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25. August 2014, 06:32 Uhr

Orthorexie

Gesunde Ernährung als Ersatzreligion

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Kreisen alle Gedanken um gesundes Essen, kann das krank machen. Betroffene vereinsamen, entwickeln Mangelerscheinungen, magern ab. Manche Psychologen sprechen dann von Orthorexie und sehen Parallelen zur Magersucht.

Milch ist tabu, Zucker sowieso, Weizenprodukte werden verschmäht, selbst Obst und Gemüse aus dem konventionellen Anbau kommen nicht mehr auf dem Tisch. Gegessen werden nur noch wenige ausgewählte Lebensmittel, im Extremfall vielleicht nur im eigenen Garten Angebautes. Manche Menschen beschäftigen sich so intensiv mit gesunder Ernährung, dass es geradezu krankhaft wird.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie warnte vor Kurzem vor der sogenannten Orthorexie, bei der Menschen "vom gesunden Essen besessen" seien.

Betroffene magern ab, weil es kaum noch Lebensmittel gibt, die sie essen wollen. Sie leiden unter Mangelerscheinungen. Und sie vereinsamen. Einladungen zum Essen bei Freunden lehnen Betroffene ab, weil sie nicht vom Ernährungsplan abweichen wollen. Sie versuchen, andere zu missionieren, die sich deshalb zurückziehen. "Dann hat gesundes Essen krankhafte Ausmaße angenommen", sagt der Psychiater und Psychotherapeut Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. "Das Risiko für eine Depression ist wegen des weggebrochenen Beziehungsnetzes deutlich erhöht."

Manchmal eine Variante der Magersucht

Menschen mit Orthorexie geht es nicht bloß ums vermeintlich gesunde Essen. Zwanghafte Züge kommen hinzu, wobei die Orthorexie keine echte Zwangsstörung ist. Isst ein Betroffener etwas, das er für nicht ganz so gesund hält, bekommt er regelrecht Schuldgefühle und hat Angst, die Kontrolle zu verlieren und sich Schaden zuzufügen.

Bei einem Teil der Betroffenen, und dabei handele es sich vorwiegend um Frauen, sei Orthorexie verknüpft mit Gewicht und Körpergefühl, sagt die Psychologin Friederike Barthels vom Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf. Schlank zu sein, sei einer der Beweggründe der Betroffenen, sich gesund zu ernähren - neben der Angst, durch ungesunde Ernährung krank zu werden. "Deshalb scheint die Orthorexie zumindest bei einigen Patienten eine Variante der Magersucht zu sein", sagt Barthels.

Allerdings ist die Diagnose umstritten. Orthorexie ist als Krankheit bislang nicht anerkannt. Voderholzer sieht sie als eine Vorstufe beziehungsweise Variante einer Essstörung. Dafür sprechen auch Studienergebnisse von Barthels.

Gluten, das den Körper von innen verklebt

Etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sollen laut einer Onlinestudie, die Barthels mit ihren Kollegen durchgeführt hat, an Orthorexie leiden. Zu den abgefragten Kriterien gehören unter anderem eine extreme Beschäftigung mit Ernährung, Ängste vor ungesunden Nahrungsmitteln und seltsame Vorstellungen davon, was ungesunde Lebensmittel im Körper anrichten können. "Ein Beispiel hierfür ist die Angst eines Befragten, dass Gluten den Körper von innen verkleben könnte", sagt Barthels.

Veganer, die aus philosophisch-moralischen Gründen auf alle tierischen Produkte verzichten, haben laut der Düsseldorfer Psychologin langfristig kein erhöhtes Risiko für eine Orthorexie. Veganer, die sich zu dieser Ernährungsweise entschlossen haben, um ihr Risiko für Krankheiten zu verringern, dagegen schon. Gefährdet seien insbesondere Veganerinnen, die mit dieser Ernährungsweise möglichst schlank werden wollen. Doch auch all jene, die eine Diät machen, die sehr strengen, spezifischen Regeln folgt, haben laut Barthels ein erhöhtes Risiko, zum Ernährungsfanatiker zu werden.

Gesundes Essen wird zur Ersatzreligion

"Orthorexie ist vielfach das Ergebnis einer Suche nach Orientierung in einer komplexen Gesellschaft. Gesundes Essen wird zur Ersatzreligion, stabilisiert das Selbstwertgefühl", sagt Voderholzer.

Die Betroffenen sind von ihrem Verhalten überzeugt und wollen es auf keinen Fall ändern. "Und das, obgleich wir bei einer Studie festgestellt haben, dass bereits eine mittelschwere Orthorexie einen Leidensdruck, eine verringerte Lebenszufriedenheit, geringeres persönliches Wohlbefinden verursacht", berichtet Barthels. Therapiebereit sind eher diejenigen, die aufgrund einer sehr einseitigen Ernährung bereits Mangelerscheinungen haben. Geeignete Anlaufstelle sind Therapeuten und Psychologen, die sich mit Ernährungs- und Essstörungen auskennen.

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