Pflege und Tod Lasst den Sterbenden ihre Hoffnungen

Viele unheilbar Kranke wehren sich noch Stunden vor dem Tod gegen ihr Sterben und hoffen auf ein Wunder. Ärzte und Pflegekräfte erwarten dagegen oft, dass Patienten das Unvermeidliche akzeptieren. Diese Forderung ist nicht nur weltfremd, sie ist inhuman, schreibt der Psychologe Ernst Engelke.

Grabstein: Sterbenskranke haben das Recht, gegen ihr Leiden zu protestieren
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Grabstein: Sterbenskranke haben das Recht, gegen ihr Leiden zu protestieren


Dem Tod entkommt niemand. Doch wie geht man mit dem Sterben um? Die Palliativmedizin, also jene Zunft, in der Sterbenskranke bis zum Tod medizinisch betreut werden, hat vor allem ein Ziel: Das Thema darf kein Tabu mehr sein, es gehört in die Mitte der Gesellschaft.

Die Verfasser der "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland" fordern deshalb in ihren Leitsätzen: "Krank werden, älter werden und Abschied nehmen sowie damit verbundenes Leiden sind als Teil des Lebens zu akzeptieren."

Diese Charta, die 2010 von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), dem Deutschen Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) und der Bundesärztekammer (BÄK) herausgegeben wurde, haben inzwischen mehr als 600 Einzelorganisationen, Gremien und lokale Parlamente sowie rund 3000 Personen aus allen Bereichen der Gesellschaft unterzeichnet.

ZUM AUTOR
  • Ernst Engelke
    Professor Ernst Engelke, Jahrgang 1941, gehört zu den Pionieren der Hospiz- und Palliativbewegung. Der Theologe und Psychologe arbeitet in der Akademie für Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit und auf den Palliativstationen der Stiftung Juliusspital Würzburg mit. 2012 veröffentlichte er das Buch "Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker. Wie Kommunikation gelingen kann" (Lambertus Verlag).
Die Forderung, das Sterben und das dazugehörige Leiden zu akzeptieren, aber geht an der Realität vorbei: Sterbenskranke Menschen, das haben internationale Studien ergeben, hoffen bis wenige Stunden vor ihrem Tod, dass doch noch ein Wunder geschieht. Sie protestieren gegen ihr Leiden und ihren drohenden Tod. Und sie verweigern die Zusammenarbeit mit den Ärzten, wenn diese ihren Widerstand und ihre Hoffnung nicht dulden. Überredungsversuche führen zu Streit und Rückzug der Patienten.

Der Wunsch, nicht sterben zu müssen, ist wohl so alt wie die Menschheit: Wenn wir erkranken, tun wir fast alles, um wieder gesund zu werden. Auch Hundertjährige möchten noch ein bisschen leben und schmieden Zukunftspläne. Erkrankungen werden bekämpft. Die Gesundheitsindustrie lebt nicht schlecht von der Weigerung der Menschen, krank zu werden und zu sterben.

Doch wird jemand sterbenskrank, soll er auf einmal seine Erkrankung, sein Leiden und sein Sterben als Teil seines Lebens akzeptieren. Wer tut das wirklich?

Plötzlich wehrte sie sich mit aller Kraft gegen den Tod

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, die die "fünf Phasen des Sterbens" definierte, forderte: "Man muss loslassen können. Wenn der Sterbende und seine Familie das akzeptieren, ist es das Schönste überhaupt." Doch als sie 2004 selbst sterbenskrank war, wehrte sie sich mit aller Kraft gegen ihren Tod. Das irritierte ihre Drillingsschwester Erika Faust-Kübler: "Sie hat so viel über Tod und Sterben geschrieben, es sogar verherrlicht. Jetzt, da ihre Zeit kommt, sagt sie: 'Ich muss noch dies und das machen.'"

Auch der Schweizer Theologe Hans Küng warb als gesunder Mann für "unbedingtes und restloses Vertrauen zu Gott". Darin finde der leidende, zweifelnde und verzweifelte Mensch einen letzten Halt. So lasse sich das Leid zwar nicht erklären, aber "bestehen": "Der Mensch gelangt durch Leiden zum Leben", sagte Küng. Dem inzwischen 85-Jährigen aber schwindet nun die Lebensenergie, seine Hände und Augen erschlaffen. Leidend klagt er in seinen Memoiren: "Ein Gelehrter, der nicht mehr schreiben und lesen kann? Was dann?" Er sagt: "Ich will nicht als Schatten meiner selbst weiterexistieren" und erwägt als Ausweg für sich den Tod durch Sterbehilfe in der Schweiz.

"Den Tod annehmen", oder: "Wie man die Angst zu sterben akzeptieren kann." Forderungen wie diese sind auch in den Medien beliebt. Demnach habe trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte der Mensch, die Furcht vor dem Tod nicht verloren. Dabei könne man lernen, diese Angst anzunehmen, behaupten einige Wissensportale.

Auch viele Ärzte und Pflegekräfte erwarten von ihren sterbenskranken Patienten, dem unausweichlichen Ende gefasst ins Auge zu blicken. Sterbende sollen damit einverstanden sein, dass sie sterben müssen. "Ich habe der Patientin nahegelegt, endlich zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist." Zitate wie dieses aus Umfragen zeigen, wie die Mitarbeiter palliativmedizinischer Einrichtungen denken. Oft ärgern sie sich über die Uneinsichtigkeit der Sterbenskranken und deren Hoffnung, dass es vielleicht doch noch werde - obgleich alle Fakten den nahen Tod ankündigen. Und immer wieder bedauern sie: "Der Sterbenskranke hat bis zum Schluss nicht akzeptiert, dass er sterben muss."

"Du bist gesund. Ich muss sterben!"

Sterbenskranke aber haben ein Recht darauf, gegen ihr Leiden und Sterben zu protestieren. Sie tun es auch. Ihr Aufbegehren ist für Außenstehende jedoch kaum auszuhalten, vor allem dann nicht, wenn geklagt wird: "Du bist gesund. Ich muss sterben!"

Ich fordere: Mediziner, Angehörige oder jene Personen, die einen Sterbenskranken begleiten, sollten dessen Widerstand gegen das Sterben annehmen und den Betroffenen darin stützen. Keinesfalls sollten sie dessen Widerstand verbieten oder durch Medikamente unterbinden.

Was hat mir selbst gutgetan, als ich gegen meine Krankheit kämpfen musste? Daran sollten sich Angehörige und Freunde des Betroffenen erinnern. Die Antwort auf die Frage kann eine Orientierung dafür bieten, wie man sich angemessen verhalten und was man sagen kann.

Zweifellos gehören Sterben und Tod zum Leben. Die Forderung aber, Kranksein, Leiden, Sterben und Tod zu akzeptieren und das Leben loszulassen ist lebensfremd, inhuman und unchristlich.

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insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
Halloween 24.11.2013
1. Sollte das nicht jeder selbst entscheiden?
ich verstehe diesen Artikel genauso wenig wie die Ansichten, die er angreift. Jeder Einzelne muss tagtäglich mit dem zurecht kommen, was mit ihm passiert. Das gilt auch wenn man sterben muss. Jeder Einzelne reagiert anders, hier also Regeln aufzustellen darüber, was lebensfremd, inhuman und "unchristlich"(??) wäre, erscheint mir falsch. Der eine will leiden, kämpfen, hadern und jammern... Der andere noch 1000 Dinge tun und der dritte setzt sich in und akzeptiert sein Schicksal... Ich denke nicht, dass es an uns ist, hierüber zu rechten. Ich persönlich glaube auch, dass man seinem Schicksal ins Auge sehen sollte und versuchen es zu akzeptieren, ob einem dies am Ende aber gelingt... wird zu erleben bleiben. Ich möchte aber weder auf die eine oder andere Weise am Ende für das verurteilt werden, was ich tue.
online_reader 24.11.2013
2. Blödsinn
Zitat von sysopDPAViele unheilbar Kranke wehren sich noch Stunden vor dem Tod gegen ihr Sterben und hoffen auf ein Wunder. Ärzte und Pflegekräfte erwarten dagegen oft, dass Patienten das Unvermeidliche akzeptieren. Diese Forderung ist nicht nur weltfremd, sie ist inhuman, schreibt der Psychologe Ernst Engelke. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/palliativmedizin-sterbenskranke-muessen-den-tod-nicht-akzeptieren-a-929854.html
Wie soll ich mir das vorstellen ? Man sagt dann eben :"Na gut ,wir heilen wie Ihren Krebs dann eben doch , und dazu erhalten Sie noch das ewige Leben" !?
afxtwin 24.11.2013
3. verstehe ich nicht ...
Wer an das Märchen mit dem Leben nach dem Tod glaubt, der sollte sich doch auf den Tod freuen - was da einem nicht alles zu Lebeszeiten versprochen wird … oder geht den Leuten am Ende doch noch ein Licht auf, dass das alles vielleicht nur Humbug ist? Welcome to reality!
kumi-ori 24.11.2013
4. Hier prallen zwei echte Gegensätze aufeinander
Einmal die allgemeine Erkenntnis, dass jedes, aber auch wirklich jedes, Leben endlich ist (wenn man nicht an ein Weiterleben nach dem Tod glaubt) und zum anderen die Tatsache, dass es danach kein Zurück mehr gibt, dass man wenn man tot ist, auch tot bleibt und alles, was man für sich geplant und vorbereitet hat, und die ganze Welt an sich für den Betreffenden auf einmal hinfällig ist. Das ist krass. Wenn ich nicht mehr bin, dann existiert auch meine Welt nicht mehr. Zu fordern, dass jeder das mit Gleichmut hinzunehmen habe, ist schon etwas weltfremd.
atech 24.11.2013
5. das muss jeder selbst entscheiden
Ich schließe mich meinen Vorrednern an: für das Sterben kann man keine Regeln aufstellen. Es sind eher die Ärzte, Pfleger und Angehörigen, die gefordert sind, letzte Wünsche zu respektieren und darauf einzugehen. Dazu gehört, dem Todkranken nicht zu widersprechen, wenn er bis zum letztem Atemzug leben möchte, obwohl er erkennbar im Sterben liegt. Dazu gehört auch, es zu akzeptieren, wenn jemand wie der Theologe Hans Küng nicht mehr leben möchte und den Sterbeprozess durch Sterbehilfe abkürzen möchte. Sehr eindrucksvoll war hier auch das Interview mit Anne Will: Anne Will im Gespräch mit Hans Küng (http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/specials/21112013-vom-glueck-des-widerspruchs-100.html)
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