Ritzen und Schneiden Wenn Jungen sich selbst verletzen

Das tun doch nur Mädchen! Jungen, die sich selbst verletzen, kämpfen nicht nur mit ihren Problemen, sondern auch mit Ignoranz. Aufgrund alter Rollenklischees finden sie oft keine Hilfe. Dabei benötigen sie speziellen Beistand.

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Jugendlicher: Etwa jeder zwölfte Junge gab in einer Befragung an, sich schon selbst verletzt zu haben
Corbis

Jugendlicher: Etwa jeder zwölfte Junge gab in einer Befragung an, sich schon selbst verletzt zu haben


Florian war elf Jahre alt, als er sich das erste Mal selbst verletzte. Erst kratzte er sich nur die Haut auf, inzwischen schneidet sich der nun 15-Jährige mit Rasierklingen, manchmal mehrmals am Tag. Martin geht es ähnlich. Als Kind wurde er von einem Mann sexuell missbraucht. Seither schlägt der heute 17-Jährige immer wieder mit seiner Faust gegen Wände um die Anspannung loszuwerden.

"Noch immer gilt vor allem in Deutschland die irrige Annahme: Jungen verletzen sich nicht selbst, sondern andere", sagt der Sozialwissenschaftler Harry Friebel. Er versucht seit sieben Jahren in Fachkreisen auf das Thema und die Betroffenen aufmerksam zu machen. Das Gesundheitssystem sei blind für das Problem, weil Ärzte und Therapeuten zu stark an Rollenklischees festhielten. Ein Psychiater habe kürzlich auf einem Kongress zu ihm gesagt: "Wenn er sich ritzt, dann ist es kein Junge mehr." Zugleich verheimlichten die Jungen ihr Leid, weil auch sie die gängigen Rollenvorstellungen verinnerlicht hätten, meint Friebel. "Sich selbst zum Opfer zu machen, gilt als unmännlich - unter Ärzten wie Betroffenen."

Steigende Tendenz

Doch es ist gar nicht ungewöhnlich, dass Jungen sich selbst verletzen. In einer Befragung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg unter mehr als 1400 Oberschülern in Deutschland im Jahr 2011 berichtete etwa jeder zwölfte Junge, sich in seinem Leben schon mindestens dreimal selbst verletzt zu haben. Umgerechnet bedeutet das: In einer 10. Klasse mit 25 bis 30 Schülern sitzen im Durchschnitt zwei bis drei Jungen, die sich mehrfach Schnittwunden, Verbrennungen oder Verletzungen durch Schläge gegen feste Gegenstände oder auch Bisse zugefügt haben.

Mädchen verletzen sich der Heidelberger Erhebung zufolge etwa doppelt so häufig selbst. In einigen internationalen Untersuchungen waren Jungen hingegen genauso oft betroffen wie weibliche Jugendliche. Die Tendenz ist anscheinend steigend. Das US-amerikanische Soziologen-Paar Patricia und Peter Adler hat für sein Buch "The Tender Cut" zehn Jahre lang junge Menschen übers Ritzen und ähnliche Handlungen befragt - darunter auch viele männliche Betroffene. "Die Gruppe von sich selbst verletzenden Männern wächst ohne Zweifel", sagen die beiden Soziologen. Die britische Kinderschutzorganisation National Society for the Prevention of Cruelty to Children (NSPCC) warnte bereits 2007: Die Zahl der Jungen und jungen Männer, die sich selbst wehtäten, habe sich seit den Achtzigerjahren verdoppelt.

Leichte Unterscheide zwischen den Geschlechtern

Die Ursachen und Auslöser der selbstschädigenden Handlungen entsprechen teilweise denen bei Mädchen. Das Risiko ist höher für Jugendliche, die Drogen oder Alkohol konsumieren, sexuell oder körperlich missbraucht wurden oder Probleme mit ihrem Selbstwert hatten, berichten Wissenschaftler aus Nordirland in einer Befragung von 3500 Schülern. Für Jungen stieg das Risiko außerdem, wenn sie sich wenig sportlich betätigten, übermäßig Angst hatten, generell impulsiv handelten und sich Sorgen um ihre sexuelle Orientierung machten. Unter männlichen Jugendlichen, die bi- oder homosexuell oder sich ihrer sexuellen Orientierung noch nicht sicher sind, ist die Zahl der Betroffenen erhöht.

Bei beiden Geschlechtern gilt: Nicht alle, die sich selbst verletzen, sind psychisch krank oder hegen Suizidgedanken. Manche senden damit einen Hilferuf, anderen nimmt es die Anspannung in belastenden Situationen. "Wenn sich ein Jugendlicher allerdings regelmäßig selbst verletzt, ist das ein klares Warnsignal", sagt auch die Psychotherapeutin Sonia Ludewig von der Vorwerker Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie in Lübeck. Seit fünf Jahren gibt es hier eine kleine Station nur für männliche Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren mit emotionalen und Verhaltensproblemen. Vermutlich in Deutschland die einzige ihrer Art.

Den Gefühlen Ausdruck verleihen

Von den derzeit sieben Patienten haben sich vier jahrelang selbst verletzt. Die Jungen durchlaufen auf der "Station Poseidon" ein viermonatiges Behandlungsprogramm, um andere Wege zu finden, ihre ausgeprägte Anspannung, ihre Wut und Enttäuschung oder Ohnmacht zu handhaben und diesen Gefühlen ohne selbstschädigendes Verhalten Ausdruck zu verleihen. Auch Martin und Florian waren hier.

"Das gängige Therapieprogramm für die psychischen Erkrankungen, die wir auf der Station behandeln, war vor allem auf Mädchen und Frauen ausgerichtet. Wir haben es den Bedürfnissen der Jungen angepasst", sagt Ludewig, die die Station leitet. Der Kern der sogenannten Dialektisch-Behavioralen Therapie für Adoleszente (DBT-A) bleibe gleich, aber die männlichen Jugendlichen hätten mehr Gruppenbehandlungen, übten vermehrt den Umgang mit anderen Menschen. Die Hälfte der Mitarbeiter sind zudem Männer. "Die Jungen brauchen dieses Modell von Männern, die es schaffen Gefühle zu zeigen, ohne dass sie sich als Weichei fühlen", sagt Ludewig. Auch müssten die Therapieinhalte viel aktiver sein: weniger sprechen, mehr tun. Daher treiben die Jungen viel Sport und sind oft draußen. "Wichtig ist es, den Jungen Grenzen zu setzen und sie zugleich wertzuschätzen und Verständnis zu zeigen", sagt die Psychologin. "All das brauchen die Mädchen auch. Die Jungen aber noch viel mehr."

HILFE FÜR BETROFFENE UND ANGEHÖRGIE

Wie Angehörige helfen können

Wer bei seinem Kind, einem Freund oder Schüler Schnitte an Armen, Brandwunden oder andere Verletzungen beobachtet, dem rät Sonia Ludewig das Gespräch mit dem Jugendlichen zu suchen. "Teilen Sie mit, dass Ihnen die Wunden aufgefallen sind und Sie sich Sorgen machen. Vermeiden Sie aber unbedingt Vorwürfe oder Urteile über die Selbstverletzung", sagt Ludewig. Ein offenes Ohr sowie Hilfe bei der Suche nach professioneller Unterstützung anzubieten, sei ebenso wichtig.
  • Wo Betroffene Hilfe finden

    In einigen Städten gibt es inzwischen vereinzelt Hilfseinrichtungen nur für Jungen, männliche Jugendliche und junge Männer. Sie können sich aber auch an jede übliche Beratungsstelle, an Psychotherapeuten oder Ärzte wenden. Die Station Poseidon an der Vorwerker Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie ist vermutlich bisher die einzige spezialisierte Behandlungseinrichtung für selbstverletzende Jungen. Sie nimmt Betroffene aus der Region um Lübeck, aber auch aus ganz Deutschland auf.
  • Station "Poseidon": Hilfseinrichtung für Jugendliche

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