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06. Juni 2012, 08:11 Uhr

Online-Partnerbörsen

Psychologen halten Dating-Seiten für untauglich

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Die Suche nach dem Traumpartner im Internet ist ein Millionengeschäft. US-Psychologen haben Dating-Seiten jetzt wissenschaftlich untersucht und kommen zu einem vernichtenden Urteil: Die Versprechen der Anbieter sind kaum haltbar.

Wenn es um Liebe geht, glauben viele Menschen an göttliche Fügung. Der Mann oder die Frau fürs Leben wird einem schon irgendwann über den Weg laufen - und wenn das passiert, dann wird man das gewiss merken. Doch nicht immer taucht der Traumpartner einfach so aus dem Nichts auf - Online-Partnerbörsen versprechen da Abhilfe. Sie betreiben die Suche nach dem Märchenprinzen ganz ähnlich wie ein Immobilienmakler die Fahndung nach der Traumwohnung. Man benötigt nur genügend Eckdaten (Interessen, Vorlieben, Wünsche an den potentiellen Partner) - und bringt die Suchenden dann per Matching-Algorithmus zusammen.

Anbieter wie Parship.de oder Match.com berufen sich dabei ausdrücklich auf wissenschaftlich fundierte Partnervorschläge. "Als Paarforscher wissen wir, wie glückliche Partnerschaften entstehen", schreibt beispielsweise Parship auf seiner Web-Seite und verspricht eine Partnerschaft, die auch längerfristig "inspirierend und lebendig bleibt".

Doch nun stellen zwei amerikanische Psychologen die Matching-Algorithmen der Dating-Seiten in Frage. Diese könnten kaum den Erfolg eine Beziehung vorhersagen, schreiben Eli Finkel von der Northwestern University und seine Kollegen in einer vorab veröffentlichten Studie im Fachblatt "Psychological Science in the Public Interest".

Es gibt Dutzende Dating-Seiten in Deutschland. Viele große Web-Seiten, auch SPIEGEL ONLINE, haben eine oder mehrere Börsen als Partner. Bei praktisch allen Anbietern müssen Singles zunächst einen umfangreichen Fragenkatalog abarbeiten. Aus den Antworten ermitteln die Betreiber dann ein Persönlichkeitsprofil, das Basis der Vermittlung ist. Der Anbieter eDarling.de nutzt dabei Big Five, ein aus fünf Komponenten bestehendes Persönlichkeitsmodell. Die meisten Dating-Seiten bringen bei vielen dieser Kriterien und Unterkriterien nur Personen zusammen, die einander ähneln. Bei einzelnen Merkmalen gilt jedoch auch "Gegensätze ziehen sich an" - hier sollen Unterschiede für eine Beziehung förderlich sein.

Durchsuchen von Profilen wenig hilfreich

Nach Meinung von Wissenschaftler Finkel kann eine mathematische Formel jedoch kaum zwei Singles zu einer langfristigen Liebesbeziehung zusammenbringen. Der Psychologe bestreitet nicht, dass es Methoden gibt, den dauerhaften Erfolg von Beziehungen vorherzusagen. Das Hauptproblem der Anbieter sei jedoch, dass sie nicht über die dafür nötigen Informationen verfügten. Beispielsweise hätten Studien gezeigt, dass in erster Linie die Art, wie zwei Menschen miteinander diskutieren und Meinungsverschiedenheiten lösen, entscheidend sei, wenn man die Zufriedenheit einer Beziehung prognostizieren will.

Die Forscher halten vor allem das Durchsuchen von Datensätzen am Computer für untauglich, um den passenden Partner zu finden. Die meisten Dating-Seiten würden Singles mit einer großen Anzahl von passenden Profilen regelrecht überschütten, schreiben sie in ihrer Arbeit. "Es ist schwer, aus den Profilen viel über die potentiellen Partner zu erfahren." Die Datensätze erlaubten kaum Rückschlüsse darauf, welche Partner tatsächlich vielversprechend seien. Beim Durchblättern der Profile würden Interessenten oft Merkmale überbewerten, die für den Erfolg einer Partnerschaft jedoch irrelevant seien.

Einer der Hauptkritikpunkte von Finkel und seinen Kollegen ist der fehlende Kontakt von Angesicht zu Angesicht. Beim Ausfüllen von Fragebögen oder in E-Mails werde zu oft beschönigt oder geschummelt - beim direkten Kontakt zweier Menschen und selbst bei Telefonaten geschehe dies seltener.

"Algorithmus-basierte Dating-Seiten könnten erfolgreicher sein, wenn sie sich die Erkenntnisse der Beziehungsforschung zu eigen machen", erklärte Finkel in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Der Psychologe von der Northwestern University in Evanston schlägt beispielsweise Speed-Dating via Webcam vor. Das Feedback der Teilnehmer müsste dann in die Matching-Vorschläge einfließen. "Das würde ganz sicher die Fähigkeit der Algorithmen verbessern, jene Paare zu finden, die am besten zusammenpassen."

Erfolg des Matchings unklar

Von den verwendeten Matching-Algorithmen halten die Forscher wenig. Zum einen würden diese von den Anbietern als Geschäftsgeheimnis betrachtet und nicht publik gemacht. Die freilich trotzdem bekannten allgemeinen Prinzipien dahinter seien nicht geeignet, um die Dauerhaftigkeit einer Beziehung vorherzusagen. Die dazu publizierten Forschungsergebnisse seien widersprüchlich. "Es bleibt unklar, ob der Grad der Ähnlichkeit bei einem Paar etwas damit zu tun hat, wie erfolgreich eine Beziehung im Laufe der Zeit ist", sagt Finkel.

Der deutsche Anbieter Parship räumt ein, dass der Erfolg einer Beziehung im starken Maße auch von verschiedenen äußeren Einflüssen wie Jobverlust abhängig und damit schwer vorhersagbar ist. "Generell ist Partnerschaftserfolg schwierig zu messen", sagte Sprecherin Doreen Schlicht SPIEGEL ONLINE. "Hier besteht Forschungsbedarf."

Den Vorwurf, unwissenschaftlich zu arbeiten, weist die Parship-Sprecherin jedoch zurück: Das Unternehmen nutze verhaltenstheoretisch orientierte Ansätze, aber auch gestalttheoretische und psychoanalytische Theorien über Persönlichkeitseigenschaften. Parship habe im letzten Jahr erstmalig Paare befragt und die Ergebnisse dieser Befragung auf Tagungen vorgestellt, sagte Schlicht. "Da wir keine universitäre Einrichtung sind, sind für uns wissenschaftliche Publikationen in Fachzeitschriften nicht verpflichtend."

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