Diagnosen im Rampenlicht Wie uns Promi-Patienten beeinflussen

Kylie Minogue besiegte den Krebs, Angelina Jolie ließ sich vorsorglich die Brüste abnehmen: Geschichten, die weltweit für Furore sorgten. Doch taugen Stars als Vorbild, wenn es um die eigene Gesundheit geht?

Kylie Minogue nach der Chemotherapie (2006): Offenheit ist nicht immer förderlich
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Kylie Minogue nach der Chemotherapie (2006): Offenheit ist nicht immer förderlich


Ist eine Brustamputation der beste Schutz vor Krebs? Gilt es, Oralsex besser zu meiden? Dank Prominenter wie Angelina Jolie oder Michael Douglas beschäftigen sich viele Menschen mit ganz neuen Fragen. Während die Schauspielerin sich vorsorglich ihr Brustgewebe entfernen ließ, hatte Douglas behauptet, sein Kehlkopfkrebs sei nicht Folge von Zigaretten- und Alkoholkonsum, sondern durch Cunnilingus erworben.

Eine Operation nach dem Vorbild Jolies ist nicht jeder Frau zu empfehlen, Douglas hat sich inzwischen korrigiert. Was bleibt, ist die allgemeine Verunsicherung: So stieg die Nachfrage nach Brustkrebs-Gentests in Deutschland um ein Vielfaches an.

Können prominente Krankheitsfälle das Gesundheitsverhalten von Menschen verändern? Und wann wird das zum Problem?

Anette Brechtel leitet die Psychoonkologische Ambulanz am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, Krebspatienten werden dort seelisch betreut. Eine Geschichte wie die Jolies könne Angst schüren, sagt die Psychologin - speziell dass Jolie behauptet habe, im Interesse ihrer sechs Kinder zu handeln. Bei Frauen, die sich gegen eine Brustabnahme entschieden hätten, löse so etwas Zweifel aus: "Sie fragen sich: Bin ich etwa eine schlechte Mutter? Dabei gibt auch gute Gründe, die gegen eine Amputation sprechen." Die Veränderung des Körpers empfinde jede Frau als unterschiedlich stark belastend.

Auf die Inszenierung kommt es an

Kritisch sei es zudem, wie Heilungsgeschichten Prominenter inszeniert würden. So sei der Radprofi Lance Armstrong stets als Held gezeigt worden, dem es gelang, den Krebs zu besiegen. "Krebspatienten kann so etwas unter Druck setzen. Es gibt viele, die bei einem Rückfall glauben, sie hätten nicht genug gekämpft," sagt Brechtel. Hodenkrebs, unter dem Armstrong litt, habe früh erkannt eine gute Prognose: "Dafür, dass er ihn mit seiner Willenskraft besiegt hat, gibt es keinen wissenschaftlichen Hinweis."

"Wir beobachten schon länger, dass es Menschen beeinflusst, wenn Prominente offen über ihre Krankheiten berichten", sagt Maria Gropalis. Die Psychologin arbeitet als Therapeutin an der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie der Universität Mainz, ihre Schwerpunkte sind Hypochondrie und Krankheitsangst. Krankheiten von Prominenten würden in den Medien oft dramatisch dargestellt: "Das kann Menschen verunsichern. Sie entwickeln dann eine besondere Furcht vor der Krankheit und halten es für wahrscheinlich, selbst daran zu erkranken."

Als bei Kylie Minogue Brustkrebs entdeckt wurde, löste es bei einer Patientin von Gropalis bereits Panik aus, ein Lied der Sängerin im Radio zu hören. Von ausgeprägten Krankheitsängsten seien allerdings nur wenige Menschen betroffen. Bei allen anderen steigerten prominente Beispiele bloß vorübergehend die Aufmerksamkeit für eine Erkrankung. "Die Mehrheit von 95 Prozent wird den Fall Jolie in ein paar Wochen wieder vergessen haben", sagt Gropalis.

Manchmal ist Offenheit von Promis auch förderlich

Welche Wirkung ein prominentes Fallbeispiel hat, hängt auch davon ab, um welche Krankheit es geht. "Im Falle einer Depression ist es sogar förderlich, wenn Prominente darüber sprechen", sagt der Psychiater und Therapeut Ulrich Hegerl. Er ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. "Was die Depression betrifft, gibt es nämlich immer noch Aufklärungsbedarf. Sie war viel zu lange eine verdeckte Krankheit."

Wenn ein erfolgreicher Schauspieler oder Sportler offen zu seiner Depression stehe, zeige das: Es kann jeden treffen, auch einen Prominenten, der scheinbar ein gutes Leben und keine größeren Probleme hat. "Betroffenen wird dadurch klar: Es ist eine Erkrankung - kein persönliches Versagen", sagt Hegerl. Das könne sie motivieren, sich Hilfe zu suchen.

Ähnlich sieht es Andreas Schnebel. Der Psychologe und Therapeut ist Vorsitzender der Hilfsorganisation für Essstörungen ANAD ("Anorexia Nervosa and Associated Disorders"). "Als sich Lady Diana damals geoutet hat, an Bulimie zu leiden, bekamen wir Waschkörbe voller Post von Betroffenen, die jetzt auch Hilfe suchten." Viele Ess-Brechsüchtige halte die Scham davon ab, ihre Krankheit einzugestehen.

"Wenn jemand wie Lady Diana zugibt, dass sie so etwas macht, ist das ein positives Beispiel." Es sei umgekehrt eher bedenklich, wenn prominente Frauen ihre Essstörungen verleugnen. So würde vermittelt, deren Untergewicht sei natürlich. Bei Letizia etwa, der Frau des spanischen Kronprinzen Felipe, sei ihre Magersucht offensichtlich. "Ich würde mir von ihr die Größe wünschen, dazu zu stehen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Lance Armstrong habe Prostatakrebs gehabt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
ecce homo 27.06.2013
1.
Wie uns Promi-Patienten beeinflussen
ecce homo 27.06.2013
2. Wie uns Medien beeinflussen...
...müßte die Frage eigentlich lauten, denn es ist die Berichterstattung der Medien über die Promis, die uns beeinflusst.
tz88ww 27.06.2013
3. Die
Entscheidend ist was die Massemmedien draus machen.
sybilvane 27.06.2013
4. Prostata?
Lance Armstrong hatte Hodenkrebs, der hat eine noch bessere Prognose als das Prostatakarzinom. Schlecht recherchiert!
fatherted98 27.06.2013
5. Wer Vorbilder benötigt...
...um sein Leben oder seine Gesundheit in den Griff zu bekommen ist eh arm dran. Wer diese unter sogenannten Prominenten sucht ist wohl die ärmste Wurst auf weiter Flur.
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