Liebe Gesunde, reißt euch zusammen

"Stell dich nicht so an": Unter dem Hashtag #notjustsad sprechen psychisch Kranke über Vorurteile und Verurteilungen. Eine SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiterin berichtet von ihren Erfahrungen.

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Corbis

Teenager: Wer sich ein Bein bricht, bekommt Mitgefühl. Wer psychisch krank ist, muss sich rechtfertigen

Ich setze unter diesen Artikel nicht meinen Namen. Sie können mich dafür feige nennen, aber die Gründe liegen - leider - auf der Hand. Als Jugendliche war ich magersüchtig, als junge Erwachsene bulimisch. Ich habe beides nur mithilfe einer Psychotherapie überwunden.

Dass ich meinen Namen nicht für jeden auffindbar neben der Diagnose Essstörungen sehen will, hängt damit zusammen, dass psychische Leiden von der Gesellschaft noch immer grundsätzlich anders betrachtet werden als physische. Wer sich das Bein bricht, bekommt Mitgefühl. Wer eine psychische Störung hat (oder hatte), wird schräg beäugt und muss sich rechtfertigen. "Andere haben viel Schlimmeres erlebt, und sind trotzdem nicht gestört", heißt es schnell.

Ich weiß nicht, ob ein Hashtag wie #notjustsad etwas daran ändern kann. Ich hoffe es. Als ich auf Twitter bei #notjustsad mitgelesen habe, habe ich einiges wiedererkannt.

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Das Sich-Verstecken-Müssen, bedingt durch das Unverständnis Nicht-Betroffener, ist ein Problem, dem nicht nur Depressive begegnen, sondern viele, wenn nicht alle mit einer psychischen Störung. Das schmälert #notjustsad nicht, sondern macht es umso relevanter.

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Was sich auf Twitter vielleicht noch schnell und unterhaltsam liest, kann in Wirklichkeit verheerend sein. Wenige unbedachte Worte reichen manchmal aus, um jemanden, der schon ganz unten ist, noch länger hinunterzudrücken. "Du bist eben ein unglücklicher Mensch. Das wird sich wohl nie ändern", war so eine Aussage, die ich jahrelang mit mir herumtrug.

Ja, ich verstehe, dass es für Nicht-Betroffene mitunter schwierig ist, auf Menschen mit psychischen Krankheiten zu- und einzugehen. Weil es nicht logisch nachvollziehbar ist, warum sie sich so verhalten. Wieso der Depressive sich einigelt. Wieso der Alkoholiker wieder säuft. Glauben Sie mir, ich fand es selbst extrem unlogisch, Unmengen Essen in mich hineinzustopfen und mich danach zu erbrechen. Aber das war nun einmal keine Frage des Intellekts. Und nein, es war auch keine des Willens.

Dass es angesichts solcher Verhaltensweisen schwerfallen mag, nicht zu (ver)urteilen, darf keine Ausrede sein, sich auf seinem Unverständnis auszuruhen. Psychisch Kranke brauchen, ebenso wie physisch Kranke, Hilfe. Professionelle Hilfe - auf die man in Deutschland leider oft viele Monate warten muss, was nochmal ein ganz anderer Skandal ist. Aber sie brauchen auch Unterstützung in ihrem Umfeld.

Oder, um es mit euren Worten zu sagen, liebe Gesunde: Reißt Euch endlich zusammen und seid nicht so ignorant, dann wird alles besser. Man muss nämlich nur wollen.

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