Psychopharmaka Weniger ist mehr

In Deutschland schlucken zu viele Menschen Psychopharmaka - und leiden unter den Nebenwirkungen. Das schadet auch dem Ruf der Arzneien, die durchaus Leben verbessern und retten können.

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Pillen über Pillen: Wann sind Medikamente gegen psychische Erkrankungen unerlässlich?
Corbis

Pillen über Pillen: Wann sind Medikamente gegen psychische Erkrankungen unerlässlich?


Psychopharmaka haben einen schlechten Ruf: Abhängig sollen sie machen, laute Patienten ruhigstellen und die Persönlichkeit verändern. In vielen Köpfen herrscht noch die Angst, die Medikamente seien vor allem eines: gefährlich.

"Psychopharmaka wirken auf das Gehirn, beeinflussen das Denken und Fühlen von Menschen", sagte die Psychiaterin Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) am Dienstag auf einer Tagung der Gesellschaft zum Thema medikamentöse Behandlung. "Die Skepsis der Bevölkerung ist daher verständlich."

Die Sorgen und das Misstrauen beruhen Hauth zufolge aber vor allem auf zu wenig Informationen. Unbestritten ist, dass nicht jeder psychisch Erkrankte - akut oder auf Dauer - Medikamente benötigt. Vor allem die stark angestiegene Verabreichung von Antidepressiva beobachten Experten mit Sorge. Dem Arzneiverordnungsreport 2014 zufolge verschrieben Ärzte in Deutschland Anfang der Neunzigerjahre 200 Millionen Tagesdosen Antidepressiva. Damit könnten 550.000 Patienten für ein Jahr lang behandelt werden. 2013 waren es bereits 1,4 Milliarden Tagesdosen, genügend für die Jahrestherapie von 3,7 Millionen Menschen.

Brauchen wirklich so viele Menschen die Medikamente?

"In mehr als der Hälfte aller Fälle werden die Rezepte für Antidepressiva von Allgemein- oder Hausärzten ausgestellt - oft auch bei leichten oder mittelschweren Depressionen", berichtet Gerd Glaeske, Arzneimittelforscher am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. "Dabei ist der Konsens inzwischen, dass die Medikamente bei diesen milderen Schweregraden kaum besser als ein Placebo wirken und daher andere, nicht-medikamentöse Wege sinnvoller oder zumindest erste Wahl wären."

Bei psychotischen Patienten hingegen, die etwa unter Wahnvorstellungen oder Halluzinationen leiden, sei eine zeitnahe Therapie wichtig, sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim. "Je länger mit der medikamentösen Behandlung gewartet wird, desto mehr geht kaputt - psychisch, aber auch im Leben der Betroffenen."

Dieser Effekt besteht aber möglicherweise nicht fort. Meyer-Lindenberg berichtet von einer Studie mit Schizophrenie-Patienten, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Bei einer Patientengruppe wurden die Medikamente nach der Akutbehandlung langsam abgesetzt, die Rückfallraten nahmen zunächst stark zu. Nach mehr als zehn Jahren aber ging es den medikamentenfreien Patienten insgesamt besser als jenen, die weiterhin mit Arzneien behandelt wurden. "Das ist allerdings bisher die einzige Studie dazu und keine Handlungsanweisung", so der Psychiater. "Dieser Frage müssen wir mit Forschung weiter nachgehen."

Auch DGPPN-Präsidentin Hauth betont: "Medikamente sollten nie die einzige Behandlungsmöglichkeit sein, sondern immer Teil eines Therapiekonzeptes, das auch Psychotherapie und psychosoziale Hilfen einbezieht." Das forderten inzwischen auch sämtliche Behandlungsleitlinien für psychische Erkrankungen.

Nicht nur Psychopharmaka haben Nebenwirkungen

Mitunter ist die Angst vor Psychopharmaka aber auch überzogen. "Viele Dinge, die bei Psychopharmaka öffentlich diskutiert werden, sind auch bei anderen Arzneimitteln gegen körperliche Erkrankungen ein Thema - werden aber nicht derart publik besprochen", sagt Meyer-Lindenberg. Genauso wie alle anderen Arzneimittel haben Psycho-Medikamente Nebenwirkungen. Dazu zählen etwa Gewichtszunahme, Müdigkeit, Libidoverlust. Schlaf- und Beruhigungsmittel können abhängig machen, die Bandbreite der unerwünschten Effekte ist lang.

"Die Nebenwirkungen sind uns Behandelnden bekannt", sagt Gerhard Gründer, stellvertretender Direktor an der Klinik für Psychiatrie am Universitätsklinikum Aachen. "Dennoch gehen wir davon aus, dass unsere Patienten in einer akuten Krise die Wirksamkeit der Mittel in den Vordergrund stellen und dann die zusätzlichen Wirkungen in Kauf nehmen." Wenn es den Patienten dann psychisch besser gehe, müsse man abwägen und eventuell anders dosieren.

Der Psychiater Ulrich Hegerl von der Universität Leipzig ist der Auffassung, dass mancher Aufschrei zu Psychopharmaka-Effekten sogar Menschenleben gefährden könne. Vor einigen Jahren warnten US-Forscher davor, dass durch eine bestimmte Gruppe von Antidepressiva die Patienten eher an Suizid denken und ihn umsetzen würden. "In den USA führte diese Nachricht dazu, dass vor allem jüngere Erwachsene die Arznei nicht mehr einnahmen", sagt Hegerl. "In den zwei Jahren nach der Warnung nahmen sich in den USA mehr als 600 jüngere Menschen mehr das Leben, als aus den Vorjahren zu erwarten gewesen wäre." Zwar können auch das Bruttosozialprodukt, die Arbeitslosigkeitsraten und andere Faktoren die Suizidrate beeinflussen. Hegerl befürchtet dennoch: Zu lange mit der Gabe einer antidepressiven Arznei zu warten, könne lebensgefährlich sein.

Auch Pharmakritiker Glaeske sagt: "Wir sehen vor allem, wo Medikamente nicht adäquat und unnötig verschrieben werden, übersehen dabei jedoch die sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten." Erst durch Neuroleptika, die gegen Psychosen und Wahn zum Einsatz kommen, sei es einst möglich gewesen, psychisch schwer Erkrankten ein Leben außerhalb der Klinikmauern zu ermöglichen, sie ambulant zu behandeln. Glaeske: "Psychopharmaka müssen bewusst, verantwortungsbewusst und auf Basis einer qualifizierten Entscheidung verordnet werden, dann sind sie zweckmäßig - und nicht gefährlich."

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