Psychologie "Optimisten sind im Vorteil"

Daniel Kahneman: Wer zuversichtlich ist, gibt nicht so schnell auf
REUTERS

Daniel Kahneman: Wer zuversichtlich ist, gibt nicht so schnell auf

2. Teil: Wer gut drauf ist, spielt besser


Kahneman: Ja, sie geben nicht so schnell auf. Das kann oft entscheidend sein. Wenn ich eine Fußballmannschaft unterstütze, dann möchte ich, dass sie glaubt, gewinnen zu können. Denn dann spielt sie besser.

SPIEGEL ONLINE: Gut drauf zu sein, ist ja wohl auch sonst ein beträchtlicher Überlebensvorteil. Ist das der Grund dafür, dass die Evolution den Optimismus hervorgebracht hat?

Kahneman: Natürlich sind Optimisten evolutionär im Vorteil. Aber Vorsicht: Wenn man so einen realen Menschen vor sich hat, ist es sehr schwer, bei ihm die zuversichtliche Lebenshaltung von anderen erfreulichen Dingen zu unterscheiden. Er wird allgemein glücklicher sein, er hat ein besseres Immunsystem, das geht alles zusammen. Man sollte es wohl besser umgekehrt sehen: Nicht unbedingt der Optimismus ist nützlich, sondern die Depression ist schädlich. Wenn Sie unter Depressionen leiden, ist das definitiv sehr schlecht für Ihre Zukunft .

SPIEGEL ONLINE: Zu viel Optimismus kann aber ebenfalls Schaden anrichten. In Ihrem neuen Buch* schildern Sie unter anderen, welche Folgen entfesselte Zuversicht für die Wirtschaft hat - Firmenchefs etwa überschätzen chronisch ihr Können und verkennen die Risiken.

Kahneman: Ja, sie glauben, für sie gelten die Statistiken nicht. In den USA sind nach einer Studie 81 Prozent der Unternehmensgründer überzeugt, ihre Aussichten seien gut; ein knappes Drittel glaubt sogar, das Risiko eines Scheiterns sei gleich null. Dabei überleben hier nur 35 Prozent der kleinen Firmen die ersten fünf Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch nennen Sie den Optimismus den "Motor des Kapitalismus".

Kahneman: Dass so viele Gründungen scheitern, muss ja fürs Ganze nicht unbedingt schlecht sein.

SPIEGEL ONLINE: Worin besteht denn der Nutzen der verkrachten Unternehmer?

Kahneman: An Ihnen können Sie lernen, welche Fehler Sie vermeiden sollten. Sie sind, wie Kollegen mal gesagt haben, die "Märtyrer des Optimismus". Denken Sie an die Expeditionen zum Südpol, die so viele Opfer gefordert haben - es hilft den Nachfolgenden zu wissen, wie und woran die Vorgänger gestorben sind.

SPIEGEL ONLINE: Also alles halb so schlimm?

Kahneman: Nun, wenn Großkonzerne leichtsinnig werden, kann der Schaden gewaltig sein. Auch sie treffen häufig Entscheidungen, die von übersteigertem Selbstvertrauen getragen sind. Sehr beliebt sind riskante Übernahmen anderer Firmen. Immer wieder wird das versucht, auch wenn es noch so oft schiefgeht. Der Chef überschätzt einfach seine Fähigkeiten. Die Anleger können in solchen Fällen viel Geld verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Wenn reale Verluste drohen, sollten sich hyperoptimistische Eskapaden doch verhindern lassen.

Kahneman: Es gäbe schon Mittel und Wege. Unglücklicherweise erfordern sie Anstrengung und die Bereitschaft zur Selbstkritik auf der höchsten Ebene des Managements, deshalb sind sie nicht sehr verbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Welche Mittel meinen Sie?

Kahneman: In der Ölindustrie zum Beispiel werden regelmäßig strenge Entscheidungsverfahren angewendet. Jede neue Bohrung ist ja eine gigantische Wette auf einen ungewissen Erfolg; wer sich da auf die Intuition verlässt, kann sehr viel Geld verlieren. Deshalb beschäftigen Firmen wie Shell oder Chevron Tausende von Leuten nur dafür, die besten Entscheidungen zu treffen. Diese füttern Computer mit ihren Daten, und dann beginnt ein genau festgelegter Bewertungsprozess, in dem es nach Schwellenwerten und ausgetüftelten Algorithmen geht. Und die Firmen haben die Disziplin, sich jedesmal an diese strengen Abläufe zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Warum gerade die Ölfirmen?

Kahneman: Das Bohren nach Öl ist ja keine besonders emotionale Angelegenheit. Und die Entscheidung, wo man es versucht, muss immer wieder getroffen werden, es ist immer wieder das gleiche Problem. Da fällt es leichter, stur nach einer mechanischen Prozedur vorzugehen. Ganz anders ist das aber, wenn irgendwo in der Wirtschaft wichtige, große Einzelentscheidungen anstehen: Kaufen wir den Konkurrenten auf oder nicht? Da läuft es am Ende oft auf die Intuition des Chefs hinaus. Und genau deshalb geht das so oft schief.

SPIEGEL ONLINE: Kann man nichts dagegen tun?

Kahneman: Man kann es versuchen. Einen sehr einleuchtenden Trick hat sich mein Kollege Gary Klein ausgedacht. Er ist für den Zeitpunkt gedacht, wenn eine Entscheidung schon unterschriftsreif ist. Kurz zuvor ruft man noch einmal ein paar der wichtigsten Beteiligten zusammen und gibt ihnen folgende Aufgabe: "Wir haben den Plan umgesetzt, das ist jetzt ein Jahr her. Das Ergebnis war ein Desaster. Schreiben Sie in fünf bis zehn Minuten auf, wie es dazu gekommen ist."

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen das ein "Premortem", also eine Art Obduktion noch zu Lebzeiten.

Kahneman: So ist es. Ich denke nicht, dass ein Projekt nur deswegen wieder aufgegeben würde. Aber man würde es vielleicht vorsichtiger angehen, Schutzvorkehrungen treffen, eine zusätzliche Versicherung abschließen. Die Idee ist wirklich gut, und ich denke, sie wird angewendet werden. Sie kann ja auch gar nicht schaden, nur nützen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte man stattdessen nicht einfach in der Firma die Planstelle eines Leitenden Pessimisten einrichten?

Kahneman: Viele Unternehmen haben ja längst Leute, die von Berufs wegen eher pessimistisch sind, es gibt Controller und Anwälte und dergleichen. Aber die sind tendenziell unbeliebt, und wenn es um Entscheidungen aus dem Bauch heraus geht, werden sie nach Möglichkeit umgangen. Die Schönheit des Premortem ist es ja gerade, dass Pessimisten dafür gar nicht nötig sind. Vielmehr fordert es die Zuversichtlichen heraus: Diejenigen, die das Projekt unbedingt durchziehen wollen, sollen selbst noch einmal mit dem Schlimmsten rechnen.


*Daniel Kahnemann: "Thinking, Fast and Slow". Farrar, Straus & Giroux, New York; 500 Seiten; 30 Dollar (die deutsche Ausgabe erscheint im Mai im Siedler Verlag)

Das Gespräch führte Manfred Dworschak.



insgesamt 153 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
scharfrichter1 31.12.2011
1. faszinierend...
.. haben Politiker einen Grund, nicht optistisch zu sein? Ihnen geht es doch - unabhängig von der Wirtschaftslage - Und: Wer Optimismus ausstrahlt, wird wiedergewählt, seien seine Bekundungen auch noch so delphioresk orakelhaft, dass jeder das raushören kann, was er braucht. Was daher zählt, ist der Optimusmius des Einzelnen; gebildet aus Vertrauen ins Leben, dem Wissen, dass nichts Erreichtes Beständigkeit hat und dem Loslassen-Können (s. Plan-Be (http://www.plan-be.de)). Was soll dann schon passieren? Egal, ob Politiker schönfärben oder zeckoptimissieren...
merapi22 31.12.2011
2. Es braucht endlich wieder positive Visionen!
Zitat von scharfrichter1.. haben Politiker einen Grund, nicht optistisch zu sein? Ihnen geht es doch - unabhängig von der Wirtschaftslage - Und: Wer Optimismus ausstrahlt, wird wiedergewählt, seien seine Bekundungen auch noch so delphioresk orakelhaft, dass jeder das raushören kann, was er braucht. Was daher zählt, ist der Optimusmius des Einzelnen; gebildet aus Vertrauen ins Leben, dem Wissen, dass nichts Erreichtes Beständigkeit hat und dem Loslassen-Können (s. Plan-Be (http://www.plan-be.de)). Was soll dann schon passieren? Egal, ob Politiker schönfärben oder zeckoptimissieren...
Wahlversprechen die man nicht einhalten kann, wie Mehr Netto vom Brutto - FDP werden aber stark abgestraft! Optimismus fehlt, von Visionen für eine schönere Zukunft ganz zu schweigen. Heute überwiegt doch Pessimismus, Euro-Krise, Renten-Krise, Arbeitsmarkt-Krise, Niedriglohn, Depression... Viele sehen die Lage heute schon so schwarz, deshalb braucht es endlich wieder einen Visionär mit einer positiven Utopie. Herr Kurzweil hat eine: Ray Kurzweil: Auf der Jagd nach Unsterblichkeit"Aber bald werden all unsere Produkte und Nahrungsmittel von nanotechnologischen Replikatoren hergestellt werden, die im Grunde jedes physische Produkt fast ohne Kosten hervorbringen können. Dies wird also eine radikale Zunahme des Wohlstands in der ganzen Welt zur Folge haben." (http://www.wie.org/de/j18/kurzweil.asp?page=3) In diesem Sinn allen ein wundervolles und erfolgreiches 2012
perlhuhn. 31.12.2011
3.
Zitat von scharfrichter1.. haben Politiker einen Grund, nicht optistisch zu sein? Ihnen geht es doch - unabhängig von der Wirtschaftslage - Und: Wer Optimismus ausstrahlt, wird wiedergewählt, seien seine Bekundungen auch noch so delphioresk orakelhaft, dass jeder das raushören kann, was er braucht. Was daher zählt, ist der Optimusmius des Einzelnen; gebildet aus Vertrauen ins Leben, dem Wissen, dass nichts Erreichtes Beständigkeit hat und dem Loslassen-Können (s. Plan-Be (http://www.plan-be.de)). Was soll dann schon passieren? Egal, ob Politiker schönfärben oder zeckoptimissieren...
Glauben Sie wirklich, es sei ein wünschenswertes oder privilegiertes Leben, nicht nur Tag aus Tag ein, immer nur auf Außenwirkung programmiert sein zu müssen und obendrein noch mit nahe null Privatleben sein Dasein zu fristen? Die meisten haben früher oder später echt was an der Waffel und wollen nur deshalb nicht abtreten, weil sie glauben, es ginge nicht ohne sie. Die "Ablösesumme" für eine derartige Bewusstseinsübertragung in das Leben einer Öffentlichen Person ist im Grunde lächerlich gering.
Death666Angel 03.01.2012
4. Hm
"Optimisten länger leben, gesünder sind, mehr Freunde haben." Kann man da nicht eher sagen, dass Leute mit einem besseren Leben mehr Grund haben fröhlich/optimistisch zu sein? Insgesamt, wie bei allen psychologischen Phänomenen, zu oberflächlich behandelt und zu wenig Möglichkeiten es gesondert/kontrolliert zu erforschen.
ZiehblankButzemann 03.01.2012
5. Ein schöner lehrreicher Beitrag!
Da will ich gar nichts kommentieren, sondern einfach nur auf sich wirken lassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.