Körpersprache: Warum einem Wörter auf der Zunge liegen

Von Susanne Schäfer

Wie hieß der noch mal? Wie nennt man das gleich? Manche Begriffe sind sicher im Gehirn gespeichert und können doch nicht abgerufen werden. Je älter man wird, desto öfter liegen einem Wörter auf der Zunge. Was dabei im Kopf geschieht und welche Strategien helfen.

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Orientierungslos im eigenen Gedächtnis: Manche Wörter sind im Kopf, aber doch nicht abrufbar

Wer in einem hellhörigen Haus wohnt, lernt seine Nachbarn zwangsläufig gut kennen. Letztens war dem Bewohner im Stockwerk über mir offenbar romantisch zumute, er legte etwas Kuschelrockiges auf. Darin bestand nun eine doppelte Quälerei für mich: Erstens war die Musik sehr schmalzig. Und - schlimmer - zweitens: Wie hieß bloß der Sänger? Alle Eckdaten gab mein Gedächtnis mühelos preis: Achtziger, miese Frisur, Lady in Red, Name bestand aus drei Teilen - aber aus welchen, verdammt?

Psychologen nennen dieses frustrierende Erlebnis Tip-of-the-Tongue-Phänomen. Das Wort oder ein Name liegt einem auf der Zunge, will aber nicht raus. Man hat den Begriff nicht vergessen, sondern kann im Moment einfach nicht darauf zugreifen. Harvard-Forscher verglichen das vergebliche Wühlen im Gedächtnis einmal mit dem Moment, kurz bevor man niest. Und das Gefühl, wenn einem das Wort wieder eingefallen ist, mit der Erleichterung nach dem Niesen.

Im Alter lässt die Sprachfähigkeit nach

Aber bis es so weit ist, steht man einige Qualen durch. "Oh nein, ich werde alt", dachte ich sofort. Und Tatsache ist: Ältere Menschen haben häufiger Schwierigkeiten, Wörter zu finden als junge. Das bestätigte die Gedächtnisforscherin Deborah Burke vom Pomona College in mehreren Studien.

Dafür hat sie auch eine Erklärung gefunden: Das semantische System im Gehirn stellen sich Forscher heute als ein weit verzweigtes neuronales Netz aus miteinander verbundenen Knoten vor. In diesem werden Informationen zu Sprache gespeichert. Sowohl die Bedeutungen von Begriffen als auch deren Klang sind dort abgebildet. Beim Zungenspitzenphänomen wird zwar die lexikalische Bedeutung des gesuchten Begriffs aktiviert, was das starke Gefühl auslöst, dass man diesen kennt. Die phonologische Information aber, also der Klang des Wortes, wird nur unvollständig abgerufen, vermutet Deborah Burke. So kommt es, dass einem oft nur die erste Silbe des gesuchten Wortes einfällt, die man dann hilflos mit weiteren zu ergänzen versucht.

Verschüttetes Wissen

Als Burke ihre Probanden mit Umschreibungen nach dem Wort pylon (auf deutsch Pfeiler) fragte, stammelten die von pirates und pilots (Piraten und Piloten). Mit zunehmendem Alter werden im Gehirn die Verbindungen zu den phonologischen Abbildungen von Wörtern schwächer, und man findet sich immer häufiger orientierungslos im eigenen Gedächtnis wieder, wie auf der Suche nach dem Auto, das man doch gleich hier irgendwo geparkt hatte.

Burke bestätigte bei ihren Untersuchungen auch die alte Grundregel für das Gedächtnis: "Use it or lose it." Ihre Versuchspersonen erlebten das Zungenspitzenphänomen vor allem dann, wenn sie nach Wörtern gefragt wurden, die sie nur selten benutzten. Denn das Gedächtnis arbeitet pragmatisch: Die Verbindungen zwischen Nervenzellen werden trainiert oder vernachlässigt und können dementsprechend gut oder schlecht Signale übertragen. Was man oft braucht, lässt sich deshalb leicht abrufen. Was man nicht so häufig braucht, wird verschüttet.

Es empfiehlt sich, den Namen eines verschütteten Schnulzensängers nicht einfach hochzugoogeln, sondern abzuwarten, bis das Gehirn ihn "herausniest". Ich hätte nicht gedacht, dass Chris de Burgh ein so befreiendes Gefühl in mir auslösen könnte.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Entspannung hilft
Eva K. 11.09.2013
Da ich schon immer ein lausiges Namensgedächtnis hatte, lebe ich mit "der Dings, na der Dings halt!" Dabei spielen die Namen von Heulbojen der Popmusik allerdings eine periphere Rolle. Und die anderen Wörter, die mir gelegentlich mal auf Zunge liegen und nicht rauswollen, purzeln spätestens dann, wenn ich nicht mehr krampfhaft danach suche, von ganz allein aus dem Archiv ins aktive Gedächtnis.
2.
Stäffelesrutscher 11.09.2013
Sagen wir's mal anders: wer krampfhaft an den Schubladen mit den Wörtern rüttelt, wird keine aufbekommen, weil die dabei alle verkanten und klemmen. Aber wer mal locker lässt, wird merken, dass irgendwann die richtige Schublade ganz leicht aufgeht ... Wie hieß nochmal der Linienrichter, der im WM-Finale 1966 dem Schiri signalisierte, der Ball sei im Tor gewesen, Moment, ich hab's gleich ... mn hat ein Stadion nach ihm benannt ... Bachramov, genau!
3. Die Natur...
Deify 11.09.2013
Wahrscheinlich müssen wir einfach damit leben; alles andere lässt im Alter ja auch nach. Es ist wahrlich nicht schön, und es kommt für mich oft die Befürchtung hinzu, ob es möglicherweise Alzheimer ist.... Woher weiß man den Unterschied? Etwas "tröstlich" ist bestenfalls, dass man von anderen hört, es ginge ihnen genauso.
4. Ist doch ganz normal!!
papayu 11.09.2013
Da marschiere ich in die Kueche, komme an und weiss nicht mehr, was ich da wollte.Koestlich! Habe da meine eigene Methode. Rueckwaertsgang eingelegt und bumsvalera, ich habs!! Namen sind auch so ein Ding. Da habe ich facebook und will und weiss nicht mehr. Lache darueber, denn es kann vorkommen, dass es mir erst am naechsten Morgen wieder einfaellt. Seltsam ist, dass mir uralte "Dinger" wieder einfallen, die ich vor mehr als 50 Jahren gedreht habe. Nun, ich nehme es mit Humor. Immerhin bin ich jetzt schon "Gruftie" mit meinen 75 Jahren. Ist doch auch viel schoener, in der guten alten Zeit rumzusurfen. salamat po.
5. Andere Taktik:
craxz 11.09.2013
Ich benutze eine andere Taktik, um mir Begriffe oder Namen wieder einfallen zu lassen, ich iteriere durchs Alphabet und kann den Begriff auf wenige Buchstaben eingrenzen, meist auch nur auf einen, oft fällt es mir dann kurz darauf wieder ein.
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  • Frida Rose
    Susanne Schäfer schreibt über Körper, Geist und Gesellschaft. Sie war auf der Deutschen Journalistenschule in München und lebt in Hamburg. Sie findet, dass die Wissenschaft helfen kann, die Fragen des Alltags und des Lebens zu klären.

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