Versorgungslücken Psychotherapeuten fordern 4000 neue Praxen

Bei psychischen Problemen schnell Hilfe erhalten - das klappt in Deutschland oft nicht. Vor allem auf dem Land sind die Wartezeiten lang. Die Psychotherapeuten fordern deshalb mehr Behandlungsplätze.

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Wer Hilfe beim Psychotherapeuten sucht, muss oft lange auf einen Therapieplatz warten. Besonders in ländlichen Regionen vergehen oft Monate vor einer nötigen Behandlung. "Dadurch verschlimmern sich psychische Erkrankungen und werden chronisch", sagt Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK).

Die Kammer fordert rund 4000 zusätzliche psychotherapeutische Praxen in ländlichen Regionen. Hierfür müssten die gesetzlichen Krankenkassen rund 320 Millionen Euro jährlich investieren.

Lange Krankschreibungen verringern

"Könnten psychisch kranke Arbeitnehmer früher als bisher mit einer Psychotherapie beginnen, könnten lange Krankschreibungen und damit die Ausgaben von Krankengeld verringert werden", sagt Munz.

Etwa 15 bis 16 Prozent der Krankheitstage von Arbeitnehmern sind auf psychische Störungen zurückzuführen - häufiger sorgen nur Rückenschmerzen und andere Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sowie Atemwegserkrankungen zu Arbeitsausfällen.

Psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen haben häufig lange Krankschreibungen zur Folge, im Schnitt sind es laut BPtK 34 Tage. Damit sind sie eine der Hauptursachen für Langzeitarbeitsunfähigkeit und Krankengeldzahlungen, die die Krankenkassen nach der betrieblichen Lohnfortzahlung übernehmen müssen. Die Kassen zahlten rund ein Viertel des Krankengeldes aufgrund psychischer Erkrankungen, so die BPtK. Das waren 2016 rund 2,9 Milliarden Euro. Für die ambulante Psychotherapie gaben die Kassen circa zwei Milliarden Euro aus.

"Statt Krankengeld zu zahlen, sollten die Krankenkassen mehr Behandlungsplätze schaffen", fordert Munz.

Seit April 2017 können Patienten grundsätzlich schneller zu einem Psychotherapeuten, weil diese verpflichtet wurden, eine Sprechstunde einzurichten.

In dieser können Patienten rasch erfahren, ob sie krank sind, ob sie eine Behandlung brauchen oder ob sie nur eine Krise haben, die auch anderweitig bewältigt werden kann. In der Sprechstunde könne auch geklärt werden, ob in dringenden Fällen eine sogenannte Akutbehandlung erforderlich sei, so die Psychotherapeutenkammer.

wbr/dpa

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
gruenertee 02.01.2018
1.
War wegen einer psychischen Erkrankung beim Arzt und auch mehrere Wochen krankgeschrieben. Der Arzt hat mir angeboten eine Therapie beim Psychologen zu beantragen. Geschätzte Dauer bis zum ersten Termin: 12-18 Monate. Alternativ hätte ich mich als "akuter Fall" in eine Psychiatrie einweisen lassen können. Nachdem ich mit meinem Arzt über Kosten und Dauer der Therapie gesprochen hatte, hab ich es wieder verworfen, quäle mich zur Arbeit und hoffe, dass es alles von alleine weggeht. Willkommen in Deutschland, wo ich gut und gerne lebe.
iffelsine 02.01.2018
2. Zumindest für die englischsprachigen Patienten gibt es Soforthilfe !
In GB und Irland sitzen Psychotherapeuten, die vie Skype jederzeit online zu erreichen sind. Einschlägige Internetportale weisen den Weg. Allerdings sind 50 bis 75€ je 45 min fällig (Paypal & Co). Die Gespräche können bei Skype bekanntlich per Video oder auch nur als Gespräch geführt werden. Vereinzelt gibt es das auch in Deutschland. Das sollte auch hier schneller ausgebaut werden. Vereinzelte Kassen zahlen das neuerdings auf Anfrage.
Nordstadtbewohner 02.01.2018
3. Eine Frage der Finanzierung
Ich bin sofort dafür, 4000 neue Psychotherapeuten-Praxen zu eröffnen, wenn die Frage der Finanzierung geklärt ist. Um die Gesundheitskosten nicht in die Höhe zu treiben, könnten die neuen Praxen rein privat finanziert werden. Dass heißt, wer dort als Patient Leistungen in Anspruch nimmt, muss diese auch selbst als Privatperson bezahlen.
genugistgenug 02.01.2018
4. Nur 4.000?
Gegenfrage: Woher kommen dann die ganzen (qualifizierten) Therapeuten her? Die Bundeswehr nimmt schon Soldaten OHNE Hauptschulabschluss, wie wird man "Therapeut"? Reicht es anderen zu sagen, was sie tun sollten/könnten/müssten? Vor ca. 10 Jahren gab es in der lokalen Zeitung einen Artikel über diesen Notstand - Wartezeit ca. 6-12 Monate (geändert dürfte sich nichts haben). Da hat man sich auch drüber ausgelassen, dass eine Praxis nur zwischen 11/50 und 12/00 erreichbar ist, sonst NUR Ansage, keine Aufzeichnung. Durch die IT Installationen kamen wir da immer wieder mal in verschiedenste Arztpraxen und fragen uns bis heute, wohin das viele Geld der Versicherten verschwindet (außer in Verwaltung, Vorstandsbezüge, Bürokratie, usw.). Kommt der Ruf nach neuen Praxen durch die Fernsehsendungen? ZWangsweise musste ich vor einiger Zeit 'mitsehen' weil der andere Patient darauf stand - und dort wurde überall in "Therapie" geschickt, usw. Niemand ging die Probleme durch eigenes Denken an. Spassig war, dass die innerhalb von 1 Woche einen passenden Therapeuten fanden und schon Fortschritte machten. :-))))
ede-wolff 02.01.2018
5. einverstanden!
Zitat von NordstadtbewohnerIch bin sofort dafür, 4000 neue Psychotherapeuten-Praxen zu eröffnen, wenn die Frage der Finanzierung geklärt ist. Um die Gesundheitskosten nicht in die Höhe zu treiben, könnten die neuen Praxen rein privat finanziert werden. Dass heißt, wer dort als Patient Leistungen in Anspruch nimmt, muss diese auch selbst als Privatperson bezahlen.
Ich bin sofort dafür, wenn Sie mit gutem Beispiel vorangehen: also die Leistungen zur Behandlung Ihrer nächsten Krankheit ebenfalls rein privat finanzieren, damit die Gesundheitskosten nicht in die Höhe getrieben werden.
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