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13. November 2012, 09:03 Uhr

Psychologie

Warum Kratzen ansteckend sein kann

Lachen, Gähnen, Kratzen: Was das Gegenüber tut, kann ansteckend sein. Forscher haben neue Hinweise darauf gefunden, was im Gehirn passiert, wenn andere sich kratzen - und wer besonders anfällig für den Juckreiz anderer sein könnte.

Washington - Emotional labile Menschen lassen sich besonders leicht vom Kratzen anstecken. Sobald sie jemandem dabei zuschauen, verspüren sie selber einen Juckreiz, berichten Forscher um Henning Holle von der britischen Universität Hull. Allein das Beobachten des Kratzens aktiviere Regionen des Gehirns, die auch bei der Tätigkeit selbst eingeschaltet sind.

Möglicherweise sei eine übermäßige Aktivierung dieses Netzwerks im Gehirn - einer Art Kratz-Matrix - verantwortlich für den dauernden Juckreiz, den einige Menschen verspüren, obwohl Ärzte keine organische Ursache dafür finden können. Die Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Dass Kratzen ähnlich wie Lachen oder Gähnen ansteckend ist, wissen Forscher seit langem. Allerdings sind nicht alle Menschen gleich anfällig dafür. Holle und seine Kollegen untersuchten das Phänomen nun genauer. Sie zeigten zunächst 33 Probanden Videos, in denen sich Menschen entweder kratzten oder nur auf bestimmte Körperteile klopften. Dabei filmten die Forscher die Testpersonen heimlich. Nach jedem Video fragten sie die Teilnehmer zudem, wie stark es sie gejuckt habe.

Juckreiz abhängig von der Persönlichkeit?

Es zeigte sich, dass die Probanden nach den Kratz-Filmen grundsätzlich einen stärkeren Juckreiz verspürten als beim Anschauen der Klopf-Videos. Die Mehrheit ließ sich zudem vom Jucken anstecken: Mehr als 60 Prozent der Versuchspersonen kratzten sich mindestens einmal während sie die Kratz-Videos sahen. Jene, die einen besonders starken Juckreiz verspürten, kratzten sich am häufigsten. Vor allem das Kratzen am linken Oberarm schien einen starken Juckreiz beim Beobachten auszulösen, berichten die Forscher.

Die Auswertung eines psychologischen Fragebogens zur Persönlichkeit ergab weiter, dass vor allem Menschen mit einem Hang zum Neurotizismus anfällig für ansteckendes Jucken waren. Wissenschaftler definieren dieses Persönlichkeitsmerkmal als Tendenz, negative Emotionen stark wahrzunehmen. Besonders empathische Menschen waren hingegen nicht übermäßig anfällig für das ansteckende Jucken.

Für eine zweite Untersuchung zeigten die Forscher 18 Probanden die Videos, während sie dabei im Computertomografen die Hirnaktivität scannten. Es zeigte sich, dass das Beobachten des Kratzens viele Bereiche im Gehirn aktivierte, die bei einem tatsächlichen Juckreiz und beim Kratzen aktiv sind. Diese Kratz-Matrix spiele vermutlich auch ein wichtige Rolle beim sogenannten psychogenetischen Kratzen, für das Ärzte keine physische Ursache finden. Da es sich um eine kleine Studie mit nur wenigen Probanden und ohne Kontrollgruppe handelt, kann die Untersuchung lediglich als Ausgangspunkt für weitere Analysen der genauen Funktionen einzelner Hirnbereiche sein.

hei/dpa

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