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27. Februar 2013, 16:04 Uhr

Schlaf statt Meditation

Pennen muss der Mensch!

Von Frederik Jötten

Die Lebensenergie sitzt in den Nieren, und der Harndrang bestimmt das Leben - solch absonderlichen Quatsch muss man sich in Meditationskursen anhören. Dabei gibt es eine viel bessere Entspannungstechnik: Schlaf. Ein subjektiver Erfahrungsbericht.

Ich gehe zum Entspannen in den Keller einer Mehrzweckhalle, ein Kurs in den Sporträumen der Uni. Vor mir schlurft ein junger Mann im Afro-Look die Treppe herunter, er blickt durch die Glasscheibe in der Tür, in den Raum, in dem der Kurs stattfinden soll. "Boah näh!", sagt er, dreht sich um und geht, ohne die Tür auch nur geöffnet zu haben.

Ich trete ein. Vor mir sitzen fünf Frauen auf Isomatten, gegenüber vor einer Spiegelwand eine weitere Dame: augenscheinlich die Kursleiterin. Bin ich der einzige Mann, der Entspannung braucht? Vorstellungsrunde. Julia hat Stress im Medizinstudium, Anna ein Ziehen im unteren Rücken, Mathilde will was für den Beckenboden tun, Claudia ging es die letzte Zeit nicht so gut, und ich bin oft gestresst und will mal runterkommen. Mir scheint das eine recht heterogene Interessenslage zu sein, doch Gaby, die Kursleiterin, hat für jeden ein Lächeln und sagt: "Wir werden daran arbeiten."

Sie erklärt, dass sie uns Praktiken aus West und Ost lehren wird, von der Progressiven Muskelentspannung bis zu Zen. "Wir wollen den Fluss der Lebensenergien harmonisieren", sagt sie. Das ist genau das, was ich will. Ich bin dabei.

Wir sollen uns aufstellen. Sie spricht leise und eindringlich. "Unser Scheitelpunkt strebt zum Himmel, das Steißbein Richtung Boden, lasst dort alles rausfließen, was nicht mehr zu euch gehört, gebt es der Erde zurück." Ich schaue mich ängstlich um, hoffe, dass das keiner wörtlich nimmt. Doch so entspannt ist zum Glück noch niemand.

Dann sitzen wir wieder. "Unsere Energie sitzt in den Nieren, sie verbraucht sich mit den Jahren, wenn sie weg ist, sterben wir." Wie soll ich so ruhig werden? Dieser unfassbare Schwachsinn regt mich auf. Ich frage mich, warum die Medizinstudentin nicht rausrennt. Aber nein, sie sieht ganz entspannt aus - vielleicht hat sie in Urologie nicht aufgepasst. Hoffentlich werde ich nie ihr Patient. So was denke ich, statt zu entspannen. Ich weiß, das ist kontraproduktiv, aber ich kann es nicht ändern.

Existieren Meridiane überhaupt?

Zum Glück gibt es jetzt etwas Action. Wir klopfen unsere Meridiane ab, ganz wichtig der Blasenmeridian am hinteren Oberschenkel, am Rückgrat, am Hinterkopf, am Auge - der ist anscheinend überall! Das ganze Leben, einzig gesteuert vom Harndrang? Ich sehe ein, dass das manchmal der Fall ist, wenn man dringend muss - aber immer?

Die Medizinstudentin macht ungerührt mit. Dabei gibt es keinen Nachweis, dass Meridiane überhaupt existieren. Merkwürdigerweise fühle ich mich aber besser, fitter, nachdem ich auf meinem Körper rumgetrommelt habe. Wahrscheinlich die Durchblutung, die Bewegung oder beides. Dann legen wir uns hin. "Wir atmen tief ein und sagen uns dabei Ruuuhe - und beim Ausatmen lächeln wir." Das gefällt mir, es erinnert mich an autogenes Training.

Als Oberstufenschüler habe ich darin einen Volkshochschulkurs belegt. Meine Mitschülerinnen waren durchschnittlich dreimal so alt wie ich, wir lagen auf Matten im Musiksaal meines Gymnasiums und spürten, wie unsere Beine schwerer wurden - das ist ein Teil des autogenen Trainings. Wir sollten jeden Tag üben und das tat ich, immer mittags, wenn ich von der Schule kam. Irgendwann schlief ich ein dabei. Wenn ich 20 Minuten später wieder aufwachte, ging es mir bedeutend besser, als wenn ich nur autogenes Training gemacht hatte.

"Langsam wieder zurückkommen", sagt die Kursleiterin. Ich erschrecke - ich muss für ein paar Sekunden weggedöst sein. Verdammt, wie entspannend wäre es gewesen, kurz zu schlafen. Stattdessen muss ich mir noch anhören, dass das Chi durch meine Meridiane fließt. "Es ist unsere Lebenskraft, es ist das Lebendige in uns, das, was unsere Batterien am Laufen hält", sagt Gaby. Ich denke: Kann der bitte jemand die Batterien rausnehmen? Was mich am Laufen hält, ist Schlaf! Der ist älter als Autogenes Training, Qigong und sogar Zen-Buddhismus!

Vergesst den Entspannungsquatsch. Der Mensch muss einfach pennen. Ich will ins Bett.

Lesen sie im Interview mit Psychologe Volkmar Höfling mehr über Achtsamkeit: Wie man Entspannung als angenehme Nebenwirkung erzielt.

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