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Angebot für Angehörige: Online-Hilfe unterstützt bei der Pflege

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Corbis

Hilfe am Laptop: Austausch via Internet mit anderen Betroffenen und Beratern

Um Patienten mit multipler Sklerose, Parkinson oder Demenz kümmert sich vor allem die Familie. Brauchen Angehörige Unterstützung, fällt vielen die Suche nach Hilfe schwer. Online-Angebote können die Hemmschwelle senken.

Sich waschen, ankleiden, essen, Karten spielen, spazieren gehen: All das kann der Ehemann von Sylvia Moritz. Doch ohne sie macht er es nicht, weil er es vergisst. Vor zwei Jahren bekam er die Diagnose Demenz. Seither ist seine Frau von morgens bis abends an seiner Seite.

Die 59-Jährige hilft ihm, durch den Tag zu kommen. Ob Kartoffeln schälen fürs Mittagessen, Gedächtnistraining am PC oder gemeinsam Memory spielen: Mit ihrer Unterstützung bleibt er aktiv und lebt, statt dahinzuvegetieren.

Sylvia Moritz ist eine von mehr als einer Million Deutschen, die ihren Partner, die Eltern oder Geschwister pflegen. Sie alle sind rund um die Uhr in Bereitschaft, sorgen für das Wohl ihrer erkrankten Lieben. Eine Aufgabe, die erfüllt - aber auch Kraft und Nerven kostet. Viele Angehörige stehen kurz vor dem Zusammenbruch, sind depressiv, körperlich und seelisch fragil. "Die Erkrankung schreitet immer weiter fort. Gute Freunde wenden sich plötzlich ab. Und, was auch viele übersehen: Ich habe meinen Partner verloren. Die Person, mit der ich über alles sprechen konnte, die für mich da war, der ich körperlich gern nahe war. Jetzt bin ich seine Krankenschwester", sagt Moritz.

Erfahrungsaustausch online

Um mit dieser psychischen Last zurechtzukommen, hat sie sich Hilfe gesucht: Bei einem Psychiater, einer Selbsthilfegruppe und im Internet. Einmal in der Woche nimmt sie an einer kostenlosen Online-Schulung des Projekts "Demenz anders sehen" teil, das von der Hochschule Magdeburg-Stendal und dem Berliner Forschungsinstitut Delphi-Gesellschaft initiiert wurde.

Über zehn Wochen vermitteln geschulte Psychologen in Videokonferenzen einer kleinen Gruppe von Pflegenden Wissen zu Demenzerkrankungen, geben praktische Hilfestellungen für den Pflegealltag und Tipps, wie sich die Pflegenden selbst Gutes tun können. Die gesetzlichen Krankenkassen fördern dieses Projekt.

Jeden Mittwoch startet Sylvia Moritz ihren Computer, setzt ein Headset auf und schaltet die Kamera ein. In einem virtuellen Raum trifft sie die anderen fünf Schulungsteilnehmer aus ganz Deutschland, die wie sie einen Angehörigen mit Demenz pflegen. Mit ihnen kann sie sich austauschen, von und mit ihnen lernen. "Es ist hilfreich zu sehen, wie jeder anders mit der Situation umgeht, aber auch nicht allein zu sein und über seine eigenen Erfahrungen reden zu können", sagt sie.

Große Reichweite und Flexibilität

Zukünftig könnte es mehr Online-Hilfen für pflegende Angehörige geben, denn die virtuelle Unterstützung hat viele Vorteile. "In Kleinstädten oder auf dem Land gibt es oftmals keine Beratungsangebote oder Selbsthilfegruppen. Online-Beratung ist aber nicht an den Wohnort gebunden", sagt der Psychologe Benjamin Jonas von Delphi. Die Pflegenden sind zudem enge Bezugsperson für die Erkrankten. Es ist nur schwer möglich, das Haus für einen Beratungstermin zu verlassen. Auch für Sylvia Moritz: "Mein Mann hat inzwischen Angst allein zu Hause zu sein. Aber für die Online-Gruppe muss ich nicht rausgehen. Das ist beruhigend - für ihn und für mich."

Viele Pflegende schämen sich zudem für negative Gefühle oder Sorgen. Die Hemmschwelle, mit anderen über diese Probleme zu sprechen, ist hoch. Online-Angebote wie etwa das Internetprojekt pflegen-und-leben.de von der gemeinnützigen Gesellschaft Catania senken diese erheblich. Dort können pflegende Angehörige sich anonym beraten lassen. Über ein verschlüsseltes E-Mail-Postfach schreiben sie sich ihre Probleme von der Seele, können Fragen stellen und erhalten von Psychologen Tipps.

Psychische Entlastung

Mehr als 540 Menschen haben in den vergangenen zwei Jahren über die vom Familienministerium finanzierte Plattform bereits kostenlos Unterstützung erfahren. Dass die Hilfe aus dem Internet tatsächlich entlastet, zeigt eine Untersuchung der Freien Universität Berlin. Die ersten 68 Ratsuchenden wurden vor und nach der Beratung gebeten, Fragebögen zu ihrem seelischen Befinden auszufüllen. Nach dem virtuellen Austausch empfanden die Pflegenden deutlich weniger Stress, Angst und depressive Gefühle. Sie hatten zudem eher den Eindruck, durch ihr Handeln etwas zu bewirken. Eine noch unveröffentlichte erweiterte Studie bestätigt die positiven Ergebnisse.

Auch das Gruppenprogramm von Demas verspricht, hilfreich zu sein. Das kanadische Vorbild erwies sich in einer Studie als erfolgreich. Die Forscher verglichen das körperliche und seelische Wohlbefinden von mehr als 90 pflegenden Angehörigen von Demenz-Patienten, die sich entweder einmal pro Woche zu einer Chat-Gruppe oder für eine Online-Videokonferenz zusammenfanden, angeleitet von einem geschulten Berater. Beide Gruppen fühlten sich nach zehn Sitzungen weniger gestresst und berichteten von weniger körperlichen Beschwerden. Die Videoberatung zeigte jedoch deutlich mehr Wirkung: Das Wohlbefinden dieser Gruppe verbesserte sich deutlich stärker als das der Chat-Gruppe.

Noch vier Videokonferenzen hat Sylvia Moritz vor sich, bis das Programm abgeschlossen ist. Doch bereits jetzt profitiert sie davon. Nach der vergangenen Sitzung etwa begann sie sofort, für ihren Mann Türschilder zu basteln, auf denen ein Foto zeigt, was sich hinter der Tür befindet. "So findet mein Mann leichter das richtige Zimmer", sagt sie. Das nehme ihm den Frust, sie ständig fragen zu müssen. Die Idee dazu entwickelte die Online-Gruppe gemeinsam. "Bisher hatte ich nach jedem Termin das Gefühl, etwas mitgenommen zu haben."

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Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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