Von Astrid Viciano
Als der Neurologe Oliver Sacks ein junger Assistenzarzt war, unterhielt er sich einmal mit einer Spinne an seiner Küchenwand. Ein anderes Mal bereitete er ein Frühstück mit Eiern und Speck für Freunde zu, die gar nicht anwesend waren. Und eines Morgens meinte er sogar, auf dem Ärmel seines Morgenmantels eine Schlacht Englands gegen Frankreich aus dem Jahr 1415 zu sehen.
Sacks hatte Substanzen wie Cannabis, LSD oder Morphium ausprobiert, um deren Wirkung auf sein Gehirn zu beobachten. "Für mich war echt und real, was ich sah", schreibt der Mediziner und Bestseller-Autor in seinem neuen Buch "Drachen, Doppelgänger und Dämonen" über seine Drogenerfahrungen. Und schildert noch ausgiebig, welche anderen Ursachen Halluzinationen haben können, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen und wie die Trugbilder das Leben mancher Patienten sogar bereichern kann. Sacks, dessen Fallgeschichten in Hollywood in "Zeit des Erwachens" mit Robin Williams und Robert De Niro erfolgreich verfilmt wurden, widmet sich auch dem Thema der Halluzinationen mit der ihm eigenen Wärme und Liebe zum Detail.
Allein mit der Kraft seiner Sprache katapultiert der Neurologe seine Leser in seinem neuen Buch wieder in eine Welt voller sonderbarer Phänomene, zum Beispiel des Charles-Bonnet-Syndroms. Menschen, die im Laufe ihres Lebens erblindet sind oder zumindest einen Großteil ihres Sehvermögens verloren haben, sehen plötzlich Frauen mit goldbesetzten Pelzen oder Herren in morgenländischen Gewändern an ihrem Krankenbett, erblicken Texte oder Musiknoten in der Luft, die keinerlei Sinn ergeben. "Alle Versuche, die Halluzinationen zu deuten, blieben fruchtlos", schreibt Sacks.
Zehn verschiedene Patienten mit Charles-Bonnet-Syndrom lässt der Neurologe im ersten Buchkapitel zu Wort kommen, alle dürfen über ihre Erlebnisse im Detail berichten. Unermüdlich wiederholt der Mediziner dabei, dass Halluzinationen nicht zwangsläufig etwas Schreckliches sind.
Es ist wie ein goldener Faden, der sich durch alle Werke des Neurologen zieht: Die Empathie, mit der Sacks darüber berichtet, wie seine Patienten ihr Leben trotz ihrer Erkrankung bewältigen, wie manche von ihnen ihr Leiden sogar positiv bewerten. So berichtet er von einem Herrn, der sich manchmal in einen stillen Raum zurückzog, um das Theater in seinem Kopf wie ein Schauspiel zu genießen. Oder von der Frau, deren Trugbilder sie zum Verfassen von Gedichten inspirierten.
Akribisch grenzt er verschiedene Formen von Halluzinationen voneinander ab. Solche, die den Patienten als real erscheinen, von solchen, die sofort als Trugbild entlarvt werden. Er erklärt, dass Menschen auch Geräusche oder Gerüche als Halluzination wahrnehmen können, er legt dar, dass die Symptome viele Ursachen haben können - Erkrankungen wie Schizophrenie oder Epilepsien, aber auch Schlafentzug, Trauer oder Drogen.
Vom eigenen Doppelgänger verfolgt
Immer weiter steigert Sacks die Spannung seiner Erzählung, zum Beispiel als er von einem Patienten berichtet, der sich wegen seiner Halluzinationen aus dem Fenster stürzte. Er fühlte sich von seinem eigenen Doppelgänger verfolgt und wollte sein Alias auf diese Weise zwingen, wieder mit ihm zu verschmelzen. Bald berichtet der Autor von einer Freundin, die sich nach großem Blutverlust bei der Entbindung plötzlich an der Decke des Kreißsaals schweben und ihren eigenen Körper unten liegen sah. Oder von dem Patienten, der eines Morgens ein totes, haariges Bein in seinem Bett vorfand und angewidert feststellen musste, dass das vermeintlich fremde Glied an ihm befestigt war.
Schließlich fragt sich Sacks, ob Halluzinationen vielleicht unsere Kultur geprägt haben. Ob sie womöglich den Ursprung "unserer Kunst, Folklore und sogar Religion" bildeten, schreibt der Neurologe. Wie in seinen früheren Büchern schlägt der Autor auch diesmal den Bogen zwischen der Welt der Medizin und jener der Literatur, verweist zum Beispiel auf Geschichten von Edgar Allen Poe.
Sacks liefert einen grandiosen Rundumschlag zu Ursachen und Auswirkungen von Halluzinationen, auf den einzelnen Menschen und auf unsere Kultur. Und dennoch mag es vorkommen, dass er die Leser mit den zahlreichen Details über das Leben seiner Patienten überfordert, dass sie die Vielfalt der beschriebenen Trugbilder an mancher Stelle ermüdet. Dass sie sich in dem Strudel voller seltsamer Phänomene verlieren.
In jedem Fall werden seine Leser künftig akribisch prüfen, welche ihrer Sinneseindrücke real sind - und beim Anblick von Herren in morgenländischer Kleidung schnell misstrauisch werden.
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