SPIEGEL ONLINE: Professor Kahneman, kann man Zuversicht lernen?
Kahneman: Aber natürlich. Das zeigen schon die großen Unterschiede zwischen den Kulturen: In Ländern wie Ungarn oder Frankreich wirken ausgesprochen zuversichtliche Menschen leicht ein bisschen dumm oder naiv. In den USA dagegen wird es geradezu erwartet, dass man Optimismus zeigt. Das ist kulturell geregelt. Und in einem gewissen Maß gilt, wie für alle Gefühle: Wer sie nicht zeigt, empfindet sie auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wir sollen uns nur tapfer optimistisch geben, und dann kommt die Zuversicht von alleine?
Kahneman: So einfach ist das sicher nicht. Die Frage ist, ob sich Optimismus überhaupt kurzfristig antrainieren lässt. Soweit ich das überblicke, gibt es bislang keine Belege für größere oder gar nachhaltige Effekte. Die wären auch nur schwer zu ermitteln. Wenn Leute auf Optimismus getestet werden und sie wissen, worum es geht, dann wird der Test auch Optimismus finden. Das ist ein allgemeines Problem bei solchen Versuchen. Man bräuchte einen objektiven Beobachter, der die betreffende Person nur oberflächlich kennt und gar nicht weiß, dass sie sich einem Training unterzogen hat. Wenn der dann sagt: "Oh, dieser Mensch wirkt jetzt zuversichtlicher!" - dann wäre ich überzeugt.
SPIEGEL ONLINE: Spielt die Vererbung eine Rolle?
Kahneman: Sicher. Sowohl die Lebenszufriedenheit als auch der Optimismus haben eine starke genetische Komponente.
SPIEGEL ONLINE: Wer zu den Glücklichen zählt, scheint nur Vorteile davon zu haben. Zahllose Studien zeigen, dass Optimisten länger leben, gesünder sind, mehr Freunde haben.
Kahneman: Es ist aber sehr unklar, ob der Optimismus jeweils die Ursache ist oder einfach eine Begleiterscheinung. Ich schätze eher, es gibt etwas, das hinter beidem steckt. Andererseits kennen wir sehr wohl ein paar Dinge, die der Optimismus selbst bewirkt, aber das sind nicht viele.
SPIEGEL ONLINE: Welche zum Beispiel?
Kahneman: Mein Kollege Martin Seligman hat mal ein schönes Experiment gemacht mit Schwimmern an der University of Berkeley, Weltklasseleute darunter. Er ließ sie schwimmen, so schnell sie konnten, und dann nannte er ihnen falsche Zeiten. Sie mussten annehmen, sie seien langsamer gewesen, als sie in Wirklichkeit waren. Für die meisten war das entmutigend, beim nächsten Versuch schwammen sie tatsächlich langsamer. Anders diejenigen, an denen Seligman zuvor eine optimistische Veranlagung festgestellt hatte. Einige von ihnen wurden danach sogar besser.
SPIEGEL ONLINE: Optimisten werden besser mit Rückschlägen fertig?
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