Placebo-Wirkung So unterstützen positive Gedanken den Körper

Gefühle und Gedanken beeinflussen die Gesundheit erheblich. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der Placebo-Forscher Manfred Schedlowski, wie Ärzte ungewollt ihre Patienten krank machen und wie man sich davor schützen kann.

  Patientengespräch: "Sie dürfen nichts mehr heben, sonst wird ihr Rückenmark abgequetscht"
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Patientengespräch: "Sie dürfen nichts mehr heben, sonst wird ihr Rückenmark abgequetscht"


ZUR PERSON
Manfred Schedlowski, Jahrgang 1957, ist Placebo-Forscher und Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie der Universitätsklinik Essen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Schedlowski, warum hat der Placebo-Effekt einen schlechten Ruf?

Schedlowski: Vielleicht weil er die forschende Pharmaindustrie geärgert hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Schedlowski: Der Begriff, so wie wir ihn heute verwenden, stammt aus der Pharmaforschung, wo jedes Medikament in der Wirksamkeit gegen ein Placebo getestet werden muss. Wenn das Placebo auch wirkt, verdeckt es die Wirksamkeit des Medikaments - und das ärgert die Pharmaunternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Menschen tun den Placebo-Effekt als eine Art Medizin durch Einbildung ab.

Schedlowski: Genau. So hat die klinische Medizin auch lange gedacht. Das hat sich aber massiv geändert. Seit zehn bis 15 Jahren wird der Placebo-Effekt intensiv erforscht. Denn er kann bis zu drei Viertel zur Genesung beitragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie den Placebo-Effekt definieren?

Schedlowski: Es ist die Reaktion des Körpers auf die Gabe eines Placebos. Ein Kollege hat es mal schön formuliert: Der Placebo-Effekt ist die Aktivierung der körpereigenen Apotheke.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Wissenschaft schon eine Erklärung dafür gefunden?

Schedlowski: Der Placebo-Effekt wird von drei Mechanismen gesteuert. Erstens: die Erwartungshaltung eines Patienten bezüglich der Wirksamkeit einer Behandlung. Zweitens: die Lernprozesse. Wenn ich mehrfach gelernt habe, dass Aspirin hilft, hilft mir womöglich auch eine wirkstofffreie Tablette. Und drittens: Je größer das Vertrauensverhältnis und je besser die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist, desto stärker wirkt der Placebo-Effekt.

SPIEGEL ONLINE: Können positive Gefühle gesund machen?

Schedlowski: So platt kann man das nicht sagen, aber positive Gefühle haben einen positiven Einfluss auf die Heilung. Entscheidend ist: Es ist keine Einbildung. Der Placebo-Effekt schafft tatsächlich messbare, neurochemische Veränderungen in Gehirn und Körper.

SPIEGEL ONLINE: Warum nutzen Ärzte das so selten?

Schedlowski: Dafür gibt es viele Gründe, der angesprochene schlechte Ruf, Unwille, mangelndes Wissen darüber, wie der Placebo-Effekt nutzbringend eingesetzt werden kann und ganz praktische Hindernisse. Da man als Arzt unter Aufklärungspflicht des Patienten steht, darf man nicht einfach unbemerkt Placebo-Pillen verschreiben. Zudem gibt es eine gesundheitspolitische Ebene, viele Ärzte wissen, wie wichtig die Kommunikation mit dem Patienten ist, aber sie können es sich aufgrund von wirtschaftlichen Gründen nicht leisten, lange Gespräche zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Ausführliche Gespräche mit Patienten werden nicht angemessen honoriert?

Schedlowski: Genau, und deshalb kehren viele Patienten der Schulmedizin enttäuscht den Rücken zu und flüchten zu alternativen Heilmethoden, deren Wirksamkeit nicht immer bewiesen ist. Es geht auch nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Wir brauchen die Schulmedizin, nach wie vor, wir müssen aber auch zurückkehren zur einfachen Heilkunst. Und dafür brauchen wir mehr Zeit und Engagement für die Arzt-Patient-Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Nicht selten verunsichern Ärzte ihre Patienten mit Äußerungen oder Prognosen.

Schedlowski: Stimmt, da fallen dann Sätze wie: "Sie dürfen nichts mehr heben, sonst wird ihr Rückenmark abgequetscht." Dieser arme Patient wird keinen Stuhl mehr allein verrücken.

SPIEGEL ONLINE: Können schlechte Gedanken und Gefühle krank machen?

Schedlowski: Ja. Schuld ist der böse Bruder von Placebo namens Nocebo, der ähnlich funktioniert wie sein Geschwisterchen, nur in die andere Richtung. In Erwartung von negativen Folgen reagiert der Körper ebenfalls negativ. So kommt es dazu, dass solche Arztsprüche sich sehr nachteilig auf die Lebensqualität und die Heilungschancen der Patienten auswirken können.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt der Nocebo-Effekt zustande?

Schedlowski: Eine große Rolle beim Nocebo-Effekt spielen Angst und Stress. Wenn Menschen ständig unter Stress stehen, steigt die Anfälligkeit für Krankheiten. Man muss lernen, weniger Angst zu haben und seine eigenen Selbstheilungskräfte stärker zu aktivieren. Ich bin ein Arbeiterkind und spreche deshalb immer von der "Anti-Stress-Werkzeugkiste". Da stecken drei, vier effektive Strategien drin, die mir helfen können: gesunder Lebenstil, Sport und Bewegung, Entspannungstechniken, ausreichend Schlaf. Auch ganz wichtig: die soziale Unterstützung durch Partner, Familie, Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Das ist alles nichts Neues.

Schedlowski: Das stimmt. Das hört sich banal an. Aber die Einstellung zu ändern und sich neue Verhaltensweisen anzugewöhnen, ist extrem schwer.

SPIEGEL ONLINE: Das merkt jeder, der sich am Anfang des Jahres vornimmt, mehr Sport zu treiben.

Schedlowski: Jeder Mensch neigt zu bestimmten Verhaltensmustern, die zum Teil seit der Kindheit auf seiner "Festplatte" eingraviert sind. Die lassen sich nur Stück für Stück ändern - durch Training. Man muss sich eine andere Ansicht mental antrainieren.

Lesetipp: Laufen und Lust - In zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben, Achim Achilles.

Das Interview führte Frank Joung



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
**Kiki** 12.12.2013
1.
---Zitat--- SPIEGEL ONLINE: Wie kommt der Nocebo-Effekt zustande? Schedlowski: Eine große Rolle beim Nocebo-Effekt spielen Angst und Stress. Wenn Menschen ständig unter Stress stehen, steigt die Anfälligkeit für Krankheiten. Man muss lernen, weniger Angst zu haben und seine eigenen Selbstheilungskräfte stärker zu aktivieren. ---Zitatende--- Toll somit, daß die Strategie beim Kampf gegen das Rauchen darin besteht, Raucher unter massiven Streß zu setzen und so viel Angst wie möglich bei ihnen zu erzeugen. Was ist dabei eigentlich der Plan? Sie so früh wie möglich unter die Erde zu bringen? (Was ja nach einer etwas verdrehten Logik durchaus einen Sinn ergäbe - hat man die Raucher erst einmal abgemurkst, müßte die Lebenserwartung der restlichen Bevölkerung dramatisch ansteigen, was ja schon als Erfolg verkauft werden könnte.)
cassandros 12.12.2013
2. Rauchzeichen
Zitat von **Kiki**Toll somit, daß die Strategie beim Kampf gegen das Rauchen darin besteht, Raucher unter massiven Streß zu setzen und so viel Angst wie möglich bei ihnen zu erzeugen. Was ist dabei eigentlich der Plan? Sie so früh wie möglich unter die Erde zu bringen? (Was ja nach einer etwas verdrehten Logik durchaus einen Sinn ergäbe - hat man die Raucher erst einmal abgemurkst, müßte die Lebenserwartung der restlichen Bevölkerung dramatisch ansteigen, was ja schon als Erfolg verkauft werden könnte.)
In welchem Verhältnis stehen diese Aussagen zum Gehalt des Artikels? Weder vom Rauchen noch vom Abbringen von dieser Sucht durch induzierte Angst ist die Rede. (Allerdings ist eine Angst vor den Folgen der Tabaksucht gegenüber einem kleinzelligen Lungenkarzinom das deutlich kleinere Übel!)
**Kiki** 12.12.2013
3.
Zitat von cassandrosIn welchem Verhältnis stehen diese Aussagen zum Gehalt des Artikels? Weder vom Rauchen noch vom Abbringen von dieser Sucht durch induzierte Angst ist die Rede. (Allerdings ist eine Angst vor den Folgen der Tabaksucht gegenüber einem kleinzelligen Lungenkarzinom das deutlich kleinere Übel!)
Haben Sie das Zitat in meinem Beitrag nicht gelesen? Der Bezug ergab sich dazu. Der Rest des Artikels war ganz interessant, aber zu ergänzen hatte ich dazu nichts. Mir fiel zu diesem Zitat ein, daß fast alle Experten sich zum Beispiel ausdrücklich für diese Schockbilder einsetzen. Wenn die Schockbilder kommen, haben das DKFZ und der EU-Gesundheitskommissar, die sie unbedingt haben wollten, an den künftigen Tabaktoten einen möglicherweise ebenso großen Anteil wie Philip Morris und Konsorten. Aus Australien, wo es diese Schockbilder seit 2006 gibt, konnte man nämlich kürzlich erst lesen, daß eine dortige Studie ergeben habe, daß Rauchen noch viel tödlicher als gedacht sei. Diese Studie enthielt Daten ab 2008, also kann nicht ausgeschlossen werden, daß dieses Ergebnis auch den zugehörigen Nocebo-Effekt enthält, auch wenn das dort natürlich keiner zugeben würde. Die Zahlen, die zur den durch das Rauchen verursachten Todesfälle kolportiert werden, sind ja Schätzungen, die genauso überhöht sein dürften wie alle Schätzungen zu Todesfällen durch lebensstilbedingte Krankheiten. (Denn wäre das nicht so, wären alle Todesfälle in diesem Land lebensstilbedingt und der natürliche Tod wäre abgeschafft.) Da die australischen Zahlen diese Schätzungen aber noch zu toppen scheinen, ist die Frage schon angebracht, woran das in Wirklichkeit liegt.
tsitsinotis 12.12.2013
4. **Kiki**, ich finde,
Sie haben eine sehr gesunde Einstellung zum Leben. Guten Appetit!
E-Bike Fan 12.12.2013
5. Positives Denken kann heilen !
Aus eigener Erfahrung kann ich das sagen. Zuerst habe ich leider das negative erlebt...
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