Psychologie: Warum Frauen besser über Kummer reden können

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"Du, ich hab da ein Problem": Sie will jetzt so richtig ausholen - und er würde am liebsten fliehen. Warum fällt es Frauen leichter als Männern, ihre Gefühle einem anderen Menschen anzuvertrauen? US-Psychologen haben jetzt eine Erklärung gefunden. Aber ist die wirklich logisch?

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Corbis

Er schweigt: Psychologen wollen ergründen, was Männern von Problemgesprächen abhält

Sie will unbedingt bis ins letzte Detail darüber reden, er schweigt sich aus. Es ist ein Stereotyp, hat aber wohl einen wahren Kern: Männer legen ihre Gefühle seltener offen als Frauen und teilen sich auch bei Problemen zögerlicher mit. Doch woran liegt das?

Ein Team US-amerikanischer Psychologen will die Ursachen dafür nun in einer Studie mit knapp 2000 Kindern und Jugendlichen ergründet haben. Dabei räumten sie nach eigener Aussage ein altes Vorurteil aus. "Jahrelang haben bekannte Psychologen behauptet, dass Jungen und Männer über ihre Probleme reden wollen, aber sie die Angst zurückhält, dass es peinlich wird oder sie Schwäche zeigen", sagt Amanda Rose von der University of Missouri in Columbia. Die Forscherin und ihre Kollegen berichten nun im Fachmagazin "Child Development" (online noch nicht verfügbar), dass andere Gründe das Verhalten erklären. "Die Antworten der Jungs deuten darauf hin, dass sie Problemgespräche einfach nicht als eine besonders sinnvolle Aktivität sehen."

Die Psychologen führten insgesamt vier Untersuchungen mit Kindern und Jugendlichen im Alter von acht bis 16 Jahren durch. Im Wesentlichen fragten sie die Teilnehmer, was diese erwarten würden, wenn sie jemandem ihre Probleme anvertrauen.

Zum einen gab es sechs mögliche positive Erwartungen an ein Gespräch:

  • Sich aufgehoben fühlen,
  • sich verstanden fühlen,
  • sich weniger einsam fühlen,
  • das Gefühl zu haben, dass sich die negativen Emotionen nicht aufstauen,
  • Hoffnung, dass das Problem gelöst wird,
  • das Gefühl, dass man auch mit Problemen als Person völlig okay ist.

Dazu kamen neun mögliche negative Erwartungen:

  • Angst, dass sich andere über einen lustig machen,
  • es peinlich ist, wenn jemand über das Problem Bescheid weiß,
  • Sorge, dass andere schlecht über einen denken,
  • ein schlechtes Gefühl, dass man seine Probleme nicht selbst löst,
  • Sorge, dass man die Person, der man sich mitteilt, aufregt oder erschüttert,
  • selbst noch aufgebrachter zu sein als vor dem Gespräch,
  • das Problem durchs Gespräch größer zu machen, als es ist,
  • sich seltsam (englisch: "weird") oder unangenehm zu fühlen
  • das Gefühl, es sei bloß Zeitverschwendung.

Das Ergebnis: Jungen und Mädchen verknüpften mit den Gesprächen mehr Hoffnungen als Befürchtungen, wobei dies bei den Mädchen etwas ausgeprägter war. Und: Nur bei zwei der negativen Erwartungen fanden die Forscher deutliche Unterschiede. Demnach fühlen sich Jungs eher seltsam, wenn sie über Gefühle sprechen. Und sie halten es häufiger für Zeitverschwendung. Da die Forscher dieses Ergebnis in mehreren Experimenten bestätigen konnten, lässt sich gut ausschließen, dass es sich bloß um einen statistischen Ausreißer handelt.

"Die Ergebnisse erfordern einen wichtigen Wandel, wie wir über die Gesprächsbereitschaft von Jungen denken", schreiben die Psychologin und ihre Kollegen. Jungs würden Problemgespräche eben nicht meiden, weil sie die Reaktionen der anderen fürchten oder sich selbst dadurch schlechter fühlen.

Merkwürdig, seltsam - oder einfach peinlich?

Wenn da nur das Wörtchen weird nicht wäre. Rose und Kollegen merken selbst an, dass nun genauer herausgearbeitet werden müsse, was Jungs denn meinen, wenn sie fürchten, sie würden sich durch ein Problemgespräch weird fühlen. Übersetzt werden kann es mit merkwürdig, seltsam, komisch, eigenartig oder sonderbar. Was in diesem Zusammenhang nicht weit entfernt von peinlich oder auch schlecht liegt.

Am Ende ist es also vielleicht doch genau das, was Psychologen schon lange sagen: Dass die Angst vor einer peinlichen oder unangenehmen Situation Jungen häufiger plagt als Mädchen - und daher schweigen lässt.

Dazu kommt ein Problem, dem sich Psychologen bei Fragebögen dieser Art immer gegenübersehen: Menschen neigen dazu, sozial erwünschte Antworten zu bevorzugen. Legt man also einem Teenager diese Liste von Hoffnungen und Sorgen vor, ist es durchaus möglich, dass er sich dafür entscheidet, Problemgespräche als reine Zeitverschwendung abzutun, weil das deutlich cooler klingt als alles andere.

Trotzdem - einen stärkeren Hang zum Ausschweigen haben viele Jungen und Männer. Diese Geschlechterstereotypen knacken, können nach Ansicht der Psychologen vor allem die Eltern. Indem sie Jungen schon früh zeigen, dass Problemgespräche zu Lösungen führen und damit keine Zeitverschwendung sind.

Und die Mädchen? Die können nach Ansicht von Rose und Kollegen manchmal dazu neigen, zu viel über ihre Gefühle zu sprechen und so ins Grübeln zu geraten. Dann könnten Eltern vermitteln, dass das Ausdiskutieren bis ins allerkleinste Detail nicht die einzige Möglichkeit ist, Probleme zu bewältigen.

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