Psychologie Sechs Mittel gegen Einsamkeit

Millionen Menschen sind einsam. In Großbritannien kümmert sich darum ein Ministerium. Aber was kann man selbst tun?

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Großbritannien hat seit Mittwoch eine Ministerin, die sich um das Thema Einsamkeit kümmern soll. Politiker von CDU und SPD fordern, auch im deutschen Gesundheitsministerium eine Stelle zu schaffen, die sich des Themas annimmt.

Tatsächlich kann Einsamkeit zur großen psychischen Belastung werden und auch die körperliche Gesundheit gefährden.

2016 haben Forscher die Daten von gut 16.000 Menschen ab 17 Jahren aus dem Sozio-oekonomischen Panel in Deutschland ausgewertet. Einsam fühlen sich demnach vor allem Menschen um die 30 und um die 60. Eine deutlich geringere Rolle spielt das Thema im Alter von etwa 40. Mit ungefähr 75 ist das Einsamkeitsproblem der Studie zufolge am geringsten - nimmt danach aber wieder zu.

Je jünger und mobiler die Betroffenen sind, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, das Gefühl der Einsamkeit zu bekämpfen. Aber auch ältere Menschen können etwas tun. Sechs Anregungen, die helfen können, die Einsamkeit zu bekämpfen:

1. Fremde Leute ansprechen

"Jeder menschliche Kontakt ist hilfreich, auch wenn er oberflächlich ist", sagt Manfred Beutel vom Uniklinikum Mainz, der seit vielen Jahren zu Einsamkeit forscht. Doch andere Menschen anzusprechen, ist oft leichter gesagt als getan.

Am einfachsten fällt es, wenn man vorher genau beobachtet, was um einen herum geschieht. Was tut der Mensch neben mir gerade, wie reagiert er auf seine Umwelt? Entdeckt man in solchen Momenten Gemeinsamkeiten, kann man sie zum Gesprächsthema machen. Stellt man etwa im Supermarkt fest, dass der Nebenmann gerade genauso verzweifelt nach einem schönen Salatkopf sucht, kann sich daraus ein netter Smalltalk entwickeln. Auch die verspätete Bahn oder - ganz klassisch - das Wetter eignen sich als Thema für einen kurzen Plausch.

Besonders positiv fürs Gemüt kann es sein, anderen Hilfe anzubieten - etwa, wenn jemand verloren an der Straßenecke steht und offenbar den Weg nicht weiß, rätselnd vor dem Fahrplan steht oder mit dem Kinderwagen vor der Treppe. "Kann ich Ihnen helfen?" Auf diese Weise kommt man ins Gespräch, erhält Wertschätzung und hat etwas Gutes getan.

Aus solchen kurzen Begegnungen entstehen natürlich nicht sofort tiefe Freundschaften. Aber sie sind ein Anfang auf dem Weg aus der Einsamkeit.

2. Nicht zu wählerisch sein

Wer Anschluss sucht, sollte nicht zu viel erwarten. Beutel berichtet zum Beispiel von Menschen, deren Ehepartner gestorben ist, und die dann einen Kurs an der Volkshochschule beginnen oder sich mit den Nachbarn anfreunden. "Das kann die Beziehung zum Partner nicht ersetzen, vertreibt aber das Gefühl der Isolation." Wer akut unter Einsamkeit leidet, solle bei der Wahl der Gesellschaft nicht allzu wählerisch sein, rät Beutel.

3. Ergründen, was einsam macht

Alleinsein und Einsamkeit sind nicht dasselbe. So wie es Menschen gibt, die allein sind, ohne sich einsam zu fühlen, so gibt es andere, die fühlen sich inmitten von Familie und Freunden einsam. Betroffene fühlen sich vielleicht missverstanden, unbeachtet oder meinen, sie spielten anderen nur eine Rolle vor. Oder die Paarbeziehung ist in einer Routine eingefroren, in der nur noch über Organisatorisches gesprochen wird.

Auch dieser Einsamkeit ist nur durch Eigeninitiative zu entkommen: Das Gefühl aussprechen, auf den Partner zugehen, wieder wirklich etwas zusammen unternehmen oder sich im Zweifel professionelle Hilfe von einem Paartherapeuten suchen.

BBC-Doku: Das Einsamkeitsexperiment

4. Sich um sich selbst kümmern

Um Einsamkeit zu bekämpfen, kann es auch helfen, sich zunächst mit sich selbst zu beschäftigen. Manchmal steckt eigene Unsicherheit hinter dem Gefühl. Eine negative Grundhaltung kann es erschweren, Kontakte zu knüpfen. Wichtig ist es deshalb, sich seiner liebenswerten Seiten bewusst zu werden.

Helfen kann dabei auch, sich gut um sich selbst zu kümmern. Oft sind es Kleinigkeiten, die im Alltag guttun: In der Wohnung einen Strauß Blumen aufstellen, obwohl sich kein Besuch angekündigt hat. Etwas Leckeres für sich selbst kochen und das Essen zelebrieren. Die Lieblingsmusik anmachen, einen Spaziergang unternehmen. Die Liste lässt sich beliebig erweitern.

5. Virtueller Kontakt ist besser als keiner

Auch Menschen mit einer dreistelligen Anzahl von Facebook-"Freunden" können zutiefst einsam sein. "Facebook und andere soziale Netzwerke täuschen eine Nähe vor, die nicht existiert. Man denkt, man sei anderen nahe, aber es ist eben doch nur virtuell. Um tiefe Bindungen aufzubauen, reicht das nicht", sagt der Psychiater Gregor Hasler von der Uni Bern.

Trotzdem haben auch virtuelle Kontakte einen Wert. Zum Beispiel wenn weit entfernt wohnende Großeltern mit ihren Enkeln über WhatsApp oder E-Mails kommunizieren, anstatt praktisch gar nicht an deren Leben teilzunehmen. Oder wenn Menschen mit einer Angststörung online Kontakte aufbauen, was ihnen offline nicht möglich gewesen wäre.

Außerdem können sich aus online geknüpften Kontakten mit der Zeit Freundschaften entwickeln, die auch jenseits des Bildschirms stattfinden.

6. Eine gesellige Freizeitbeschäftigung suchen

Gemeinsames Engagement verbindet. Wenn es die Zeit erlaubt, kann ein Ehrenamt gegen Einsamkeit helfen. Auch Haustiere wie Hunde erleichtern es häufig, mit anderen ins Gespräch zu kommen, genauso wie Mannschaftssport, Stammtischbesuche oder Gruppenreisen. Auf Facebook gibt es Gruppen für Leute, die neu in eine Stadt gezogen sind. Helfen kann auch ein "Running Dinner", eine Veranstaltungsreihe, die es in verschiedenen Städten gibt. Dabei kocht man einen Gang für Fremde und lässt sich für zwei weitere Gänge bekochen.

Doch nicht jeder kann sich solche Hobbys leisten. Was ist zum Beispiel, wenn das Geld so knapp ist, dass man eben nicht mehr mit den Freunden zum Kinoabend oder ins Restaurant geht? Armut trägt dazu bei, dass Menschen vereinsamen. Sich einen Hund anzuschaffen, ist auch eine Empfehlung, die nicht jeder umsetzen kann. Trotzdem gibt es Möglichkeiten.

Tierheime freuen sich beispielsweise meist, wenn Menschen regelmäßig mit den dort lebenden Hunden Gassi gehen. Mit dem "Hund auf Zeit" sammelt man gleich auf drei Ebenen Kontakt: mit den Tierheimmitarbeitern, mit den Tieren - und ganz schnell mit anderen Menschen, die auch mit einem Hund unterwegs sind oder Hunde mögen und ein Gespräch beginnen.

Vielerorts bieten auch die Kirchengemeinden oder die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Veranstaltungen an, zum Beispiel Seniorenstammtische und Ausflüge. Selbst wenn das nicht nach Ihrer Traumvorstellung von Freizeit klingt - dem Ganzen eine Chance zu geben, wird sicher nicht schaden. Und vielleicht gibt es in der Nähe ja ein überraschendes Angebot wie etwa den "Männerschuppen" in Leinfelden-Echterdingen, wo Männer über 60 Jahren zusammen heimwerken, und zwar Gesunde und Demenzkranke.

insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 19.01.2018
1. ...
Ich wuerde sagen, dass beste Mittel gegen die Einsamkeit ist, ganz hohe Ansprueche an den anderen haben, keine Abstriche an den eigenen Vorstellungen machen, und sich bei einem Date darueber aufregen, wenn man Weisswein statt Rotwein bekommt, aber nichts dazu sagen, aber nachher online darueber schreiben. Dann klappt es auch garantiert mit der Zweisamkeit.
spacenight71 19.01.2018
2. Menschen und die Technik
Das ist schon sehr traurig,was aus uns durch die Technik geworden ist.Die Technik hat uns überrollt und so mit die Kommunikation der Menschen leider zerstört .
Nordstadtbewohner 19.01.2018
3. Wirklich?
Zitat von spacenight71Das ist schon sehr traurig,was aus uns durch die Technik geworden ist.Die Technik hat uns überrollt und so mit die Kommunikation der Menschen leider zerstört .
Vielleicht sind Sie kommunikationstechnisch einfach nur in den 90ern stehen geblieben. Ich kommuniziere mit Familienangehörigen und Freunden neben dem realen Zusammensein auch gerne über zeitgenössische Mittler wie WhatsApp und Co. Was soll daran schlecht sein? Ich denke, die Menschen sollten sich wieder bewusster werden, was ihr eigenes soziales Umfeld angeht. Ich umgebe mich gerne mit aktiven und leistungsfähigen Menschen. Minderleister meide ich.
Osservatore 19.01.2018
4. Auf den Punkt gebracht
Zitat von NordstadtbewohnerVielleicht sind Sie kommunikationstechnisch einfach nur in den 90ern stehen geblieben. Ich kommuniziere mit Familienangehörigen und Freunden neben dem realen Zusammensein auch gerne über zeitgenössische Mittler wie WhatsApp und Co. Was soll daran schlecht sein? Ich denke, die Menschen sollten sich wieder bewusster werden, was ihr eigenes soziales Umfeld angeht. Ich umgebe mich gerne mit aktiven und leistungsfähigen Menschen. Minderleister meide ich.
"Ich denke, die Menschen sollten sich wieder bewusster werden, was ihr eigenes soziales Umfeld angeht. Ich umgebe mich gerne mit aktiven und leistungsfähigen Menschen. Minderleister meide ich." Ich finde, das sagt alles über unsere neoliberal zerstörte Welt aus, in der wir "gut und gerne leben"...
realist4 19.01.2018
5. Ministerium gegen Einsamkeit?
Was für ein hahnebüchener Unsinn! Wie soll das denn funktionieren? Kontakte per Ordem de Mufti? Es gibt tausende Klubs und Einrichtungen in welchen die Menschen Kontakte knüpfen können, aber die wirklich Einsamen gehen dort nicht hin sondern verkriechen sich in ihren Wohnungen. Die findet dort kein Ministerium und würde es auch nicht schaffen Schüchtere oder Einzelgänger aus ihren Kokon zu holen. Solche Menschen können wenigstens mit den modernen Medien einige Kontakte zur Außenwelt aufbauen. Bei den Jüngeren könnte das klappen, das ist allemal besser als gar nichts.
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