Psychologie Selbstüberschätzung lohnt sich

Ich bin der Größte! Auch wenn das oft nicht stimmt und die Betroffenen damit mächtig auf die Nase fallen: Selbstüberschätzung zahlt sich in der menschlichen Gesellschaft aus. Das haben Forscher mit einer Simulation gezeigt. Solange es viel zu gewinnen gibt, ist ein geschöntes Selbstbild von Vorteil.

Corbis

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Für den mittleren Angestellten ist es ohnehin klar: Der Chef hat nur den großen Mund, in Wahrheit aber nix drauf. Und der Kollege nebenan hält sich nur deshalb für besonders schlau, weil es ihm an der Intelligenz mangelt, seine eigene Unfähigkeit zu erkennen. Selbstüberschätzung ebnet den Weg in die Chefetage.

Psychologen untersuchen das Phänomen der geschönten Selbstwahrnehmung schon seit längerem - und haben es bis heute nur teilweise verstanden. Wie kommt es beispielsweise, dass 94 Prozent der College-Lehrer in den USA glauben, dass sie überdurchschnittlich gute Pädagogen sind? Oder dass bei einer Umfrage unter einer Million US-Schülern 70 Prozent sich als überdurchschnittlich gut einstufen? Und nur zwei Prozent als unterdurchschnittlich? Besteht die Menschheit nur aus Überfliegern?

Zwei Wissenschaftler präsentieren nun im Wissenschaftsmagazin "Nature" eine neue, auf natürlicher Selektion basierende Erklärung für das Phänomen der Selbstüberschätzung. Eigentlich, so schreiben James Fowler von der University of California in San Diego und sein Kollege Dominic Johnson, dürfte es Selbstüberschätzung gar nicht geben. Denn sie führt ja fast zwangsläufig zum Untergang oder in die Katastrophe, sei es an der Börse, im Unternehmen oder im Krieg.

Die beiden Forscher können jedoch mit einem einfachen Modell aus der Spieltheorie zeigen, dass es sich unter bestimmten Voraussetzungen auszahlt, die eigenen Fähigkeiten für größer zu halten, als sie tatsächlich sind. Und zwar immer dann, wenn der mögliche Gewinn in einem Streit groß ist im Verhältnis zu dem Schaden, den man im Kampf gegen den anderen erleiden kann.

Das Modell von Fowler und Johnson ist einfach: Es gibt ein Objekt der Begierde - zum Beispiel einen Geldschein oder etwas zu Essen - und zwei Personen, die es darauf abgesehen haben. Eine Person kann Ansprüche auf das Objekt der Begierde anmelden - oder auch nicht. Wenn nur eine Person interessiert ist, bekommt sie das Objekt kampflos. Stellt keiner Ansprüche, bekommt es niemand. Sind beide interessiert, kommt es zum Duell.

Fitnessgewinn oder Fitnessverlust?

Jeder der beiden Interessenten kennt seine eigene Stärke - oder Fitness - nicht exakt, sondern nur mit einer gewissen Unschärfe. Wer die Ressource erbeutet oder kampflos erhält, wird dafür belohnt: Er erhöht seine Stärke um den Wert r. Im Falle eines Kampfes zwischen beiden Kontrahenten gewinnt der Stärkere das Objekt. Allerdings müssen beide einen Preis für das Duell zahlen. Ihre Fitness verringert sich jeweils um den Betrag c.

In der Simulation ließen die Forscher dann Menschen unterschiedlicher individueller Stärke immer wieder aufs Neue gegeneinander antreten. Manche schätzten sich realistisch ein, andere überschätzten sich oder hatten ein geringes Selbstbewusstsein. Auf diese Weise wurde am Computer quasi die Evolution innerhalb der menschlichen Gesellschaft nachgespielt.

Dabei zeigte sich, dass das Verhältnis von r und c, also von Fitnessgewinn und Fitnessverlust darüber entscheidet, ob Selbstüberschätzung eine Eigenschaft ist, die sich in einer Gemeinschaft durchsetzt, oder nicht. War das Verhältnis von r und c größer als 1,5, dann führten die wiederholten Simulationen stets zu einer Gesellschaft, in der es ausschließlich Menschen gab, die sich überschätzten. Solange man viel gewinnen konnte und dabei nicht allzuviel zu verlieren hatte, war ein überhöhtes Selbstwertgefühl also von Vorteil.

Bei kleineren Werten von r/c gab es mehrere mögliche stabile Zustände, in die sich die virtuelle Gesellschaft entwickelte. Mal existierten Überschätzung und Unterschätzung parallel, mal bestand die Gemeinschaft nur noch aus Individuen, die ihre Fähigkeiten für kleiner hielten, als sie tatsächlich waren.

"Unsere Analyse zeigt, dass sich Selbstüberschätzung gegenüber einer realistischen Selbstanalyse oft durchsetzt", schreiben die Forscher. Zu erklären sei dies damit, dass Menschen mit einem übergroßen Selbstbewusstsein selbst dann noch Ansprüche auf eine Ressource anmeldeten, wenn sie in einem Kampf eigentlich verlieren würden. Ihre stärkeren, aber vorsichtigeren Rivalen verzichteten jedoch auf ihren Anspruch, so dass der eigentlich Schwächere, aber Selbstbewusstere gewinne. Außerdem verhindere die Selbstüberschätzung, dass Menschen Auseinandersetzungen aus dem Weg gingen, die sie mit Sicherheit gewinnen würden.

Mit ihrem Selektionsmodell geben Fowler und Johnson der Forscherdebatte um den Nutzen der Selbstüberschätzung eine neue, interessante Richtung. Die bisherigen Erklärungen klingen jedoch nach wie vor überzeugend. Die Selbstüberschätzung könnte sich, so eine Hypothese, trotz der kostspieligen Rückschläge - siehe Finanzkrise - auszahlen, weil sie Menschen ehrgeiziger, mutiger und widerstandsfähiger macht. Oder, so lautet eine andere Hypothese, Selbstüberschätzung funktioniere wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Wahrscheinlich ist es ja wie so oft im Leben: Nicht ein Faktor allein entscheidet, sondern eine Kombination aus vielen lässt Menschen annehmen, sie seien die größten. Dann dürfen übrigens auch alle an der Erforschung des Phänomens beteiligten Wissenschaftler glauben, sie hätten des Rätsels Lösung gefunden. Selbstüberschätzung eben.



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