Oliver Sacks' neues Buch: Im Rausch der Halluzinationen

Von Astrid Viciano

Frauen mit goldbesetzten Pelzen, Herren in morgenländischen Gewändern: Halluzinationen sind so verschieden, wie die Menschen selbst. Der New Yorker Neurologe Oliver Sacks widmet dem seltsamen Phänomen jetzt das Buch "Drachen, Doppelgänger und Dämonen"- mit der ihm eigenen Liebe zum Detail.

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Corbis

Halluzinationen: "Nicht zwangsläufig etwa Schreckliches"

Als der Neurologe Oliver Sacks ein junger Assistenzarzt war, unterhielt er sich einmal mit einer Spinne an seiner Küchenwand. Ein anderes Mal bereitete er ein Frühstück mit Eiern und Speck für Freunde zu, die gar nicht anwesend waren. Und eines Morgens meinte er sogar, auf dem Ärmel seines Morgenmantels eine Schlacht Englands gegen Frankreich aus dem Jahr 1415 zu sehen.

Sacks hatte Substanzen wie Cannabis, LSD oder Morphium ausprobiert, um deren Wirkung auf sein Gehirn zu beobachten. "Für mich war echt und real, was ich sah", schreibt der Mediziner und Bestseller-Autor in seinem neuen Buch "Drachen, Doppelgänger und Dämonen" über seine Drogenerfahrungen. Und schildert noch ausgiebig, welche anderen Ursachen Halluzinationen haben können, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen und wie die Trugbilder das Leben mancher Patienten sogar bereichern kann. Sacks, dessen Fallgeschichten in Hollywood in "Zeit des Erwachens" mit Robin Williams und Robert De Niro erfolgreich verfilmt wurden, widmet sich auch dem Thema der Halluzinationen mit der ihm eigenen Wärme und Liebe zum Detail.

Allein mit der Kraft seiner Sprache katapultiert der Neurologe seine Leser in seinem neuen Buch wieder in eine Welt voller sonderbarer Phänomene, zum Beispiel des Charles-Bonnet-Syndroms. Menschen, die im Laufe ihres Lebens erblindet sind oder zumindest einen Großteil ihres Sehvermögens verloren haben, sehen plötzlich Frauen mit goldbesetzten Pelzen oder Herren in morgenländischen Gewändern an ihrem Krankenbett, erblicken Texte oder Musiknoten in der Luft, die keinerlei Sinn ergeben. "Alle Versuche, die Halluzinationen zu deuten, blieben fruchtlos", schreibt Sacks.

Zehn verschiedene Patienten mit Charles-Bonnet-Syndrom lässt der Neurologe im ersten Buchkapitel zu Wort kommen, alle dürfen über ihre Erlebnisse im Detail berichten. Unermüdlich wiederholt der Mediziner dabei, dass Halluzinationen nicht zwangsläufig etwas Schreckliches sind.

Es ist wie ein goldener Faden, der sich durch alle Werke des Neurologen zieht: Die Empathie, mit der Sacks darüber berichtet, wie seine Patienten ihr Leben trotz ihrer Erkrankung bewältigen, wie manche von ihnen ihr Leiden sogar positiv bewerten. So berichtet er von einem Herrn, der sich manchmal in einen stillen Raum zurückzog, um das Theater in seinem Kopf wie ein Schauspiel zu genießen. Oder von der Frau, deren Trugbilder sie zum Verfassen von Gedichten inspirierten.

Akribisch grenzt er verschiedene Formen von Halluzinationen voneinander ab. Solche, die den Patienten als real erscheinen, von solchen, die sofort als Trugbild entlarvt werden. Er erklärt, dass Menschen auch Geräusche oder Gerüche als Halluzination wahrnehmen können, er legt dar, dass die Symptome viele Ursachen haben können - Erkrankungen wie Schizophrenie oder Epilepsien, aber auch Schlafentzug, Trauer oder Drogen.

Vom eigenen Doppelgänger verfolgt

Immer weiter steigert Sacks die Spannung seiner Erzählung, zum Beispiel als er von einem Patienten berichtet, der sich wegen seiner Halluzinationen aus dem Fenster stürzte. Er fühlte sich von seinem eigenen Doppelgänger verfolgt und wollte sein Alias auf diese Weise zwingen, wieder mit ihm zu verschmelzen. Bald berichtet der Autor von einer Freundin, die sich nach großem Blutverlust bei der Entbindung plötzlich an der Decke des Kreißsaals schweben und ihren eigenen Körper unten liegen sah. Oder von dem Patienten, der eines Morgens ein totes, haariges Bein in seinem Bett vorfand und angewidert feststellen musste, dass das vermeintlich fremde Glied an ihm befestigt war.

Schließlich fragt sich Sacks, ob Halluzinationen vielleicht unsere Kultur geprägt haben. Ob sie womöglich den Ursprung "unserer Kunst, Folklore und sogar Religion" bildeten, schreibt der Neurologe. Wie in seinen früheren Büchern schlägt der Autor auch diesmal den Bogen zwischen der Welt der Medizin und jener der Literatur, verweist zum Beispiel auf Geschichten von Edgar Allen Poe.

Sacks liefert einen grandiosen Rundumschlag zu Ursachen und Auswirkungen von Halluzinationen, auf den einzelnen Menschen und auf unsere Kultur. Und dennoch mag es vorkommen, dass er die Leser mit den zahlreichen Details über das Leben seiner Patienten überfordert, dass sie die Vielfalt der beschriebenen Trugbilder an mancher Stelle ermüdet. Dass sie sich in dem Strudel voller seltsamer Phänomene verlieren.

In jedem Fall werden seine Leser künftig akribisch prüfen, welche ihrer Sinneseindrücke real sind - und beim Anblick von Herren in morgenländischer Kleidung schnell misstrauisch werden.

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insgesamt 25 Beiträge
keyser sosze 09.03.2013
ich erkrankte mal am tropischen dengue-fieber und halluzinierte eine katze, die sich die pfoten leckte und die ich stundenland dabei beobachtet habe. als mein fieber abgeklungen war stellte es sich heraus, dass die vermeintliche [...]
ich erkrankte mal am tropischen dengue-fieber und halluzinierte eine katze, die sich die pfoten leckte und die ich stundenland dabei beobachtet habe. als mein fieber abgeklungen war stellte es sich heraus, dass die vermeintliche katze eine zerknuellte hose war, die auf meinem fussboden lag. ein andermal - waehrend eine schizophrenen schubes in meinen fruehen zwanzigern - hatte ich eine seltsame sinnestaeuschung jedes mal wenn ich auf der strasse war: alle architektur schien 3-dimensional, aber die menschen darin wie zweidimensionale animierte flaechen. natuerlich koennen halluzinationen kreative prozesse in gang setzen, das geht auch ohne drogen oder geistes-krankheit: zb mit burroughs und gysins dreamachine. besser als fernsehen.
UCL 09.03.2013
'The man who mistook his wife for a hat', oder wie auch immer sein grandioses erstes Weltwerk betitelt war. Für uns UCL'er war es schon ein Kreuz mit ihm, mit Olly. Auch wegen seiner immer noch so innig gepflegten [...]
'The man who mistook his wife for a hat', oder wie auch immer sein grandioses erstes Weltwerk betitelt war. Für uns UCL'er war es schon ein Kreuz mit ihm, mit Olly. Auch wegen seiner immer noch so innig gepflegten Feindschaften, vor allem zu gewissen Nobelpreisträgern, die nun an die West-Coast umgezogen sind. Und dann ist auch, wie bei Crick, diese Geschichte der ausgewanderten Anti-Imperialisten auf der Insel so eine Sache - denn beide (und nicht nur diese beiden) mussten sich immer wieder recht peinliche Korrekturen auf der Insel abholen, so auch Olly. Denn der wußte damals, obwohl er darüber schrieb, gar nicht daß es ein lange bekanntes neurologisches Syndrom gab, die Prosopagnosie. Olly musste sich damals von einem UCL PhD Studenten (S.S.) belehren lassen. So ist das, mit einigen dieser berühmten Größen in unserer Neurowissenschaft. Und die braucht Ollies Bücher nicht wirklich, trotz so mancher Rezensionen … Interessant wären eigentlich diese ungeschrieben Bücher, über so Typen wie Olly, über diverse Nobel-Laureates und solche, die vergeblich nach dem Zweiten-Nobelpreis streben und solche, die ihn nie bekommen werden und deshalb so unerträglich sind …
cato-der-ältere 09.03.2013
Wenn jemand aus dem Morgenland das Buch liest wird er sich über Herren in morgenländischer Kleidung vermutlich nach wie vor nicht wundern.
Wenn jemand aus dem Morgenland das Buch liest wird er sich über Herren in morgenländischer Kleidung vermutlich nach wie vor nicht wundern.
Till.Wollheim 09.03.2013
Die Zeit des Papierbuches ist für echte Leser vorbei - alleine wegen des Platzmangels! Da mutet es schon negativ an, wenn Verlage nicht wenigstens zeitgleich, besser noch vorher, ein Werk auch als E-Book herausbringen. Vor allem [...]
Die Zeit des Papierbuches ist für echte Leser vorbei - alleine wegen des Platzmangels! Da mutet es schon negativ an, wenn Verlage nicht wenigstens zeitgleich, besser noch vorher, ein Werk auch als E-Book herausbringen. Vor allem dürfen aber E-Books nicht mehr als 5 € kosten!
reuanmuc 09.03.2013
Ist das nicht in allen Wissenschaft so ähnlich, vor allem in jenen, wo man viel im Nebel stochert, nach sensationellen Erkenntnissen? Es gibt ein solches Buch von Godela Unseld (Das Abenteuer "Erkennen") über die [...]
Zitat von UCL' Interessant wären eigentlich diese ungeschrieben Bücher, über so Typen wie Olly, über diverse Nobel-Laureates und solche, die vergeblich nach dem Zweiten-Nobelpreis streben und solche, die ihn nie bekommen werden und deshalb so unerträglich sind …
Ist das nicht in allen Wissenschaft so ähnlich, vor allem in jenen, wo man viel im Nebel stochert, nach sensationellen Erkenntnissen? Es gibt ein solches Buch von Godela Unseld (Das Abenteuer "Erkennen") über die Kognitionswissenschaft in Deutschland, mit ähnlichen Phänomenen. Es gibt in USA einige bekannte Namen auf Grund ihrer Bücher und Publikationen, wie Damasio, Edelman, Koch, und dann natürlich noch die Philosophen wie Churchland, Searle, Dennett, Chalmers, McGinn um einige zu nennen. Nicht zu vergessen Chomsky und Pinker. Die wissenschaftliche Ausbeute scheint aber noch recht mager zu sein, im Verhältnis zum öffentlichen Lärm. Ist mit "Insel" Martha's Vinyard gemeint?
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  • Samstag, 09.03.2013 – 09:11 Uhr
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Zur Person
  • Getty Images
    Oliver Sacks, 79, ist Professor für Neurologie an der New York University und Bestseller-Autor. Mit der Verfilmung seines Buchs "Zeit des Erwachens" mit Robert De Niro und Robin Williams im Jahr 1990 wurde der Mediziner weltberühmt. "Drachen, Doppelgänger und Dämonen" ist sein neuestes Werk.

Zur Autorin
  • Tinka Dietz
    Astrid Viciano hat in Deutschland, Frankreich und Spanien Medizin studiert, war nach ihrer Promotion Redakteurin bei "Focus", "Die Zeit" und beim "Stern", zuletzt für zwei Jahre in Los Angeles. Seit Juli 2012 lebt sie als freie Autorin in Paris.
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