Seltsame Störung: Wenn Schlafende zu Schlägern werden
Wer nachts im Bett um sich haut oder beim Schlafwandeln die Hand gegen andere oder sich selbst erhebt, leidet an einer seltenen Störung: Parasomnie. Die Mediziner Francesca Siclari und Claudio Bassetti beschreiben das Übel - das Betroffene manchmal sogar zu Mördern macht.
In der Nacht zum 23. Mai 1987 fuhr der damals 23-jährige Kanadier Kenneth Parks mit dem Auto zum Haus seiner Schwiegereltern, würgte seinen Schwiegervater bewusstlos und erstach seine Schwiegermutter. Ein Jahr später wurde er von dem Gericht, das seinen Fall verhandelte, freigesprochen. Der Grund: Nach zahlreichen Untersuchungen kamen Wissenschaftler zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass Parks während des Mordes nicht wach gewesen war, sondern geschlafwandelt hatte.
Parks ist kein Einzelfall. Morde, Mordversuche, Kindstötungen, Suizide und Vergewaltigungen gehören zum Spektrum der schlafassoziierten Gewalttaten, die in der Fachliteratur dokumentiert sind. Der Mediziner Maurice Ohayon und seine Mitarbeiter des Forschungszentrums Philippe Pinel in Montreal (Kanada) ermittelten 1997 per Telefoninterview unter rund 5000 Erwachsenen, dass bis zu zwei Prozent der Bevölkerung nachts bereits einmal gewalttätig wurden. Wie ist das schlafende Hirn zu so außerordentlich komplexen Handlungen fähig?
Schlafwandler befinden sich in einem sogenannten dissoziativen Zustand, der sowohl Merkmale von Wachheit als auch von Schlaf aufweist. Dies haben zwei Studien aus den letzten Jahren eindrücklich belegt: Die Arbeitgruppe eines der Autoren (Bassetti) an der Universitätsklinik Bern injizierte im Jahr 2000 einem schlafwandelnden 16-Jährigen eine schwach radioaktiv markierte Substanz in die Blutbahn und scannte dann per Emissionstomografie (SPECT) das Gehirn des Jungen, während er schlief. Dabei zeigte sich, dass bestimmte Abschnitte des präfrontalen sowie des parietalen Kortex, die für höhere kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit, Planungs- und Urteilsvermögen zuständig sind, weniger erregt waren als im Wachzustand, während das Zingulum und Teile des Zerebellums, die motorische Funktionen steuern, vermehrte Aktivität zeigten.
In einer anderen Studie kamen Michele Terzaghi und seine Mitarbeiter des Niguarda-Krankenhauses in Mailand im Jahr 2009 zu ähnlichen Resultaten: Die Forscher hatten die Hirnaktivität bei einem schlafwandelnden Epileptiker mittels unter der Schädeldecke platzierter Elektroden aufgezeichnet, während sich der Betreffende nachts kurz aufsetzte und sprach. Es zeigte sich, dass in dieser Tiefschlafphase etwa die gleichen Hirnbereiche vermindert feuerten, die auch wir in unserer Berner Studie identifiziert hatten, während Teile des Zingulums normale Wachaktivität aufwiesen.
- 1. Teil: Wenn Schlafende zu Schlägern werden
- 2. Teil: Stirnhirn im Visier
- 3. Teil: Ausfall der Bewegungskontrolle
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- Gehirn & Geist

Oktober 2011
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2. Ähnliche Symptome sind auch bei akuter Übererregung neuronaler Netzwerke etwa während epileptischer Anfälle zu beobachten.
3. Wird die Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt, lässt sich schwerwiegenderen Folgen für die Betroffenen und ihre Angehörigen vorbeugen.
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