Schlafmittel-Entzug Rein in die Apotheke, weg von den Medikamenten

Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland sind von Beruhigungsmitteln abhängig. Ein Modellprojekt hat gezeigt: Beim Entzug können nicht nur Ärzte und Therapeuten helfen - sondern auch Apotheker.

Schlaftabletten: Benzodiazepine machen binnen weniger Wochen abhängig
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Schlaftabletten: Benzodiazepine machen binnen weniger Wochen abhängig


Sieben Jahre lang gehörte für Arno Weißenborn* die Schlaftablette abends zum festen Ritual. Die Nebenwirkungen: "Ich kam morgens kaum aus dem Bett, hätte bis mittags schlafen können", berichtet der Chef einer Heizungsfirma im Allgäu. Das Aufstehen wurde zur täglichen Qual.

Sein Hausarzt riet ihm, die Pille abzusetzen. Doch der 75-Jährige fürchtete, ohne sie würden die zermürbenden Einschlafstörungen zurückkommen. Erst im Rahmen eines Pilotprojekts, bei dem Apotheker Betroffene beim Absetzen der Schlafmittel unterstützen, kam er von den Tabletten los.

Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland sind nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig. Zwei Drittel sind Frauen über 65. Nach Berechnungen des Bremer Gesundheitswissenschaftlers Gerd Glaeske nehmen bis zu acht Prozent der über 70-jährigen Frauen über längere Zeit Schlaftabletten.

Zwar sind die Verschreibungen in den vergangenen 20 Jahren zurückgegangen. "Doch etwa die Hälfte wird inzwischen auf Privatrezepten verordnet, um Auffälligkeitsprüfungen durch die Krankenkassen zu entgehen", sagt Glaeske.

Schlaf- und Beruhigungsmittel
Die am häufigsten verschriebenen Schlaf- und Beruhigungsmittel sind Benzodiazepine (zum Beispiel Diazepam, bekannt unter dem Handelsnamen Valium) und Benzodiazepin-Analoga, so genannte Z-Drugs (Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon).
2012 wurden in Deutschland zwei Millionen Mal Benzodiazepine verordnet, für Z-Drugs wurdenrund 7,9 Millionen Rezepte (Kasse und privat) ausgestellt.
"Hausärzte stecken in einem Dilemma", sagt Hans-Jürgen Rumpf, leitender Psychologe an der Universitätsklinik Lübeck. "Sie wollen Menschen in der Krise helfen." Benzodiazepine seien eine einfache und schnelle Lösung. Das Problem: Nach vier bis acht Wochen können Patienten ohne die Mittel nicht mehr schlafen. Deshalb dürfen sie eigentlich nur kurzfristig verordnet werden.

Langfristig drohen Nebenwirkungen: Gedächtnis und Hirnleistung werden schlechter, das Interesse lässt nach. Die Sturzgefahr steigt, da die Mittel muskelentspannend wirken. Oft werden all diese Symptome jedoch dem Alter statt den Tabletten zugeschrieben.

Viele Betroffene "funktionieren im Alltag"

Viele nehmen nur ein bis zwei Pillen täglich - mitunter über Jahrzehnte, ohne die Dosis zu erhöhen. Diese sogenannte Niedrigdosisabhängigkeit bleibt Betroffenen und deren Familien meist verborgen. "Die Patienten verhalten sich ja ruhig und unauffällig. Sie funktionieren im Alltag", sagt Rumpf.

Ernst Pallenbach, Fachapotheker für klinische Pharmazie in Villingen-Schwenningen wollte sich damit nicht abfinden. "Es gibt keinen vernünftigen Grund, ältere Menschen geistig benebelt und sturzgefährdet sich selbst zu überlassen", sagt Pallenbach.

Ein stationärer Entzug kommt für die meisten nicht in Frage. Das scheitert schon daran, dass sie ihr Problem gar nicht erkennen oder erkennen wollen. "Sie würden Worte wie Sucht und Entzug nie auf sich selbst beziehen", sagt Pallenbach. "Deswegen sprechen wir auch von Abdosierung."

Auf Pallenbachs Initiative startete die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 2009 in Baden-Württemberg und später auch in Hamburg ein Modellprojekt mit 102 Patienten (72 Prozent Frauen), die von vorher geschulten Apothekern beim ambulanten Entzug begleitetet wurden. Mit im Boot waren 69 Hausärzte.

46 Prozent der Teilnehmer schafften den Entzug komplett, 28 Prozent konnten die Medikamentendosis reduzieren. Die meisten brauchten etwa zwei bis vier Monate, um ohne Tabletten auszukommen. 80 Prozent der Patienten, die Benzodiazepine abgesetzt oder die Dosis verringert hatten, waren drei Monate nach Projektende noch immer "clean". Sehr schwere Entzugssymptome traten bei keinem auf.

Das Konzept setzt auf Eigenverantwortung

"Niemandem sollte etwas weggenommen oder aufoktruyiert werden", sagt Pallenbach. Die Patienten mussten es selbst wollen. Eine wichtige Rolle spielten Zuwendung und offene Kommunikation. Für eine Beratung in der Apotheke sind keine Termine nötig, lange Wartezeiten entfallen. Apotheken haben Beratungsräume oder -ecken, die vertrauliche, diskrete Beratungen ermöglichen.

Grundidee des Konzepts ist, dass Ärzte und Apotheker eng zusammenarbeiten und so den Patienten niedrigschwellige Hilfe anbieten: Fällt dem Apotheker auf, dass ein Kunde oft Schlafmittel-Rezepte einlöst, spricht er zuerst den Arzt an, der die Rezepte ausstellt. Dieser fragt dann den Patienten, ob er mithilfe des Apothekers eine "Abdosierung" beginnen will.

Auch aus der Praxis des Hausarztes Jan Meyen in Villingen nahmen acht Patienten teil. Fünf schafften den Entzug, drei kamen danach mit der Hälfte der Dosis aus. "Die meisten hatten zuvor die Erfahrung gemacht, dass es nicht geht. Die Begleitung durch den Apotheker steigerte ihre Bereitschaft mitzumachen", sagt Meyen.

Bei Arno Weißenborn dauerte es fünf Monate, bis er ohne Tablette wieder gut einschlafen konnte. "Heute macht mir das keine Angst mehr, wenn ich mal länger wachliege. Der Schlaf kommt ja irgendwann."

Trotz des erfolgreichen Abschlusses des Modellprojekts ist fraglich, ob sich das Angebot bundesweit durchsetzen wird. Dafür müssten zum Beispiel finanzielle Mittel bereitsgestellt werden, um interessierte Apotheker zu schulen.

Einige Apotheker bieten die fünf- bis zehnstündige Beratung für einen ambulanten Entzug weiterhin an - allerdings als private Leistung. Um das Angebot flächendeckend zu etablieren, müssten die Krankenkassen den Beratungsaufwand honorieren, sagt Pallenbach.

Was hilft beim Absetzen von Schlaf und Beruhigungsmitteln? Mehr dazu finden Sie auf gesundheitsinformation.de.

(*Name geändert)

Zur Autorin
  • Katrin Neubauer
    Katrin Neubauer hat in Deutschland und den USA Lateinamerikanistik und Journalismus studiert. Sie arbeitet als freie Redakteurin in Berlin.

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insgesamt 34 Beiträge
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herr minister 29.01.2015
1. Abhängigkeit auf Rezept
Was heisst hier eigentlich, ein paar schaffen den Entzug? Was ist mit den anderen, die ihn nicht schaffen? Die brauchen das Medikament nicht aus medizinischen Gründen sondern schlicht wg. ihrer Abhängigkeit. Und der Herr Doktor verschreibt dann weiter oder was? Und das hierzulande 1,2 Millionen mal? Holla! Wegen ein paar Koksern oder Junkies will ich dann aber zukünftig kein Gejammer mehr hören.
Haywood Ublomey 29.01.2015
2. Ich habe einen kalten Entzug gemacht
Ich war von einem starken Diazepam-Verwandten abhängig geworden, ausgelöst durch drastische Überdosierung durch meinen Hausarzt (er verschrieb mir die Dosis zur Depressionsbekämpfung statt für die Schlafförderung). Bald konnte ich trotz der Überdosis nicht mehr durchschlafen, sondern wachte nach vier, fünf Stunden aus heftigen Träumen auf. Als ich mich näher über das Mittel belesen hatte (zu spät, das gebe ich zu), wurde mir klar: So geht es nicht weiter. Der Entzug war derb: Trotz 28° habe ich beim Waldspaziergang gefroren wie ein Schneider. Jetzt weiß ich, warum es „kalter Entzug“ heißt. In den ersten Tagen konnte ich praktisch gar nicht schlafen. Ich kam damit zwar körperlich erstaunlich gut zurecht, hätte aber nicht arbeiten können, weil ich völlig überdreht war und mich nicht konzentrieren konnte. Erst nach knapp einer Woche kam die Müdigkeit. Gut schlafen konnte ich immer noch nicht, aber ich kam durch und konnte wieder Aufträge annehmen. Angenehme Nebenwirkung: Ich hatte die intensivsten Träume meines Lebens, überwiegend angenehme, zum Glück keine Alpträume. Am Ende schlief ich jedenfalls ohne Tabletten besser als vorher mit. Ich würde diese „Methode“ aber nicht zur Nachahmung empfehlen. Abgesehen von möglichen physiologischen Nebenwirkungen ist man dann wochenlang zu keiner intensiven Tätigkeit fähig. Geistige Arbeit kann man völlig vergessen, aber auch körperliche Tätigkeit wäre bei solchen Konzentrationsstörungen unvertretbar. Beispiel: Nachdem ich mich zum dritten Mal dabei ertappt hatte, bei Rot über die Kreuzung gefahren zu sein, ließ ich mein Fahrrad lieber zuhause, bis ich wieder „bei mir war“.
aabbccdd 29.01.2015
3. Entzugserscheinungen bei anderen Drogen ähnlich
Zitat von Haywood UblomeyIch war von einem starken Diazepam-Verwandten abhängig geworden, ausgelöst durch drastische Überdosierung durch meinen Hausarzt (er verschrieb mir die Dosis zur Depressionsbekämpfung statt für die Schlafförderung). Bald konnte ich trotz der Überdosis nicht mehr durchschlafen, sondern wachte nach vier, fünf Stunden aus heftigen Träumen auf. Als ich mich näher über das Mittel belesen hatte (zu spät, das gebe ich zu), wurde mir klar: So geht es nicht weiter. Der Entzug war derb: Trotz 28° habe ich beim Waldspaziergang gefroren wie ein Schneider. Jetzt weiß ich, warum es „kalter Entzug“ heißt. In den ersten Tagen konnte ich praktisch gar nicht schlafen. Ich kam damit zwar körperlich erstaunlich gut zurecht, hätte aber nicht arbeiten können, weil ich völlig überdreht war und mich nicht konzentrieren konnte. Erst nach knapp einer Woche kam die Müdigkeit. Gut schlafen konnte ich immer noch nicht, aber ich kam durch und konnte wieder Aufträge annehmen. Angenehme Nebenwirkung: Ich hatte die intensivsten Träume meines Lebens, überwiegend angenehme, zum Glück keine Alpträume. Am Ende schlief ich jedenfalls ohne Tabletten besser als vorher mit. Ich würde diese „Methode“ aber nicht zur Nachahmung empfehlen. Abgesehen von möglichen physiologischen Nebenwirkungen ist man dann wochenlang zu keiner intensiven Tätigkeit fähig. Geistige Arbeit kann man völlig vergessen, aber auch körperliche Tätigkeit wäre bei solchen Konzentrationsstörungen unvertretbar. Beispiel: Nachdem ich mich zum dritten Mal dabei ertappt hatte, bei Rot über die Kreuzung gefahren zu sein, ließ ich mein Fahrrad lieber zuhause, bis ich wieder „bei mir war“.
Interessante Erfahrungen haben Sie gemacht. Ähnliche mache ich als Trinker immer in den ersten Tagen der Abstinenz, wenn ich zuvor mehrere Tage/Wochen in Folge jeden Tag getrunken hatte. Erst eine Woche "Vollmond", ab dann tiefen, erholsamen Schlaf. Bis zum nächsten Bruch der Abstinenz.
ThBl 29.01.2015
4.
Immerhin.. Wenigstens eine Möglichkeit das theoretisch vorhandene Wissen der studierten Pharmazeuten zu nutzen. Diese verfügen zumindest unmittelbar nach ihrem Studium über fundierte Kenntnisse der organischen u anorganischen Chemie, Biochemie, Humanbiologie, Pharmakologie, klinische Pharmazie.. Ich habe jedoch den Eindruck dass dieses Wissen so gut wie nie genutzt wird, meist wird nur das Medikament verkauft das auf dem Rezept steht.. Naja, ein großer Teil des Umsatzes von einer Apotheke stammt ja aus den nicht verschreibungspflichtigen Produkten, über die ja sowieso fast jeder bescheid weiß, nicht zu vergessen die ganze Scharlatanerei u Placebos (1000e Diätmittel u Nahrungsergänzungsmittel, Homöopathie, Bachblüten usw.).. Aber für eine seriöse Beratung fehlt natürlich das Geld..
Dengar 29.01.2015
5. Tetrazepam
Meine Ärztin hatte mir das mal in meiner und ihrer Not verschrieben, weil ich als abgemagertes Nervenbündel einfach nicht mehr zur Ruhe kam. Ich hab drei von den 20 Pillen genommen, danach hab ich das Zeugs weggeschmissen. Koma ist kein erholsamer Schlaf. Benzodiazepine hab ich nie wieder angerührt, nicht mal als Beruhigerli vor einer OP. Geh mir wech mit dem Scheiß!
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