Psychotherapie Sport für die Seele

Sport hält gesund - nicht nur körperlich: Immer mehr Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung auch bei seelischen Problemen hilft. Bei manchen psychischen Krankheiten ist Sport sogar ähnlich wirksam wie eine Psychotherapie oder Medikamente.

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Corbis

Asiatische Kampfkunst bei Depressionen, Joggen gegen die Angst und Yoga als Schizophrenie-Therapie: Nicht alle Menschen mit psychischen Erkrankungen sind bereit für eine Psychotherapie oder wollen Medikamente schlucken. Psychiater und Psychologen suchen daher nach Alternativen. Sport könnte eine sein.

In vielen Kliniken gehört Sporttherapie inzwischen zum regulären Behandlungsangebot: Einerseits weil psychisch Erkrankte anfälliger für körperliche Beschwerden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes sind, da sie sich zumeist wenig bewegen, ungesund ernähren und oftmals rauchen. Psychisch schwer Erkrankte sterben unter anderem deshalb im Durchschnitt bis zu 20 Jahre früher als gesunde Menschen.

Es braucht nicht viel

Sport verbessert aber auch direkt das psychische Wohlbefinden. Eine niederländische Untersuchung mit mehr als 7000 Probanden zeigte beispielsweise, dass schon eine Stunde Sport pro Woche das Risiko für Depressionen, Angststörungen oder Abhängigkeitserkrankungen senkt. Zudem berichtet die Forschergruppe, dass Probanden mit einer psychischen Erkrankung sich eher davon erholten, wenn sie regelmäßig Sport trieben.

Vor allem bei Angststörungen und Depressionen scheint körperliche Bewegung eine sinnvolle Therapiemaßnahme zu sein. Übersichtsstudien zeigen, dass Radfahren oder Joggen die Angstgefühle bei Patienten mit Phobien und Panikstörungen mindern kann. In einigen Untersuchungen wirkten die Bewegungsstunden sogar ähnlich gut wie eine Verhaltenstherapie und waren hilfreicher als andere Maßnahmen, die die Angst reduzieren sollen.

Ähnlich beurteilen Forscher den Einsatz von Sport bei Depressionen: Regelmäßiges Training wirkt demnach ebenso effektiv wie eine Psychotherapie oder Psychopharmaka. Forscher und Therapeuten bevorzugen dabei Ausdauersportarten wie Walken, Joggen oder Radfahren.

Spaß verstärkt die positiven Effekte

In welchem Umfang, wie oft und wie intensiv der Sport am besten wirkt, ist aber umstritten. Auf Grundlage der bisherigen Befunde empfiehlt ein australisches Forscherteam, mindestens dreimal pro Woche 30 Minuten bei moderater bis starker Intensität über minimal acht Wochen hinweg zu trainieren. Dabei sei es weniger wichtig, ob der Sport in der Gruppe stattfindet und um welche Sportart es sich handelt.

"Wir müssen die Patienten dort abholen, wo sie stehen. Wenn sie lieber Krafttraining machen als Ausdauersport, dann sollten wir besser das fördern, als gar nichts zu unternehmen", sagt Andreas Ströhle, leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin.

Experimente mit Mäusen etwa hätten gezeigt, dass Sport, der unangenehm ist, auch nicht so gut wirkt: Die Tiere schwimmen nicht gern, rennen umso lieber. In einem Versuch blieben bei Mäusen, die viel schwimmen mussten, anschließend die positiven Effekte im Gehirn aus, die bei jenen Mäusen gefunden wurden, die in einem Laufrad rannten. Und das, obwohl beide Gruppen genauso lange und intensiv aktiv waren.

Inzwischen prüfen Forscher die unterschiedlichsten Sportarten auf ihre Therapietauglichkeit. Eine kleine norwegische Studie verglich beispielsweise die Wirkung von asiatischen Kampfsportarten auf Depressionen. Die Kampfkunst erwies sich dabei dem Radfahren als überlegen: Während der Kampfübungen hellte sich die Stimmung der depressiven Probanden deutlich auf, auf dem Fahrradergometer jedoch nicht.

Die Zusammenhänge sind noch unklar

Mehrere Studien haben inzwischen auch Yoga eine therapeutische Wirkung bescheinigt, unter anderem bei Schizophrenie. Die Ganzkörperübungen milderten bei den Betroffenen unter anderem Wahnsymptome und Apathie, teilweise ebenfalls besser als Indoor-Radfahren.

Warum Sport überhaupt wirkt, darüber sind sich Wissenschaftler noch uneins. Experimente haben gezeigt, dass körperliche Aktivität ab einer bestimmten Intensität Glückshormone wie die Endorphine freisetzt. Ebenso regt sie die Ausschüttung des Peptids ANP an, ein körpereigener Angsthemmer. Sport verringert zudem die Freisetzung von Stresshormonen.

Psychologen nehmen zudem an, dass es ein Gefühl von Kontrolle und Macht über sich selbst hervorrufen kann, wenn man den inneren Schweinehund überwindet. Die Betroffenen haben plötzlich wieder das Gefühl, durch ihr Handeln etwas bewirken zu können. Viele Sportangebote für psychisch Kranke finden in Gruppen statt. Auch das kann die positive Wirkung von Sport ausmachen. Schließlich lenkt intensive Bewegung vielleicht auch einfach von den Beschwerden und Grübeleien ab.

Was es auch ist: Es wirkt.



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