Katharina Saalfrank antwortet Mein Sohn isst nur noch Fast Food - was kann ich tun?

Der pubertierende Sohn zieht Fettiges und Süßkram der ausgewogenen Ernährung der Eltern vor. Die reagieren mit Ermahnungen und Strafen. Katharina Saalfrank meint: "Hören Sie auf zu erziehen."

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    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Ein Vater fragt: Unser ehemals schlanker, fast 15-jähriger Sohn (9. Klasse) hat seit seinem Start am Gymnasium Freunde, deren Eltern nicht so genau auf die Ernährung achten. Das hat zur Folge, dass sich bei ihm eine Sucht nach Süßem und Fettigem entwickelt hat: Er besorgt sich in der Freizeit Süßkram und ergänzt das mit Besuchen in Pommes- und Dönerbude. Wir ernähren uns gesund, aber keinesfalls übertrieben. Auch bei uns gibt es mal Fast Food. Deshalb erwarten wir von ihm, dass er sich in der Freizeit nicht noch zusätzliches Fast Food besorgt. Dagegen steht der Gruppenzwang, und so trifft man sich in unserer Kleinstadt am Rand des Ruhrgebiets gern mal in der örtlichen Pommesbude.

Er ist mittlerweile leicht korpulent, dazu treibt er - auch mangels Zeit - kaum Sport. Er verweigert zudem konsequent Wasser und verlangt nach dickmachenden Lebensmitteln. Bekommt er die nicht von uns, besorgt er sie sich über Umwege.

Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit sind ihm angeblich völlig egal, er rebelliert sozusagen gegen unsere Sicht der Dinge. Momentan haben wir keine Chance, ihn zu erreichen, egal mit welcher Strafe oder Ansprache. Er möchte selbst entscheiden können, was er mit seinem Körper anstellt, und die Konsequenzen sind ihm egal. Aber wir möchten ihm ersparen, dass er eines Tages mit sich und seinem Aussehen und seiner Gesundheit unglücklich ist.

Katharina Saalfrank antwortet: Ihr Sohn ist nun fast 15 Jahre und damit in einer wesentlichen Entwicklungsphase, deshalb sind Ihre Beschreibungen für mich erst mal nicht ungewöhnlich. In der Pubertät fühlen sich die Jugendlichen hin- und hergerissen: Einerseits wollen sie selbstständig werden und sein, andererseits sind sie wirtschaftlich abhängig von uns Erwachsenen - kein schönes Gefühl. Da sind Konflikte vorprogrammiert.

Die tiefgreifendste Veränderung während der Pubertät betrifft das Bindungsverhalten: Die emotionale Abhängigkeit von den Eltern nimmt stark ab und entfällt zeitweise sogar. Sie merken es daran, dass Ihr Sohn für Sie scheinbar nicht mehr erreichbar ist und nicht mehr "auf Sie hört".

Zur Person
  • DPA
    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Das Bindungsbedürfnis der Jugendlichen verschwindet aber nicht dauerhaft, sondern orientiert sich lediglich neu. Die Jugendlichen erleben von nun an die Beziehung zu Gleichaltrigen als besonders wichtig, bei ihnen suchen sie Geborgenheit und Zuwendung. Das kränkt manche Eltern, sie versuchen dann zu beschränken oder machen Vorschriften, die häufig zu Konflikten führen. Sie beschreiben diese selbst.

Häufig geht es dem Jugendlichen vor allem um das Bedürfnis der Selbstwirksamkeit: Ihr Sohn will selbst entscheiden, wann und was er isst, und es ist wichtig, dass Sie ihm hier einen Raum zur Autonomie und Selbstbestimmung zur Verfügung stellen. Er muss sich noch ausprobieren, und dabei ist es ihm manchmal egal, ob sein Verhalten sinnvoll oder gesund ist.

Humor hilft

Wenn Sie offen bleiben und sich als Gesprächspartner anbieten, wird Ihr Sohn die Hilfe von Ihnen als Eltern in Anspruch nehmen, wenn er nicht mehr weiter weiß. Versuchen Sie, dieser Zeit mit viel Gelassenheit und auch mit Humor zu begegnen - es ist eine spannende Zeit, und die Veränderungen sind auf verschiedenen Ebenen vielfältig!

Vermeiden Sie vor allem Machtkämpfe und überprüfen Sie Ihre eigenen Erwartungen neu. Sind diese in der Pubertät noch realistisch? Suchen Sie den wertschätzenden Dialog. Auch für Eltern ist die Pubertät eine Ablösung, denn auch Sie müssen sich trennen und erleben das als emotionalen Verlust. Ihr Kind wird erwachsen, erziehen funktioniert nicht mehr - die Umstellung ist eine der größten Herausforderungen für Eltern in dieser Zeit. Mitunter setzen sie machtvoll Grenzen und versuchen so, auch ihren Schmerz zu verdrängen, der mit diesem Abschied einhergeht. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern sich das Gefühl der Trauer erlauben und es nicht durch Festhalten an der elterlichen Macht übergehen.

Lassen Sie sich auf Diskussionen ein, hören Sie Ihrem Sohn zu. Er scheint ja an einem Austausch interessiert zu sein, auch wenn er nicht Ihrer Meinung ist. Er will und muss sich mit Ihnen auseinandersetzen und ausprobieren. Begleiten Sie ihn bei seinen Erfahrungen. Und hören Sie auf zu erziehen.

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Sehen Sie die besondere Stärke Ihres Sohnes in dieser Zeit: Jugendliche in dieser Phase strotzen vor Kraft und Lebenshunger und brauchen Ihre wertschätzende Rückmeldung. In unserer Gesellschaft wird die Pubertät häufig wie eine "Krankheit" behandelt und Pubertierende als rebellische und widerständige Jugendliche beschrieben. Aber Ihr Sohn ist nicht rebellisch, er sucht keinen Kampf! Es probiert sich lediglich aus, stellt Ihre Familienwerte in Frage und versucht so auch, sich von Ihnen abzugrenzen und seine eigenen Werte zu festigen.

Erinnern Sie sich an Ihre eigene Pubertät zurück. Das hilft häufig, um sich besser in die Jugendlichen einfühlen zu können. Auch wenn es nicht so wirkt: Ihr Sohn braucht nach wie vor das Gefühl, dass er okay ist, so wie er ist, und auch so geliebt wird - auch wenn es manchmal schwierig zwischen Ihnen wird.

Das Wichtigste in dieser Zeit ist: Halten Sie Kontakt zu Ihrem Kind und verweigern Sie nicht Ihre Unterstützung. Gehen Sie nicht in einen Kampf. Im Gegenteil: Seien Sie präsent, sensibel, wachsam und unaufdringlich. Vertrauen Sie auf die letzten 14 Jahre mit Ihrem Kind. Wenn Ihre Beziehung tragfähig und nicht von Machtkämpfen gekennzeichnet war und ist, wird Ihr Sohn den Kontakt gut annehmen können. Er braucht sein Zuhause und Sie noch als sicheren Hort, an den er zurückkehren kann, wenn etwas nicht so gut läuft - auch, wenn er anderes sagt oder signalisiert. Halten Sie die Tür immer offen.

insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 28.12.2017
1.
"Häufig geht es dem Jugendlichen vor allem um das Bedürfnis der Selbstwirksamkeit: Ihr Sohn will selbst entscheiden, wann und was er isst, und es ist wichtig, dass Sie ihm hier einen Raum zur Autonomie und Selbstbestimmung zur Verfügung stellen. Er muss sich noch ausprobieren und dabei ist es ihm manchmal egal, ob sein Verhalten sinnvoll oder gesund ist." Mich wundert, dass die Frau an der Stelle nicht einfach vorschlägt, dem Jungen mal das Kochen beizubringen. Damit gewinnt der Jugendliche nämlich ein gutes Stück Unabhängigkeit über die Ernährung, ohne dass er immer gleich nen Burger kaufen muss. Denn je nachdem wo man lebt kann das mitunter eine Frage der Bequemlichkeit sein, dass Fastfood schnell verfügbar ist und gesünderes Essen eben nicht. Außerdem erweitert es den Horizont für Dinge die die Eltern bisher immer nur versucht haben aufzudrängen. Anders gesagt: was man selbst gekocht hat, ist plötzlich gar nicht mehr so igitt. Man kann ja klein anfangen: ein paar Maggi-Tüten und ein bisschen Fleisch und Gemüse zum Schnippeln. Und wenn das klappt, dann den Schwierigkeitsgrad hochdrehen. Außerdem ist das generell eine wichtige Fähigkeit im Leben. Und eine - was pubertierende Jungen durchaus interessieren dürfte - die bei den Damen ziemlich gut ankommt (oder je nachdem: deren Fehlen schlecht aufgenommen wird). Im besten Fall hat der Junge dann ein neues Hobby und einen viel besseren Sinn für gesunde Ernährung - im schlimmsten Flal hat er "nur" die Grundlagen einer Fertigkeit erworben die ihm sein ganzes Leben lang helfen kann.
womo88 28.12.2017
2. Zu Frau Saalfrank fällt mir nichts ein ...
Sie hat jahrelang als Super-Nanny in einer Dokusoap gearbeitet, was sie nun gewinnoptimierend verarbeitet. Ich gönne ihr das, aber als Eltern würde ich sie nicht zu Rate ziehen. Davon kann ich nur abraten. Ich selbst habe auch 30 Jahre lang mit Jugendlichen und Kindern gearbeitet, mit Kindern/Jugendlichen aus dem Bildungsbürgertum wie auch in sozialen Brennpunkten. Frau Saalfranks Ratschläge sind für mich heiße Luft. Dokusoaps sind ja nun nicht unbedingt die Realität.
max-mustermann 28.12.2017
3.
"Hören Sie auf zu erziehen." Falsch, hören sie vor allem nicht auf die, in der Regel völlig lächerlichen und an der Realität vorbeigehenden, Ratschläge von Frau S.
mimas101 28.12.2017
4. Meine Therapie
Taschengeldentzug, PC-Konsum-Rationierung (und PC-Ration erst dann wenn mindestens 30 Minuten pro Tag Anfahren am Berg mit einem Hollandfahrrad trainiert wurde), Kleidung kaufen die chronisch mindestens 3 Nummern zu klein ist und mal ein paar Clips und Reportagen aus den USA guggen lassen die die dicken Amerikaner beinhalten. Dann wird's schon... - Vermutlich aber erst dann wenn seine Kumpels ihm nicht mehr Kredit zum Kauf von Fastfood und anderem süßem Krimskrams geben werden weil mangels Taschengeld... Und der Nachwuchs samt seinen Eltern lernen so nebenbei auch gleich was fürs Leben.
womo88 28.12.2017
5. Antwort auf Papa
Ich würde das mal nicht so eng sehen. Ändern können Sie es sowieso nicht. Mit dem Schulwechsel von der Grundschue zum Gymnasium findet in aller Regel auch eine Erweiterung des sozialen und räumlichen Umfelds statt. Jugendliche finden es dann schick, wenn sie sich an der Dönerbude oder der Pommesbude treffen können. Außerdem sind diese Essen so gestrickt, dass die schmecken. Die Hersteller wissen, wie man das macht. Wenn ich mit Jugendlichen unterwegs war, fanden die auch McDoof besser als mein frisch gekochtes Essen. Ich habe sie nicht gerügt, aber weiter frisch gekocht. Ein auf viele Jugendliche passender Satz lautet: "Ja, aber es darf nicht zu gesund sein." Sagt übrigens mein 60 jähriger Nachbar auch ... Ich kann mich noch an eine Jugendfreizeit erinnern, wo einige Jugendliche zu mir kamen und fragten, ob sie mal selbst kochen dürften. Ich habe dem sofort zugestimmt und sie auch zum Supermarkt gefahren. Sie wollten Sie wollten Hähnchenfilet mit Reis und Pilz-Sahnesoße kochen. Alles gut! Ich habe vor dem Supermarkt gewartet. Heraus kamen sie mit 12 Dosen Ravioli. Ich habe das nicht weiter kommentiert, bin aber Essen gegangen. Also Ruhe bewahren!
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