Panikstörungen Angst, der alte Gorilla

Wenn Isabell nachts aufwachte, überfiel sie oft Todesangst. Zum Schutz vor den Panikattacken schlief sie kaum noch. In einer Therapie lernt die Studentin, dass sie ihre Gefühle steuern kann.

Manuel Stark

Von Manuel Stark


Es beginnt immer gleich: Isabells Herz hämmert schneller. Immer härter drischt es gegen ihre Brust. Dann hört sie das Blut. Es rauscht wild durch ihre Adern. Verzweifelt ringt sie nach Luft. Sie scheint nur noch aus einem einzigen Gefühl zu bestehen: Panik.

Zehn Minuten dauert der vermeintliche Todeskampf, dann hört es auf. Isabell bleibt erschöpft zurück, ihre Kleidung ist schweißgetränkt.

Die 23 Jahre alte Studentin aus Würzburg ist eine von mehr als drei Millionen Betroffenen in Deutschland, die an einer akuten Panikstörung leiden. "Es gibt keine einzelne Ursache dafür, sondern eine Ursachen-Kaskade", sagt Peter Zwanzger, Chefarzt für Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik in Wasserburg am Inn. "Zum einen gibt es die individuelle Veranlagung, zum anderen spielen auch psychologische Faktoren eine Rolle."

"Jede Panik ist anders"

Bei einer Panikstörung handle es sich zwar nicht um eine Erbkrankheit, dennoch könne eine bestimmte erbliche Veranlagung ihr Aufkommen begünstigen oder erschweren. Zu den psychologischen Faktoren zählt Zwanzger beispielsweise Kindheitstraumata, aber auch alltägliche Erfahrungen wie Angst um den Arbeitsplatz oder Trennung vom Partner. "Jede Panik ist anders, genau wie jeder Mensch", erklärt er. "Es gibt keinen klassischen Fall, aber klassische Symptome."

Isabells Panikattacken kommen jedes Mal scheinbar ohne Grund, mal am Tag, häufig in der Nacht. Jede kündigt sich ihr durch eine viel bewusstere Wahrnehmung ihrer Körperfunktionen an. "Es ist richtig unheimlich. Ich höre mein eigenes Herz laut schlagen, spüre mein Blut fließen", erzählt sie. Sie sitzt auf ihrem Bett. Hier überkommt die Panik sie am häufigsten. Wenn sie nachts aufsteht, weil sie auf die Toilette muss oder Durst hat, erwacht auch die Angst.

"Mein ganzer Körper funktioniert schneller, lauter, aktiver", beschreibt Isabell diese Momente. "Am Anfang fühle ich mich, als hätte ich zu viel Sport gemacht. Aber anstatt wieder runterzukommen, dreht mein Körper weiter auf, bis ich glaube, jeden Moment zu kollabieren. Und dann, noch ein Stück weiter, kommt der Punkt, an dem ich sicher bin: Ich sterbe."

Todesangst durch Adrenalinsturm

Die Todesangst, die Isabell beschreibt, entsteht physiologisch gesehen durch die Ausschüttung von Stresshormonen. "Adrenalin überschwemmt bei einer Panikattacke den Körper und führt häufig zu abwechselnden Hitze- und Kälteschauern sowie zu Herzrasen", erklärt Katharina Domschke, ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Freiburg. Eine heftige Panikattacke sei eine Art "Adrenalinsturm", der durch den Körper tose. Solche Mengen des neuronalen Botenstoffs werden normalerweise nur ausgeschüttet, wenn unser Leben in Gefahr ist.

Bei einer Panikattacke reichen schon subtile Vorstellungen aus, damit das vegetative Nervensystem die Hormone ausschüttet, so Domschke. Dass Isabell ihre Attacken oft im Zustand zwischen Schlafen und Wachsein erleidet, ist für die Ärztin verständlich. Das vegetative Nervensystem reagiere dann empfindlich. Auch die Todesangst sei üblich: "Viele Betroffene haben das Gefühl, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren und geraten immer weiter in Panik", erklärt die Ärztin.

Die Folge: Angst vor der Angst. Die Furcht vor den Panikattacken steigerte sich bei Isabell so weit, dass sie nachts nicht mehr schlafen gehen wollte. Sie sah sich Serien an oder las Bücher, oft so lange, bis sie vor Erschöpfung wegdämmerte. Wo andere aus Angst vor Alpträumen den Schlaf scheuen, fürchtete sie sich vor dem Aufwachen. "Es gab Wochen, in denen ich während sieben Tagen zusammen weniger als 20 Stunden geschlafen habe", erzählt Isabell. "In der Uni war ich unkonzentriert, privat zu kaputt, um etwas mit Freundinnen zu machen. Es dauerte nur ein paar Wochen, dann war ich allein."

Besser wurde es dadurch nicht. Im Gegenteil, die Attacken kamen immer häufiger.

Facetten der Angst
Arten der Angststörung im Überblick
Eigentlich ist Angst ein Instinkt und natürlicher Schutzmechanismus. Doch Millionen Deutsche leiden unter krankhafter Angst. Wie äußert sich das? Welche Typen der Angststörung gibt es? Und welche Berühmtheiten leiden darunter?
Generalisierte Angststörung
Wovor besteht die Angst? Betroffene haben übermäßige Angst vor einem Unglück oder einer Erkrankung. Sie machen sich viele unbegründete Sorgen um alltägliche Lebensumstände wie ihren Beruf oder befürchten, dass den eigenen Kindern schlimme Dinge wie etwa Unfälle passieren könnten.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Die übermäßigen Sorgen sind unkontrollierbar, und Betroffene können sie nicht unterdrücken. Beispiel: Während eines wichtigen beruflichen Termins wird der Betroffene die Angst nicht los, den Kindern könnte auf dem Schulweg etwas zugestoßen sein. Anders als bei anderen Angststörungen lassen sich angstauslösende Situationen nicht vermeiden, weil die Angst nicht mit konkreten Situationen verbunden ist. Die Folge: Betroffene sind ruhelos und unkonzentriert und selbst nach einfachen Tätigkeiten schnell müde. Im schlimmsten Fall lässt die Angst keine Kraft mehr für die alltäglichen Aufgaben.

Berühmte Betroffene der Angst: Die Schriftstellerin Charlotte Roche sprach in einem Interview über ihre Angststörung: "Ich habe Angst vor Einbrechern oder dass meiner Familie etwas zustößt. Ich hatte sogar eine Zeit lang Angst, dass plötzlich die Erdanziehung nicht mehr da ist und wir alle wegfliegen."
Agoraphobie
Wovor besteht die Angst? Die Agora war in der griechischen Antike der zentrale Marktplatz. Agoraphobie ist die Angst vor öffentlichen Plätzen, Menschenmengen, weiten Reisen oder Reisen ohne Begleitung. Dahinter steht eine Angst vor Kontrollverlust: Betroffene befürchten zum Beispiel, dass sie im Falle einer Panik oder einer Peinlichkeit nicht schnell genug flüchten können.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Sie vermeiden die Öffentlichkeit. Um etwa nicht in den Supermarkt gehen zu müssen, lassen sich Betroffene das Essen nach Hause liefern. In besonders ausgeprägten Fällen sind sie völlig an das eigene Zuhause gebunden und können es wochen- oder gar monatelang nicht verlassen.

Berühmte Betroffene der Angst: Der Regisseur Woody Allen leidet unter Agoraphobie, ebenso die Hollywood-Schauspielerin Kim Basinger.
Spezifische Phobie
Wovor besteht die Angst? Bei einer spezifischen Angststörung können Betroffene sehr genau benennen, wovor sie sich fürchten. Entweder sind es Objekte, beispielsweise Spinnen oder Spritzen, oder eine Situation, zum Beispiel einen Ort in großer Höhe. Die Anzahl der Dinge, die Angst auslösen können, ist fast unbegrenzt.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Die Angst wird größer, je näher das Objekt oder die Situation kommt - und zwar jedes Mal, wenn das geschieht. Betroffene vermeiden deshalb solche Situationen aktiv, was auch zu speziellen Verhaltensmustern führen kann: Um beispielsweise zu sehen, ob eine Spinne im Raum ist, muss stets das Licht an sein, bevor der Betroffene ihn betritt.

Berühmte Betroffene der Angst: Johann Wolfgang von Goethe litt unter Höhenangst. Er besiegte sie nach eigener Aussage, indem er auf den Turm des Straßburger Münsters stieg. Goethe schrieb: "Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis mir der Eindruck ganz gleichgültig ward."
Soziale Angststörung
Wovor besteht die Angst? Bei einer sozialen Angststörung fürchtet man sich davor, von anderen Leuten negativ bewertet zu werden. Nicht zu verwechseln mit Schüchternheit: Auch Menschen ohne Angststörung sind oft aufgeregt, wenn sie etwa eine öffentlich Rede halten müssen. Menschen, die unter einer sozialen Phobie leiden, machen Situationen, in denen sich die Aufmerksamkeit auf sie richtet, allerdings viel stärker zu schaffen. Bewegen sie sich in einer anonymen Menschenmasse, ist die Angst kein Problem. Überschaubare Gruppen wie ein Kaffeekränzchen im Familienkreis können dagegen Probleme bereiten.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Entweder sie vermeiden sozialen Kontakt - oder sie ertragen die Situationen. Dabei erleben sie intensive Angstsymptome: Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Erröten, Harn- oder Stuhldrang. Im schlimmsten Fall steigert sich das zu einer Panikattacke. Das Problem: Betroffene befürchten, dass man ihnen die Angstsymptome ansehen könnte.

Berühmte Betroffene der Angst: 2004 erhielt Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis, den sie wegen ihrer sozialen Angststörung nicht persönlich in Empfang nahm. Auch die Sängerin Adele hat Angst vor der großen Bühne - es ist mehr als nur ein bisschen Lampenfieber: Während ihrer Shows erlitt sie bereits Panikattacken. Heute hat sie die Krankheit unter Kontrolle.
Panikstörung
Wovor besteht die Angst? Diese Angststörung ist nicht an spezifische Objekte oder Situationen geknüpft. Die Betroffenen fürchten sich allerdings vor der nächste Panikattacke. Sie haben Angst vor der Angst.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Menschen, die unter einer Panikstörung leiden, durchleben wiederholte Panikattacken. Das sind plötzlich auftretende Angstschübe, die innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt erreichen. Sie treffen die Betroffenen wie aus heiterem Himmel. Zu den körperlichen Symptomen zählen: Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot, Erstickungsgefühle, Übelkeit, Schwindel und die Angst "verrückt zu werden" oder zu sterben. Häufig entwickelt sich aus der Panikstörung eine Agoraphobie, da die Betroffenen in bestimmten Situationen befürchten, nicht schnell genug Hilfe zu bekommen.

Berühmter Betroffener der Angst: Charles Darwin war 28 Jahre alt, als er plötzlich unerklärliche Anfälle erlitt. In seinen Tagebüchern und Briefen notierte er viele der typischen Symptome und schränkte sein Leben weitgehend ein. Heutzutage hätte man wohl eine Panikstörung bei ihm diagnostiziert - und ihm wahrscheinlich helfen können. Eine Übersicht von Christoph Fuchs und Marco Wedig

Peter Zwanzger kennt viele Fälle, in denen die Angst vor der Angst das Leben bestimmt. "Angststörungen führen häufig zu einem Vermeidungsverhalten ", sagt der Psychiater.

Daher ist es in der Therapie so wichtig, sich den Reizen zu stellen, die die Angst auslösen. Diese Konfrontationen finden üblicherweise in einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) statt. Dort gelte es, die Kontrolle über die Gefühle zu erlangen, erklärt Zwanzger. "Der Betroffene muss lernen, dass der schnelle Herzschlag nicht für eine Gefahr steht, sondern sich bald wieder verlangsamt. So kann er den Zyklus der sich selbst steigernden Angst unterbrechen."

Medikamente und Psychotherapie

In einer KVT lernen Patienten, wie sie mit Panikattacken besser umgehen können. Eine Übung, die Katharina Domschke empfiehlt, ist, einige Symptome hervorzurufen und nachzustellen: Etwa Schwindelgefühl mithilfe eines Drehstuhls, oder schnellen Herzschlag durch Sportübungen. Wenn die Panikattacke kommt, können sich die Patienten an die Übungen erinnern und aus dem Gedächtnis abrufen, dass sich der Körper auch in einem anderen Kontext so angefühlt hat, und das hilft.

Ist die Angst vor der Angst schon zu heftig ausgeprägt, könne auch die Einnahme von Medikamenten helfen, sagt Domschke. "In der modernen Medizin verwenden wir Antidepressiva, die nicht abhängig machen und gut verträglich sind", sagt die Ärztin. Trotzdem brauche es zusätzlich immer die Psychotherapie. "Die beste Lösung ist, beides zu nutzen."

Peter Zwanzger empfiehlt Antidepressiva nur dann, wenn die Angst vor der Angst den Alltag beherrscht oder so groß ist, dass die Patienten sich sonst nur schwer auf die Psychotherapie einlassen. "Im Laufe eines Lebens kann es trotzdem immer wieder zu Angstepisoden kommen", sagt Zwanzger. Betroffene lernen durch die KVT deswegen Techniken, um die Panik unter Kontrolle zu halten.

Angst tut sich schwer gegen Lachen

Auch Isabell ging ein halbes Jahr lang zur Therapie. Sie traf sich einmal in der Woche mit einer Psychologin und lernte von ihr Sportübungen und "Seelenmantras". So nennt Isabell die Sätze, die sie eingeübt hat und vor sich her sagt wie ein Gebet, wann immer eine Attacke kommt.

"Alter Affe Angst", ist so ein Satz. Während sie ihn aufsagt, stellt sich Isabell die Angst als einen Gorilla vor, setzt ihm einen lächerlich großen Hut auf oder verziert ihn mit Lippenstift und Nickelbrille. "Das lenkt mich ab und hilft mir, mich zu beruhigen." Angst tut sich schwer gegen Lachen.


Dieser Text gehört zum Projekt "Was Angst macht" der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Thorkh@n 07.05.2017
1. Das passende ...
... Medikament ist erfreulich schnell verschrieben. Auf einen Therapieplatz aber wartet man ewig. Glück auf jenen, die beides erhalten konnten!
EU-sucks 07.05.2017
2. Hilfe...
...bekommen Betroffene in den BKHs. Wenn der Hausarzt nicht weiterhelfen kann (oder will): selbst einweisen. Nach einem stationären Aufenthalt bekommt man relativ zügig einen ambulanten Therapieplatz. Entweder im BKH oder bei externen Therapeuten*innen. Für Betroffene gilt grundsätzlich: nie aufgeben, immer dranbleiben... dann klappts auch mit einem Therapieplatz. Und: die Heilungschancen sind sehr gut...
shooop 07.05.2017
3. Therapie + Medikament haben mir geholfen
Das Medikament, um die Auswirkung der bestehenden Problematik erst mal einzudämmen und die Therapie, um zu verstehen, was da passiert, warum es passiert und wie ich mit der Situation und dem Leben umgehe. Der Weg wird kein leichter sein (Zitat Xavier Naidoo), aber es hat sich für mich gelohnt, ihn zu gehen. Selbst wenn ich auch heute nicht frei von Symptomen bin, so hat sich durch die Therapie (tiefenpsychologisch + analytisch) mein Leben enorm verbessert.
futtereimer 07.05.2017
4.
Leider ist es aber so, dass man sehr schnell Antidepressiva bekommt, und die eigentliche Ursache gar nicht bekämpft wird. In sehr, sehr vielen Fällen ist dies nämlich eine Schilddrüsen-Störung (meine Schwester litt seit Jahren über Panik-Attacken, bei dem der Notarzt geholt werden musste), Bekannte von mir auch. als bei mir (schon lange SD-Patient) Hashimoto festgestellt wurde, und googelte, erkannte ich sehr viele Symptome meiner Schwester, schickte sie zum Endokrinologen....das Ergebnis: 3 cm heißer Knoten, der auf die Luftröhre drückt. Also ist sie nicht "verrückt" oder "eingebildet" "krank", sondern körperlich drückte der Knoten auf ihre Luftröhre. Jetzt ist sie medikamentös eingestellt, und es geht ihr Prima--Null Panikattacken mehr- und auch bei den Bekannten haben sich die Depressionen ( !!!) gelegt ...
zweimann 08.05.2017
5. Biofeedback
Was ich nur jedem wärmstens empfehlen kann ist sich eine Biofeedback-Therapie (NICHT BIORESONANZ!) in der Nähe zu suchen (wird mittlerweile auch in vielen Kliniken in der Psychosomatik angeboten). Hilft zügig und nachhaltig (dauerhafte Wirkung) und gibt einem Selbstkontrolle und Eigenverantwortung zurück! Man ist nicht mehr ausgeliefert. Keine Medikamente nötig! Leider ist diese Methode in Deutschland noch recht unbekannt, während sie in Amerika von Olympiamannschaften angewandt wird; auch um Ängsten, Leistungsdruck vor einem Wettkampf zu begegnen..
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