Schlafstörungen Bin ich krank - oder nur müde?

Fast jeder dritte Deutsche hat regelmäßig Schwierigkeiten, nachts genug Ruhe zu finden. Doch Schlafmangel erhöht das Risiko für Depressionen. Warum ist das so - und was hilft?

Von

Morgens nicht erholt: Dauernder Schlafmangel hinterlässt Spuren
Corbis

Morgens nicht erholt: Dauernder Schlafmangel hinterlässt Spuren


- Am Ende dieses Artikels finden Sie Regeln für einen erholsamen Schlaf -


Schlaf dich gesund! Erholsame Nachtruhe! Träum schön! Wie wichtig regelmäßiger und ausreichender Schlaf ist, weiß jeder. Aber ihn auch zu bekommen, ist nicht immer selbstverständlich.

Laut einer Studie leiden rund 30 Prozent der Deutschen an Ein- und Durchschlafstörungen. Sie schlafen seit mindestens einem Monat mindestens dreimal pro Woche schlecht. Bei rund sechs Prozent sind die Probleme so stark, dass sie vor lauter Müdigkeit Probleme haben, den Alltag zu meistern, Fachleute sprechen von einer Insomnie.

Für die Betroffenen ist der Leidensdruck hoch. Nach einer durchwachten Nacht fühlt man sich wie gerädert, kämpft sich irgendwie durch den Tag, um endlich schlafen zu dürfen, und hat doch Panik davor, es wieder nicht zu können. Diese Angst macht alles nur noch schlimmer.

Messungen im Schlaflabor, die sogenannte Polysomnografie, zeigen, dass Patienten mit einer Insomnie im Durchschnitt 30 Minuten weniger schlafen als gute Schläfer. Sie brauchen länger zum Einschlafen, liegen nachts öfter und länger wach und verbringen weniger Zeit im Tief- und REM-Schlaf, dem Traumschlaf.

Aber nicht alle Menschen mit Schlafproblemen schlafen objektiv schlecht. Das macht die Sache kompliziert. Denn obwohl sich die Schlafstörungen im Labor nicht messen lassen, leiden die Betroffenen unter ihrem schlechten Schlaf, auch sie haben eine Insomnie.

Größeres Risiko einer psychischen Erkrankung

Dauernder Schlafmangel hinterlässt Spuren: "Menschen mit einer Insomnie haben ein doppelt so hohes Risiko wie gut schlafende Menschen, psychisch zu erkranken, insbesondere an einer Depression", sagt Dieter Riemann, Leiter der Schlafmedizin der Uniklinik Freiburg. Sein Ansatz: Die Schlafstörungen bekämpfen, um Depressionen zu verhindern.

Es gibt verschiedene Theorien dazu, wie sich der Zusammenhang erklären lässt: Neurobiologische Ansätze gehen davon aus, dass sich Menschen mit Schlafstörungen in einem dauerhaften Alarmzustand befinden. "Der Körper schüttet mehr Stresshormone aus", sagt Riemann. Das könne auf Dauer zu Erschöpfung und Verstimmung führen.

Psychologen setzten bei den Gefühlen an: Ein Mensch, der dauerhaft schlecht schläft, fühlt sich hilflos und verzweifelt. "Hilflosigkeit ist ein Ausgangspunkt für Depressionen", so der Schlafforscher.

Auch bei Angststörungen und Demenz existiert ein Zusammenhang mit schlechtem Schlaf. Allerdings stehen die Forscher vor einem Dilemma: Viele psychische Krankheiten beeinträchtigen den Schlaf. Und ein frühes Symptom der Demenz sind Schlafstörungen. Es lässt sich daher schwer feststellen, ob die Schlafstörungen zu den psychischen Problemen und kognitiven Einschränkungen führen oder ob diese die Schlafprobleme bedingen.

Der Hormonhaushalt wird beeinträchtigt

Objektiv messen lässt sich, dass sich bei Schlafmangel der Hormonhaushalt verändert. Verminderter Schlaf aktiviere das Gehirn, es komme zur Freisetzung von Cortisol und Adrenalin, was wiederum den Zuckerstoffwechsel negativ beeinflusst, sagt Thomas Pollmächer, Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt. Vieles deute darauf hin, dass Schlafmangel Übergewicht und Diabetes verursache.

Studien zeigen außerdem einen engen Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und Schlafstörungen beeinträchtigen das Immunsystem: Nach einer durchwachten Nacht spricht der Körper zum Beispiel schlechter auf eine Impfung an. Doch weil Schlafstörungen vielfältig sind, lassen sich keine einheitlichen Risiken benennen.

Wahrscheinlich müssen Menschen, die nur subjektiv schlecht schlafen, ohne dass ihr Schlafprofil objektiv gestört ist, keine körperlichen Folgeschäden fürchten. Und wahrscheinlich pendeln sich die körperlichen Funktionen wieder ein, wenn die Schlafstörungen erfolgreich behandelt werden und nicht zu lange bestehen. "Das ist aber noch nicht ausreichend untersucht", sagt Pollmächer.

In der Nacht dreht sich das Gedankenkarussell

Auf jeden Fall macht Schlafmangel müde, reizbar und weniger leistungsfähig. Das sind schon Gründe genug, ihn zu behandeln.

Schlafmittel, insbesondere Hypnotika, sind ein schneller Weg zum besseren Schlaf. "Bei einer akuten Insomnie helfen sie erst mal", sagt Göran Hajak, Chefarzt an der Klinik für Psychotherapie, Psychosomatik und Psychotherapie des Klinikums Bamberg. Zur langfristigen Wirkung fehlten hingegen die Nachweise. Dazu kommt die Gefahr, abhängig zu werden - neben weiteren unerwünschten Nebenwirkungen.

Ein weiteres Problem: "Wenn man Medikamente nimmt, ohne die Ursachen anzugehen, führt das auf Dauer zu einer Störung des gesamten Systems", warnt Hajak.

Es gibt verschiedene Thesen dazu, wie Schlafstörungen entstehen. Genetische Faktoren spielen möglicherweise eine Rolle. Vieles weist aber darauf hin, dass die Schlaflosigkeit auf einem Wechselspiel zwischen gedanklicher, emotionaler und physiologischer Überregung beruht, Fachleute sprechen von Hyperarousal. Betroffene stehen körperlich, geistig und seelisch so unter Stress, dass sie nicht schlafen können.

Die Behandlung setzt deshalb beim Verhalten an. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass eine kognitive Verhaltenstherapie langfristig den Schlaf verbessert. Doch fehlen Angebote, und nicht jeder unruhige Schläfer braucht eine Therapie.

Nachts nicht auf die Uhr gucken

Oft helfen schon einfache Regeln, den Schlaf zu verbessern. Zum Beispiel: Alkohol nicht als Schlafmittel einsetzen. Alkohol macht zwar müde, er führt aber bei vielen Menschen dazu, dass sie zu früh aufwachen und nicht mehr einschlafen können.

Eine weitere wichtige Regel: nachts nicht auf die Uhr gucken. Das setzt nur das Gedankenkarussell "Ich liege wach, morgen bin ich total gerädert" in Gang, was den Schlaf weiter stört.

Wirksam ist auch, die Zeit im Bett zu reduzieren. Das klingt absurd, denn wer müde ist, legt sich instinktiv früher ins Bett, um länger zu schlafen. "Aber wenn wir später schlafen gehen, erhöht sich der Schlafdruck und damit auch die Schlafqualität", erklärt Riemann. Irgendwann sind die meisten Menschen eben doch so müde, dass sie schlafen.


Wichtige Schlafregeln, zusammengetragen von der Universität Freiburg:

  • Nach dem Mittagessen keine koffeinhaltigen Getränke trinken.
  • Alkohol weitgehend vermeiden.
  • Keine Appetitzügler einnehmen.
  • Regelmäßig körperlich aktiv sein.
  • Vor dem Zubettgehen geistige und körperliche Anstrengung verringern.
  • Ein persönliches Einschlafritual einführen.
  • Im Schlafzimmer für eine angenehme Atmosphäre sorgen.
  • Nachts nicht auf die Uhr schauen.

Zur Autorin
  • privat
    Carina Frey, studierte Soziologin, arbeitet nach Stationen bei "Frankfurter Rundschau" und dpa als freie Journalistin. Ihre Schwerpunkte sind Verbraucher- und Wissenschaftsthemen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thorkh@n 20.01.2016
1. Ergänzend:
Zur Schlafhygiene gehört auch, das Bett zu verlassen, sobald man partout nicht einschlafen kann. Lieber sich etwas Belangloses im Nachtprogramm anschauen (keinen Krimi) oder lesen, bis die Bettschwere kommt. Dann erneut versuchen, zu schlafen. Durchbricht das Gedankenkreisen, ohne erneut aufzuputschen.
pfurzipfl 20.01.2016
2. Wichtigste Regeln
wurden noch vergessen: -erst ins Bett gehen wenn man müde ist -und keinen Wecker benutzen. Alles andere macht krank.
lurchmatz 20.01.2016
3. Heilmittel Cannabis
Ich kenne keinen Kiffer, der Schlafprobleme hat.
christian500 20.01.2016
4. Melatonin
Ich nehme jeden abend eine Melatonin-tablette. Mein eigene Zirbeldrüse ist nicht mehr so imstande Melatonin zu bilden wie früher, sodass ich schlecht einschlafe und selten durchschlafe. Melatonin ist aktuell der Renner in den USA, bekommt man dort im Supermarkt für 10 Dollar/180st. Hier in Deutschland ist es mal wieder nur im Internet und viel teurer zu bekommen. Ich hoffe das TTIP uns Konsumenten endlich hilft.
karend 20.01.2016
5. .
Oha, Schlafstörungen … Ich habe auch schon nachts Fenster geputzt (bringt nichts, gibt nur Streifen). Statt gegen 01:30 Uhr gehe ich inzwischen viel eher schlafen. Computer/TV wird ca. 1,5 Stunden eher ausgemacht. Sollte ich wieder einmal um 4:00 oder 5:00 Uhr aufwachen (und nicht mehr einschlafen können), stehe ich einfach auf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.