Psychologie: Mensch, was für ein Irrtum!

Von Chaehan So

Viele Menschen glauben, ihr Gegenüber auf den ersten Blick einschätzen zu können. In Wahrheit liegen wir mit unserem Blitz-Urteil oft daneben - merken das aber kaum. Zum Glück gibt es ein paar Tipps, die vor Fehlschlüssen schützen.

Vertrauenswürdig? Eine Meinung über einen Menschen bildet man sich blitzschnell Zur Großansicht
Corbis

Vertrauenswürdig? Eine Meinung über einen Menschen bildet man sich blitzschnell

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass viele Menschen von sich sagen, sie besäßen eine gute Menschenkenntnis - aber fast niemand das Gegenteil behauptet? Aussprüche wie "Ich täusche mich oft in anderen" hört man selten. Ist es wirklich so einfach zu durchschauen, ob jemand ein eingebildeter, oberflächlicher oder gutherziger Zeitgenosse ist? Oder bilden wir uns das vielleicht nur ein?

Tatsächlich gibt es eine Reihe von gut dokumentierten psychologischen Urteilsverzerrungen, denen wir alle - ob wir wollen oder nicht - sowohl beim Einschätzen anderer Personen unterliegen als auch beim Beurteilen unserer eigenen Fähigkeiten. Wenn wir diese Tendenzen kennen, mag es uns besser gelingen, sie im Alltag aufzudecken und ihnen bewusst entgegenzusteuern.

Solche Urteilsverzerrungen tauchen besonders häufig in einem bestimmten Bereich unserer Gedankenwelt auf, der Metakognition, also dem Nachdenken über das eigene Wissen und die eigenen Fähigkeiten. Dass Menschen sehr oft unbemerkt metakognitive Fehlurteile treffen, wissen Forscher schon seit geraumer Zeit. Bereits in den achtziger Jahren stellten Psychologen die bis dahin gängige Lehrmeinung in Frage, eine möglichst realistische Wahrnehmung der Welt sei normal, ja unerlässlich für die geistige Gesundheit. Immer mehr Studien zeigten damals, dass gut angepasste, "normale" Personen mit einer Reihe von sogenannten positiven Illusionen leben - die ihr Selbstbild in ein besseres Licht rücken, als es objektiv geboten wäre.

So beurteilen die meisten von uns ihre Leistungen und Begabungen als überdurchschnittlich, egal auf welchem Gebiet: Wir halten uns etwa für klüger, kompetenter und attraktiver als das Mittelmaß - und eben auch für besonders gute Menschenkenner.

Wie die Psychologen Justin Kruger und David Dunning von der Cornell University 1999 in mehreren Experimenten zeigten, ist das Ausmaß der Selbstüberschätzung sogar umso größer, je inkompetenter man auf einem Gebiet ist. So beurteilten bei einem Grammatiktest die schlechtesten 25 Prozent der Probanden die eigene Leistung als ebenso überdurchschnittlich wie der Rest der Versuchsteilnehmer. Lediglich das beste Viertel zeigte Bescheidenheit: Sie unterschätzten ihre Leistungen etwas.

Verzerrter Blick in den Spiegel

Wahrscheinlich ist es ein Stück weit sinnvoll, dass die meisten Menschen beim Blick in den Spiegel eine rosarote Brille aufsetzen. Wer sich besser einschätzt, als er ist, wird eine schwierige Aufgabe eher angehen - und möglicherweise öfter dafür belohnt werden. Beim Beurteilen anderer aber führt diese Selbstüberhöhung meist dazu, dass wir sie schlechter beurteilen, als sie es verdienen. Denn wir bewerten unsere Mitmenschen immer im Vergleich zu unserem eigenen Selbst, das ins Positive verzerrt ist.

Die Selbstüberschätzung geht Hand in Hand mit einem anderen psychologisch tief verankerten Irrtum: dem sogenannten Bestätigungsfehler - also der Tendenz, einmal bestehende Urteile immer wieder zu bestätigen, anstatt sie in Frage zu stellen. Der Kognitionspsychologe Peter Wason (1924 bis 2003) beschrieb diese mentale Fehleinschätzung bereits 1960 in einem seiner klassischen Experimente am University College London: Darin sollten seine Versuchspersonen beispielsweise raten, nach welcher Regel die Ziffernfolge 2-4-6 gebildet wurde. Die Probanden konnten sich an eigenen Reihen versuchen und bekamen zurückgemeldet, ob diese der zu findenden Regel entsprachen oder nicht.

Die meisten Versuchspersonen tippten im genannten Fall auf eine aufsteigende Zahlenreihe mit einem Intervall von zwei und führten daher Beispiele wie 4-6-8 oder 10-12-14 an, woraufhin sie stets positives Feedback erhielten. So kamen sie allerdings nicht auf die tatsächlich zugrunde liegende Gesetzmäßigkeit: eine beliebig aufsteigende Folge von Zahlen. Um das zu entdecken, hätten sie als Gegenprobe ungerade oder unregelmäßige Intervalle wie 2-5-8 oder 3-6-17 nennen müssen, was aber die wenigsten taten.

Fragen will gelernt sein

Der Bestätigungsfehler ist auch für unser Gefühl verantwortlich, einen Menschen bereits nach dem ersten Kontakt richtig eingeschätzt zu haben. Denn bei weiteren Treffen fühlen wir uns immer wieder in diesem anfänglichen Urteil bestätigt. Schuld daran sind automatisiert ablaufende kognitive Prozesse, die alle neu beobachteten Verhaltensweisen mit unserer Erwartung abgleichen, ähnlich wie bei einem Puzzle. Die Lösung, die am Ende herauskommen soll, steht von vornherein fest. Wenn wir etwas beobachten, was nicht zu diesem Gefüge passt, legt unser Unbewusstes das Puzzleteil einfach beiseite. So bewahrheitet sich letztlich immer unser anfängliches Bild des anderen - und wir bleiben davon überzeugt, eine gute Menschenkenntnis zu haben.

Diese Illusion tritt auch deswegen so hartnäckig auf, weil wir unseren ersten Eindruck nur äußerst widerwillig ändern. Das konnte 2010 eine Studie der britischen Psychologin Natalie Wyer von der University of Plymouth zeigen. Ihre Versuchspersonen sahen das Foto eines jungen, kahlköpfigen Mannes namens Edward, der ihnen entweder als Krebspatient oder als Skinhead vorgestellt wurde. Erwartungsgemäß schätzen die Probanden ihn als feindseliger ein, wenn sie ihn für einen Skinhead hielten. Wenn sie danach weitere Informationen erhielten, die Edward in einem günstigeren Licht darstellten, änderten sie diese Meinung zwar - aber nur in Äußerungen, die sie bewusst tätigten.

In einem Test, der implizite, also unbewusste Einstellungen aufzudecken vermag, reagierten die Versuchspersonen weiterhin schneller auf negative Adjektive in Verbindung mit Edward als auf positive. Ihre Einschätzung Edwards als feindselig blieb also unverändert, obwohl sie objektive Informationen bekommen hatten, die ihrem ersten Eindruck widersprachen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Mensch, welch ein Irrtum,
crisifalkland 08.07.2012
mich wundert diese Fehleinschätzung, ich kann leider gar nicht behaupten, ein guter Menschenkenner zu ssein, und wenn mir z.B. freunde sagen ich sei so wahnsinnig kintelligent, kann ich darüber auch nur lachen. Aber ich erlebe tatsächlich sehr oft, dass mir vor allem Männer erklären, wie wahnsinnig klug sie doch seien. Der eine hätte ja Abi mahen können, warum hat er dann nicht, fragt man sich doch da. Oder ein anderer Mann erklärt, sein IQ beträgt 136, wieder ein anderer wurde getestet und man hätte festgestellt, er sei entweder entwicklungsverzägert oder aber absolut genial. Aber vielleicht wollen Männer einen ja auch nur beeindrucken mit solchen Aussagen, oder sollte ich sagen Angaben? Ich denke, wenn jemand wirklich so klug ist, muss er das nicht erzählen, dann merkt man das auch ohne lange drüber zu reden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Psychologie
RSS
alles zum Thema Psychologie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Gefunden in