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Psychische Störungen im Film: Irre Mörder, anzügliche Therapeuten

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Szene aus "Reine Nervensache": Geht ein Mafiaboss zum Psychiater... Zur Großansicht
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Szene aus "Reine Nervensache": Geht ein Mafiaboss zum Psychiater...

"A Beautiful Mind", "Rain Man", "Das Schweigen der Lämmer": In vielen Filmen sind Protagonisten psychisch krank. Wann zeichnen Filme ein realistisches Bild, wann bilden sie bloß Vorurteile ab?

Wie ist das Leben an der Seite eines depressiven Ehemanns? Wie verhält sich ein Psychiater bei der Therapie? Filme bieten Einblicke in das für viele Menschen unbekannte Terrain der psychischen Erkrankungen. Doch nicht immer zeichnen die Drehbuchautoren ein realistisches Bild von Angststörung, Schizophrenie oder Sucht.

Von Hannibal Lecter aus "Schweigen der Lämmer" bis zum Joker aus "The Dark Knight": Psychisch Kranke treten meist in Krimis oder Thrillern auf, oftmals sind sie dort die Reinkarnation des Bösen. Allein vom Klassiker "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" gibt es fast zwei Dutzend Verfilmungen, kritisiert das britische Anti-Stigma-Projekt Time to Change. Die Botschaft der Filme: In einem Menschen schlummern zwei Persönlichkeiten, die gesunde gute und die irre bösartige.

Klischees in deutschen Filmen

Eine Untersuchung der deutschen Dramaturgin Eva-Maria Fahmüller vom Verband der Film- und Fernsehdramaturgie zeigte, dass selbst renommierte Sendungen wie der "Tatort" oder "Polizeiruf" sowie Filme, die für den Grimme-Preis nominiert wurden, Klischees bedienen. In der Hälfte der 24 Krimis, in denen Menschen mit schweren psychischen Problemen auftauchten, waren sie der Täter, in sechs weiteren zumindest die verdächtigte Person.

"Hartnäckig hält sich in Spielfilmen das Stereotyp des gewalttätigen und unberechenbaren psychisch Gestörten", sagt der Psychiater Wolfgang Gaebel, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit und Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Düsseldorf. Dabei sei eine psychische Erkrankung weder eine Voraussetzung noch alleinige Ursache von Gewalttätigkeit. Die Folge solcher Darstellungen: Menschen sind gegenüber psychisch Erkrankten argwöhnisch, halten Abstand.

Posttraumatische Belastungsstörung: "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" (2008)
Zahlreiche Filme mit Kriegsszenen greifen deren psychische Folgen auf. Der Oscar-prämierte Film "Hurt Locker" etwa spielt im Irak. Der Soldat im Fokus der Geschichte kann sich zurück zu Hause kaum in das normale Leben einfügen. Die Szenen sind realistisch - im Krieg wie daheim. Auch die Helden in folgenden Filmen bringen posttraumatische Belastungssymptome aus dem Krieg mit zurück in die Heimat: "Rambo", "Platoon", "Full Metal Jacket", "Good Morning Vietnam".

Angststörung: "Reine Nervensache" (1999)
Mafioso Paul Vitti (Robert de Niro) leidet an einer Panikstörung. Er bekommt urplötzlich keine Luft, es wird ihm eng um die Brust. Er befürchtet auf der Stelle zu sterben, ohne dass tatsächlich eine körperliche Ursache dafür vorliegt. Der Psychoanalytiker Dr. Sobo (Billy Crystal) soll ihn wieder angstfrei machen. Experten loben die ausgewogenen und realitätsnahen Gespräche zwischen den beiden, auch wenn die Handlung dann im Verlauf wenig mit dem normalen Leben gemein hat. Andere Filme zum Thema: "Jungfrau (40), männlich, sucht" und "Coyote Ugly" zu sozialer Phobie

Sucht und Substanzmissbrauch: "Flight" (2012)
Der Film "Flight" rekonstruiert eine typische Suchtkarriere: Betrunken und auf Kokain flog William Whitaker (Denzel Washington) regelmäßig große Passagierflugzeuge. Seine Frau hatte sich bereits von ihm scheiden lassen, sein Sohn ging ihm wegen des Trinkens aus dem Weg. Der Film beginnt damit, dass die Maschine abstürzt, die Whitaker - unter Drogen - fliegt. Andere Filme zum Thema: "Walk the Line" mit Joaquín Phoenix und Reese Witherspoon, "Trainspotting" mit Ewan McGregor, "Ray" mit Jamie Foxx , "Candy" mit Heath Ledger, "Blow" mit Johnny Depp

Depression: "Sex and the City - Der Film" (2008)
Der Kinofilm zur Erfolgsserie "Sex and the City" enthält schwere Kost: Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) wird am Traualtar vom Bräutigam "Mr. Big" sitzen gelassen. Etwa ein halbes Jahr fällt die sonst lebendige Frau in eine Depression: Sie fühlt sich leer, dunkelt ihr Zimmer ab, zieht sich zurück, schiebt die Arbeit auf. Die Zeit, Nachdenken und ihre Freundinnen heilen ihre seelischen Wunden. Andere Filme zum Thema: "Der Biber" mit Mel Gibson, "The Hours" mit Nicole Kidman und Meryl Streep

Zwangsstörung: "Aviator" (2004)
Der Filmproduzent und Pilot Howard Hughes (Leonardo di Caprio) hat panische Angst vor Keimen und Bakterien. In "Aviator" wurde dies nah an der Realität nacherzählt. Der Zwang, sich und seine Kleidung keimfrei zu halten, wird über die Jahre schlimmer. Er hebt Gegenstände nur mit einem Taschentuch auf, vermeidet es, bei Gesellschaften aus Gläsern zu trinken. Später verbrennt er seine komplette Garderobe, weil er in Kontakt mit einer erkälteten Person kam. Andere Filme zum Thema: "Besser geht's nicht" mit Jack Nicholson und Helen Hunt

Demenz: "Iris" (2001)
Der Oscar-prämierte Film "Iris" mit Judy Dench und Kate Winslet zeichnet die Biografie der Schriftstellerin Iris Murdoch nach, die ihr Gedächtnis verliert, zunehmend Schwierigkeiten hat, zu denken und zu sprechen sowie ihren Haushalt und sich selbst in Ordnung zu halten. Iris ist dement. Experten loben den Film für seine einfühlsame Darstellung der Erkrankten und ihrer Angehörigen. Andere Filme zum Thema: "Vergiss mein nicht" (deutsche Produktion), "The Notebook"

Bipolare Störung: "Silver Linings" (2012)
Der Oscar-prämierte Film "Silver Linings" wird von Psychiatern und Psychologen für seine lebensnahe Darstellung von manischen Phasen gelobt. Etwa als der erwachsene Pat (Bradley Cooper) kurz nach einem Klinikaufenthalt wieder bei seinen Eltern lebt und mitten in der Nacht in ihr Schlafzimmer platzt, weil er das Ende eines Buches nicht gut findet und sich darüber auslassen möchte. Anderer Film zum Thema: "Mr. Jones" mit Richard Gere

Schizophrenie: "A Beautiful Mind" (2001)
Der spätere Nobelpreisträger John Nash (Russell Crowe) beginnt während seiner Promotionszeit Dinge zu sehen, die nicht da sind. Auch hat er imaginäre Begleiter, die auf ihn einreden. Der echte John Nash war während der Dreharbeiten mehrfach am Set. "A Beautiful Mind" gilt als Vorzeigefilm für das Leben mit Schizophrenie, wenn auch für das eines Genies. Ebenso kommt er nicht ohne hollywoodeske Überhöhungen aus. Andere Filme zum Thema: Der Oscar-prämierte Film "Black Swan" mit Natalie Portman, "Das weiße Rauschen" mit Daniel Brühl

Dissoziative Identitätsstörung: "Psycho" (1960) und andere
Die Diagnose ist auch bekannt als Multiple Persönlichkeitsstörung und ihre Existenz unter Experten umstritten. Dennoch ist sie ein beliebtes Motiv in Filmen. Eine Figur vereint mehrere Persönlichkeiten in sich, die gut oder böse, erwachsen oder kindlich, männlich oder weiblich sind. Das typische Genre: Thriller. Beispiele sind Hitchcocks "Psycho", "Identität" mit John Cusack, "Fight Club" mit Brad Pitt und Edward Norton. Die alternativen Persönlichkeiten sind hier brutal oder mordlustig. In der Komödie "Ich, beide und sie" mit Jim Carrey hingegen werden die Zuschauer auf Kosten des Erkrankten belustigt. Seine Symptome sollen für die Lacher sorgen, kritisieren Experten.

Psychopathie: "Das Schweigen der Lämmer" (1991) und American Psycho (2000)
Die hochgebildeten Männer Hannibal Lecter in "Schweigen der Lämmer" (Anthony Hopkins) sowie Patrick Bateman in "American Psycho" (Christian Bale) entsprechen in ihren Symptomen dem typischen Psychopathen: Ohne Mitgefühl, manipulativ und rücksichtslos gehen sie durchs Leben. Dennoch: Die wenigsten Menschen mit der dissozialen Störung sind derart elitär. Andere Filme zum Thema: "The Dark Knight" mit Heath Ledger, "No Country for Old Men" mit Javier Bardem sowie natürlich "Hannibal" und "Roter Drache"

Autismus: "Rain Man" (1988)
Der Film "Rain Man" mit Dustin Hoffmann als Autisten Raymond Babbit und Tom Cruise als dessen Bruder brachte autistische Störungen wohl zum ersten Mal auf die große Leinwand - und ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Allerdings verfestigte er auch die weit verbreitete und falsche Annahme, dass die meisten Autisten in speziellen Bereichen hochbegabt sind. Andere Filme zum Thema: "Temple Grandin" mit Claire Danes, "Gilbert Grape" mit Leonardo di Caprio und Johnny Depp

Eine psychiatrische Diagnose ist noch immer ein Stigma, das viele davon abhält, sich helfen zu lassen. Betroffene fürchten, von ihren Mitmenschen den Stempel "Verrückt" aufgedrückt zu bekommen. Filme sind daran nicht unschuldig. "Im guten wie im schlechten Sinne tragen Film und Fernsehen einen großen Teil dazu bei, wie die Öffentlichkeit psychisch Kranke und die, die sie behandeln, wahrnimmt", sagt der Psychiater Steve Hyler von der Columbia University in Ohio, USA.

Auch Psychotherapeuten sind oft klischeehafte Figuren

Seelenkundler in Hollywood-Produktionen sind vor allem männlich und verhalten sich unethisch, so das Ergebnis einer Analyse von 106 Filmen, in denen Psychotherapie-Szenen vorkamen. Fast die Hälfte aller Behandler beginnt entweder mit seinem Schützling eine Affäre, ist anzüglich oder überschreitet andere Grenzen, wie etwa sich nicht an die Schweigepflicht zu halten. Ebenso viele fallen der Studie zufolge durch ihre Inkompetenz auf.

Die Psychologen Danny Wedding und Ryan Niemiec ergänzen in ihrem Buch "Movies and Mental Illness" weitere Klischees: Wissenschaftliche Erkenntnisse spielen für Hollywood-Therapeuten demnach meist keine Rolle. Psychoanalyse ist weiterhin die dominierende Behandlungsmethode. Die Filme unterscheiden zudem nicht zwischen Medizinern und Psychologen.

Die Darstellung von Psychotherapie und Miteinander zwischen Therapeut und Patient in vielen Blockbustern kann zudem Ängste wecken - oder falsche Hoffnungen. Zwangsjacken, Elektroschocks zur Strafe oder aufgezwungene Gehirn-Operationen: Filme, die in der Psychiatrie spielen, schockieren oftmals. Die Verfilmung von "Shutter Island" mit Leonoardo DiCaprio oder der Filmklassiker "Einer flog übers Kuckucksnest" mit Jack Nicholson zeichnen ein düsteres Bild von der psychiatrischen Versorgung. Mit der Realität in den meisten westlichen Ländern haben sie aber schon lange nichts mehr zu tun.

Dem entgegen stehen Filme, in denen zu positive Erwartungen geweckt werden. Manchmal geht es den Patienten schon dank einer Pille oder Spritze besser. Der Psychotherapeut ist immer und überall erreichbar wie etwa in "Good Will Hunting" - in einer normal laufenden Praxis nur schwer möglich. Ebenso wirkt Psychotherapie in den Filmen oft nicht wie im wirklichen Leben Schritt für Schritt, sondern es gibt meist einen Moment des Durchbruchs, nachdem der Patient plötzlich geheilt ist. Nicht selten ist allein Liebe das rettende Wundermittel wie etwa in dem Neunzigerjahre-Streifen "Benny & Joon" mit Johnny Depp.

Positive Beispiele

Dennoch gibt es zunehmend Lichtblicke: Experten loben etwa den Film "Silver Linings" über Bipolare Störungen mit der Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence oder Mel Gibsons Darstellung von einem depressiven Mann in "Der Biber" für ihre Realitätsnähe. Zudem arbeiten Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler inzwischen häufiger mit Betroffenen zusammen. An dem Film über den an Schizophrenie erkrankten Wirtschaftswissenschaftler John Nash "A Beautiful Mind" und an der Mafia-Komödie "Reine Nervensache" mit Billy Crystal und Robert De Niro haben Psychologen mitgewirkt. Leonardo DiCaprio verbrachte zur Vorbereitung auf seinen Film "The Aviator" viel Zeit mit Menschen, die wie die Hauptfigur an einer Zwangserkrankung leiden.

Unter diesen Vorzeichen können Filme wichtige und hilfreiche Informationsquellen sein. Das betonen auch die Buchautoren Wedding und Niemiec: "Filme sind ein machtvolles Medium - um Studenten auszubilden, Patienten einzubeziehen und die Öffentlichkeit über die faszinierende Welt der Psychopathologie aufzuklären."

Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 37 Beiträge
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1.
miss_moffett 01.02.2015
Das sind Filme, keine Dokumentationen. Dieser Tatort- mässiger Realitätsanspruch nervt. Unterhalten mich, wenn Ihr mein Geld für eine Kinokarte wollt.
2. Was will der Künstler uns damit sagen?
mielforte 01.02.2015
So hieß es immer im Unterricht und ein Raunen ging durch die Bankreihen. Filme bilden den Zeitgeist ab und transportieren diverse Themen. Nicht nur, wieviele Kinder man zu haben hat sondern auch wie man sich gegenüber Fremden verhält usw. Zum Thema des Beitrages gehört sicher auch, dass ein Film auch diffuse Ängste verbreiten will. Da draussen sind Leute wie du und ich, die plötzlich zu allem fähig sind und deine Welt aus den Angeln heben. Also ähnlich wie ein Boulevard-Blatt fungiert der Film als "Erschrecker" in der Geisterbahn unserer Gesellschaft.
3.
diego666 01.02.2015
ICh hab die letzte Zeit häufiger gehört, dass die meisten Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung nicht so elitär und intelligent sind und deshalb Hollywood nicht so realistisch ist. Aber irgendwie kann ich dem nicht zustimmen, denn es ist ja nicht so, dass es in Filmen keine dummen Psychopathen gibt, es sind halt nur die bekanntesten, die intelligent sind. Und das liegt halt vor allem daran, dass Psychopathen wie Hannibal Lecter in Filmen oder Ted Bundy oder John Wayne Gacy, intelligent, gebildet und kultiviert einfach interessanter sind und mehr Stoff als Hauptvillain bieten. Das macht sie aber nicht unrealistisch.
4.
vhn 01.02.2015
Hätte in diesem Artikel eine Erwähnung verdient. Falls die Autorin das nicht kennt, bitte ansehen...
5.
mr.andersson 01.02.2015
Mir hat letztens ein Experte im Vertrauen erzählt, dass viele Kinofilme gar nicht stimmen. Es gibt wohl gar keine Roboter in Menschengestalt die durch die Zeit reisen, unververwundbare fliegende Ausserirdische die als Reporter unter uns wandeln und ähnliches. Seit ich diese Information habe, benutze ich Hollywoodfilme nicht mehr als Informationsquelle, schon gar nicht zum Thema "realistische Darstellung von Krankheiten". Ist aber eine geheime Information, also bitte nicht ohne weiteres weitertragen.
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