Online-Psychotherapie: Mit einem Klick auf die virtuelle Couch

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Panikstörungen, Angstattacken, Depressionen: Krankenkassen zahlen den Psychotherapeuten bisher nur bei persönlichen Sitzungen. Das könnte sich jetzt ändern. Innovative Projekte zeigen, wie ambulante Internettherapien quälende Wartezeiten verkürzen können.

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Psychologische Hilfe im Netz: Internettherapie könnte die Wartezeiten verkürzen

Der Weg zum Psychotherapeuten bedeutet für viele Patienten nicht nur die Überwindung einer Hemmschwelle - vielmehr gerät das Warten auf einen Therapieplatz für die meisten zu einer verzweifelten Geduldsprobe. Patienten in Städten warten mitunter Monate, bis die Behandlung beginnt, und in manch ländlicher Region ist der nächste Therapeut zudem kilometerweit entfernt.

Forscher haben eine mögliche Abhilfe für diese Probleme ausgemacht: Internettherapie. Sie wäre jederzeit, überall und für jeden verfügbar. Doch während in Großbritannien, den Niederlanden und Schweden die Internetbehandlung schon längst im Gesundheitssystem verankert ist, hinkt Deutschland hinterher.

Krankenkassen beginnen erst jetzt, das Potential der virtuellen Behandlung zu entdecken: Mehr als hundert Studien haben bereits gezeigt, dass Online-Psychotherapie und Online-Prävention Menschen hilft. Demnach ist die Internetbehandlung bei Depressionen und Angststörungen sogar ähnlich wirksam wie die persönlichen Sitzungen beim Psychotherapeuten.

Zwischen Forschung und Praxis klafft hierzulande jedoch meist eine große Lücke. Dieser Meinung ist auch die Heidelberger Psychologin Stephanie Bauer, die selbst verschiedene Online-Nachsorgeprogramme mitentwickelt und erforscht hat und die Probleme vieler Betroffener kennt. "Unsere Nachsorgeprogramme übers Internet konnten den Patienten helfen, auch Monate nach dem Klinikaufenthalt gesund zu bleiben", sagt Bauer. Dass Krankenkassen die Kosten für eine solche Nachsorge übernehmen könnten, bezweifelt die Psychologin aber.

Einige Krankenkassen sind bereits eingestiegen

Immerhin zeigen die Kassen an dem modernen Weg zur gesunden Seele seit etwa einem Jahr mehr Interesse. "Psychische Erkrankungen nehmen jedes Jahr einen immer größeren Anteil an Fehltagen in den Statistiken zur Arbeitsunfähigkeit ein", sagt der Präventionsbeauftragte von der Barmer GEK, Werner Froese. Das geht aufs Geld. Der Versicherer hat sich daher wie einige andere Krankenkassen entschlossen, auf dem Online-Coaching-Markt im Rahmen der Vorsorge aktiv zu werden.

Den Versicherten brächte das einige Vorteile. Sie könnten in Zukunft ihre psychische Gesundheit stärken und quälende Wartezeiten auf Kassenkosten überbrücken oder noch intensiver psychologisch betreut werden. Viel wichtiger aber ist: Was die Krankenkassen zahlen werden, muss auch Qualitätsstandards genügen.

Bereits jetzt tummeln sich im Internet unzählige Psychotherapie-Angebote. Viele davon wollen mit der Not der Menschen nur das große Geld machen, die meisten davon haben nicht einmal überprüft, ob ihre Online-Hilfe etwas taugt. Im Gegensatz dazu setzen die Kassen auf wissenschaftliche Tests, bevor sie ein Programm zur Kassenleistung machen.

Die AOK Rheinland/Hamburg erprobt seit Ende 2012 mit den St. Augustinus-Kliniken Neuss eine ambulante Internettherapie für Patienten mit Angststörung oder Depression. 15 Wochen lang haben die Teilnehmer nur via PC Kontakt zu Psychotherapeuten. Einzig vor Beginn der Behandlung und nach den 15 Wochen werden sie von einem Mediziner und einem Psychologen persönlich untersucht.

Auch die Barmer GEK unterstützt ein ehrgeiziges Großprojekt der Leuphana Universität in Lüneburg: Das "Gesundheitstraining Online" (get.on) soll den Patienten künftig für die häufigsten psychischen Probleme Hilfe anbieten. Ob depressive Verstimmungen, Angstattacken, Alkoholsucht oder Schlafstörungen: "Wir wollen vorantreiben, dass die Erkenntnisse aus Studien in die Versorgung eingehen", sagt der Psychologe David Ebert, der das Projekt in Lüneburg begleitet. Derzeit evaluieren die Forscher zehn verschiedene Internettherapien und Präventionsprojekte. Zwei davon erwiesen sich bereits als wirksam.

So konnten etwa Lehrer mit Symptomen von Burnout oder einer Depression in einem fünfwöchigen Online-Kurs lernen, erfolgreicher mit Sorgen und Problemen umzugehen und sich wieder mehr Zeit für Familie oder Hobbys zu nehmen. Dadurch verringerten sich ihre Depressionswerte deutlich, wie ein bisher unveröffentlichter Studienbericht zeigt. Selbst drei und sechs Monate nach dem Kurs hielt dieser Effekt an.

Für Menschen, die gerade erst von einer stationären Psychotherapie wieder nach Hause kommen, bietet die Lüneburger Schmiede ebenfalls virtuelle Hilfe. Sieben von zehn Patienten wird nach einer Psychotherapie in der Klinik empfohlen, sich im Anschluss daran ambulant weiter psychologisch betreuen zu lassen. Betroffene warten meistens Monate auf einen Therapieplatz - eine Zeit, in der die Beschwerden häufig zurückkehren. Das Online-Training soll dafür eine Übergangshilfe anbieten. Erste Tests mit Patienten verliefen bereits erfolgreich.

Nicht nur die Barmer GEK interessiert sich für das Lüneburger Projekt, auch die Unfallkasse NRW und die KKH Allianz geben sich an der Forschung im Norden interessiert. Ein weiteres Projekt der DAK soll für Menschen mit leichter Depression die Wartezeit bis zu einer Psychotherapie mit virtuellen Übungen überbrücken. Die Internettherapie auf Kassenkosten ist zum Greifen nahe.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass die AOK Rheinland/Hamburg mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in einem Internettherapie-Projekt zusammenarbeitet. Das war nicht korrekt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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1.
gutermenschundstolzdrauf 17.04.2013
Juhuu, noch ein Grund, um Menschen zu ersetzen. Das ist doch krank, liebe Krankenkassen: ihr seid es doch selbst Schuld, dass die Wartezeit so lang ist, weil in eurer Planung einfach aus Kostengründen viel zu wenig Kassensitze vorsieht.
2. Psychotherapie
Hypnotherapie 17.04.2013
Nun, man sollte das ganz realistisch sehen. Wir haben bei der Nachbetreuung von Menschen, die bei uns wegen eines Alkoholproblems in Behandlung waren, per Skype sehr gute Erfahrungen gemacht. Was das Thema "Kassensitze" betrifft, gestatten Sie mir die Bemerkung eines amerikansichen Therapeuten (aus dem Jahre 1985) "Wenn Psychotherapeuten nach Stunden und nicht nach dem Erfolg bezahlt werden, wird sich an der ganzen Misere nichts ändern!"
3.
psychologiestudent 17.04.2013
Zitat von HypnotherapieNun, man sollte das ganz realistisch sehen. Wir haben bei der Nachbetreuung von Menschen, die bei uns wegen eines Alkoholproblems in Behandlung waren, per Skype sehr gute Erfahrungen gemacht. Was das Thema "Kassensitze" betrifft, gestatten Sie mir die Bemerkung eines amerikansichen Therapeuten (aus dem Jahre 1985) "Wenn Psychotherapeuten nach Stunden und nicht nach dem Erfolg bezahlt werden, wird sich an der ganzen Misere nichts ändern!"
jaaa, genau wie Ärzte nach Erfolg bezahlt werden... dann werden Sie z.b. keinen mehr finden der Persönlichkeitsstörungen behandelt...
4. Verstaendnis ohne Mitmenschen
Spiegelansgar 18.04.2013
Es gibt Kaffee ohne Koffein.- Es gibt Bier ohne Alkohol. - Es gibt Essen ohne Kalorien. - Auch Sex gibt es ohne Mitmenschen... am Automaten. ... jetzt also auch Angst und Verzweiflung: ganz rationell : An der Maschine ! "Wie f u e h l e n Sie sich ?"
5.
inci2 18.04.2013
---Zitat--- Dieser Meinung ist auch die Heidelberger Psychologin Stephanie Bauer, die selbst verschiedene Online-Nachsorgeprogramme mitentwickelt und erforscht hat und die Probleme vieler Betroffener kennt. ---Zitatende--- Schon klar, warum die Dame so etwas propagiert. Niemand kauft ihre Progamme, und/oder übernimmt die zusätzlichen Kosten für die Nutzung. Das sollen jetzt die Kassen übernehmen. Auf der anderen Seite sehe ich das schon etwas fragwürdig. Hier besteht nämlich die Gefahr, daß Betroffene sich niemals wieder von ihrem Therapeuten abnabeln können, und sie bis ans Lebensende therapiert werden müssen. Wenn man jetzt noch die Neuordnung der psychischen Erkrankungen dazu betrachtet, bei der schon die ganz normale kindliche Trotzphase als psychische Erkrankung klassifiziert wird, geht da ein enormes Geschäftspotential auf.
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Zur Autorin
  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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