Schockbilder auf Zigarettenpackungen Die Politik der schwarzen Hand

Krebsorgane und Raucherlungen: Eklige Bilder auf den Packungen sollen den Deutschen bald das Rauchen vermiesen. Bei jungen Menschen aber darf die Tabakindustrie weiter für ihre Produkte werben. Die Einführung der Schockbilder ist halbherzig.

Getty Images

In den guten alten Zeiten, als Helmut Schmidt noch Kanzler war und beim Zuqualmen von TV-Studios jede Menge Verstärkung hatte, war die Zigarettenmarke Roth-Händle berühmt und berüchtigt. Ihr Logo, eine rote Hand, die eine Zigarette hält, ließ ahnen, was ihr Alleinstellungsmerkmal war: Sie war stark und stolz darauf. Und so warb die als "Lungentorpedo" oder "Tot-Händle" bekannte Zigarettenmarke unter anderem mit Slogans wie diesem: "Wenn du heiße Luft rauchen willst, geh' in die Sauna." Für besonders innige Saunaverächter gab es Roth-Händles "Schwarze Hand", natürlich mit entsprechendem Logo.

Nach dem Willen der EU-Gesundheitsminister werden bald auf allen Zigarettenpackungen schwarze Organe zu sehen sein. Ab 2015 muss die Tabakindustrie sogenannte Schockbilder aufdrucken. Dann wird jeder in den Genuss eines unfreiwilligen Pathologie-Kurses kommen, wenn ihm aus den Hemdtaschen dickbäuchiger Männer schwarze Zähne entgegenlächeln, ihn an der Supermarktkasse geteerte Lungen begrüßen oder im Restaurant auf dem Nachbartisch todkranke Krebspatienten neben der Pizza liegen.

Politiker mögen plakative Entscheidungen, die Schockbilder machen selbst dem allerletzten Deppen klar: Die da oben tun was. Doch eigentlich tun sie viel zu wenig. Wenn es um Tabakkontrolle geht, ist Deutschland Entwicklungsland. Im Fachmagazin "The Lancet" erschien 2013 ein Ranking unter 30 Ländern, das nach einem Punktesystem beurteilte, wo welche Tabakkontrollmaßnahmen umgesetzt wurden. Deutschland landete 2010 auf dem beschämenden Platz 26 von 30 (2007 war es noch Platz 27).

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich bin froh, dass überhaupt etwas passiert, und ja, Schockbilder bringen auch etwas. Aber eine massive Erhöhung der Tabaksteuer und ein striktes Rauchverbot in der Öffentlichkeit sind weitaus effektiver, wie eine WHO-Studie ergab.

Durchlöcherte Verbote

Die Schockbilder sind daher ein Beispiel für politische Halbherzigkeit. Oder für einen miesen Deal mit der Tabaklobby: Wir drucken eklige Bilder, dafür verschont uns mit einem bundesweiten Rauchverbot und lasst uns weiter werben. Unser Tabakwerbeverbot ist wie auch das Rauchverbot vor allem eins: durchlöchert. Derzeit kleistert Philip Morris deutsche Städte mit der leider bei jungen Leuten ziemlich erfolgreichen "Don't be a maybe"-Kampagne zu. In Gaststätten, Kiosken und Kneipen drängen sich Aufsteller-Accessoires mit fetten Logos. Und im Kino laufen coole Ziggi-Werbeclips vor den noch cooleren rauchenden Hollywood-Stars. So kann sich die klassische Konditionierung "Zigarette = cool" bestens in den Synapsen der pubertierenden Gehirne einbrennen.

Der Großteil der 200 Millionen Euro, die die Tabakindustrie jährlich für Werbung verbrät, fließt aber in Sponsoring: In Tanzveranstaltungen wie die "Marlboro Beatonation" oder die "Marlboro Gold Dare Night" (Philip Morris). In die "Drum Unipartys" (Reemtsma), die "Camel-Bühne" (Reynolds) auf dem Summer Breeze Open Air Festival 2011 oder die herzzerreißend umweltbewusste Aufräumaktion auf dem Wacken Open Air Festival 2011, die von der ach so natürlichen "Natural American Spirit"-Santa Fe Natural Tobacco Company veranstaltet wurde.

Die junge Zielgruppe ist nach wie vor attraktiv

All diese Aktionen zielen auf junge Leute ab. Mit denen kennt sich auch die Unicum Marketing GmbH gut aus, die Vermarktungsgesellschaft der 400.000 Exemplare starken kostenlosen Studentenzeitschrift "Unicum": "Mit British American Tobacco haben wir unsere schon 2011 erfolgreiche Zusammenarbeit in 2012 intensiv ausgebaut und wurden mit Konzeption und Umsetzung der diesjährigen Gastronomie- und Eventpromotions für die Marke Lucky Strike betraut", heißt es stolz auf der Webseite der "Full-Service-Below-the-Line-Agentur", die nach eigenen Angaben auf junge Zielgruppen spezialisiert ist. Die Kunden sind zufrieden: "Unicum versteht es ausgezeichnet, Lucky Strike für unsere Kernzielgruppe erlebbar zu machen", wird Jochen Hiller, Brand Manager bei Lucky Strike, zitiert.

Zum Glück wird für die Kernzielgruppe immer weniger erlebbar, was es heißt, abhängig zu sein: Der Anteil jugendlicher Raucher hat sich in zehn Jahren halbiert. "Nur" noch jeder zehnte Teenager raucht. Kein Zufall, in den vergangenen Jahren ist die Tabaksteuer stetig gestiegen. Das trifft vor allem Menschen mit geringem Einkommen.

Daher, Frau Merkel, hier ein Appell: Schluss mit der Politik der schwarzen Hand. Verbieten Sie Tabakwerbung und Sponsoring. Verbieten Sie Rauchen in der Öffentlichkeit. Setzen Sie die Tabaksteuer noch weiter rauf! Und, an Sie, Herr Schmidt, eine freundliche Bitte: Könnten Sie Ihre 40.000 gebunkerten Mentholzigaretten bitte nicht mehr im Fernsehstudio rauchen? Als Kanzler hatten Sie einmal die Verantwortung für die Bevölkerung dieses Landes. Die haben Sie sehr gewissenhaft ausgeübt. Als Ikone, die Sie nun sind, haben Sie immer noch eine Verantwortung. Auch wenn die den Fernsehmachern schnuppe zu sein scheint - Ihnen kann das nicht egal sein, oder?

insgesamt 93 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
archidamus 10.07.2013
1. optional
Der Staat ist zigtausendfacher Mörder. Wegen den Steuern gucken sie zu wie sich Menschen umbringen. Das ist auch Mord.
mikra54 10.07.2013
2. Ach Gott, ach Gott
Könnte nicht wenigstens der Spiegel damiot aufhören, der Gesundheitsmafia nach dem wohlriechenden Munde zu reden. Raucher sind doch schon genug ausgegrenzt oder nicht? mikra (Nichtraucher)
Mr.GeldSchein 10.07.2013
3. Ich denke solche Bilder werden dazu führen
dass noch mehr Leute von dem Rauchen krank werden. Wenn man täglich sich solche Bilder anschauen muss, weil man numal blöderweise süchtig geworden ist, dann kann ich mir vorstellen dass dies auch körperliche Auswirkungen haben kann.
glen13 10.07.2013
4.
Zitat von sysopAP/ U.S. Food and Drug AdministrationKrebsorgane und Raucherlungen: Eklige Bilder auf den Packungen sollen den Deutschen bald das Rauchen vermiesen. Bei jungen Menschen aber darf die Tabakindustrie weiter für ihre Produkte werben. Die Einführung der Schockbilder ist halbherzig. Schockbilder auf Zigarettenpackungen sind nur halbherzige Politik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/schockbilder-auf-zigarettenpackungen-sind-nur-halbherzige-politik-a-910184.html)
Kühlerhauben mit zermatschten Menschen wäre auch nicht schlecht.
mosc4all 10.07.2013
5. optional
Betreutes Leben in der Vollkasko Gesellschaft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.