Sex und Autorität: "Mächtige Männer haben eine hyperaktive Libido"

Warum tappen so viele Politiker immer wieder in die Sexfalle? Die Alphatiere leben in einer erotisierten Welt, sind vollkommen egozentrisch, despotisch und gierig auf mehr, sagt der Soziobiologe Johan van der Dennen im Interview - und manche Macher reizt der Nervenkitzel des Verbotenen auch zu Gewalt.

Strauss-Kahn: Macht und Sex Fotos
REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Haben mächtige Männer einen übermäßig starken Sexualtrieb oder werden ihre Verfehlungen eher erkannt, weil sie selber so sichtbar sind?

Van der Dennen: Beides könnte wahr sein. Mächtige Männer haben sowohl eine hyperaktive Libido im Vergleich zu normalen Männern als auch eine größere Bereitschaft, darauf zu spekulieren, dass sie überall und jederzeit mit ihren sexuellen Aktivitäten davonkommen können. Macht ist ein starkes Aphrodisiakum. Mächtige Männer erwarten quasi automatisch, dass andere Menschen ihre Wünsche erfüllen. Sex ist bloß ein Teil dieses Spiels. Auch mächtige Frauen haben einen überdurchschnittlichen sexuellen Appetit.

SPIEGEL ONLINE: Wären Clinton, Berlusconi, Strauss-Kahn und Schwarzenegger den Frauen genauso hinterhergestiegen, wenn sie keine Machtposition innegehabt hätten? Oder ist es die Macht an sich, die sie dazu bringt, sich so zu verhalten?

Van der Dennen: Männer, die schließlich eine Machtposition erreicht haben, haben zweifellos starke Ambitionen in dieser Beziehung, und sie benötigen eine gewisse Risikobereitschaft, ja sogar Skrupellosigkeit. Meiner Meinung nach ist es aber die Machtposition an sich, die Männer arrogant, narzisstisch und egozentrisch macht, ihnen einen übermäßigen Sexualtrieb verleiht, der sie paranoid und despotisch macht und gierig auf noch mehr Macht, auch wenn es Ausnahmen zu dieser Regel gibt. Mächtige Männer haben im Allgemeinen ein scharfes Auge für weibliche Schönheit und Anziehungskraft, und Frauen fühlen sich im Allgemeinen von mächtigen, erfolgreichen, berühmten, reichen Männern angezogen. Jede "willige" Frau bestätigt die Macht eines mächtigen Mannes.

SPIEGEL ONLINE: Wo bleiben bei den Männern Einfühlungsvermögen, Fürsorglichkeit und nicht zuletzt der Verstand?

Van der Dennen: Sex und den starken männlichen Sexualtrieb gibt es auf der Erde schon seit Millionen von Jahren, lange bevor der Mensch Verstand und Empfindsamkeit entwickelt hat. Jede sexuelle Handlung beinhaltet eine gewisse Rückentwicklung, bei der Einfühlungsvermögen, Verstand und so weiter vorübergehend ausgesetzt werden. Das trifft, denke ich, nicht nur auf mächtige Männer zu.

SPIEGEL ONLINE: Der Psychologe Satoshi Kanazawa hat herausgefunden, dass erfolgreiche Männer mehr Sex und mehr Sexualpartner haben. Handelt es sich um eine evolutionsbedingte Verhaltensanpassung?

Van der Dennen: Kanazawa ist nicht der Einzige - Dutzende von Studien haben eine solche Beziehung festgestellt. Eine interessante evolutionsbiologische Analyse der Verbindung zwischen Macht, Sex und Vielehe wurde bereits 1986 von Laura Betzig in ihrem Buch "Despotismus und Differentialreproduktion: Eine darwinistische Betrachtung der Geschichte" vorgestellt. Starke Männchen haben ihre Macht mit ungezügelter Begeisterung in den Dienst des Reproduktionserfolgs gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, wie nehmen sich diese Männer selber wahr, wenn sie drauf und dran sind, sich verbotenem Sex hinzugeben?

Van der Dennen: Man muss nicht allzu sehr spekulieren, wenn man meint, mächtige Männer würden in einer sexualisierten und erotisierten Welt leben. Nicht nur, dass sie erwarten, jederzeit Sex zu haben, wenn ihnen danach ist; sie erwarten auch, dass jede Frau immer bereit ist, ihnen diesen Dienst zu erweisen und Spaß daran hat. Sie sind vollkommen egozentrisch und opportunistisch, und sie nehmen sich einfach das, was sie wollen. Es trifft sie vermutlich vollkommen überraschend, wenn jemand sich nicht fügen will. Das Bewusstsein des Verstoßes macht den Sex sogar noch attraktiver.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen jetzt aber nicht sagen, dass jeder, der sich bis an die Spitze kämpft, Gefahr läuft, ein Vergewaltiger zu werden.

Van der Dennen: Nicht unbedingt. Die meisten mächtigen Männer brauchen nicht zu vergewaltigen, denn sie haben viel häufiger einvernehmlichen Sex als der Durchschnittsmann. Das schließt nicht aus, dass einige mächtige Männer es wegen des Nervenkitzels machen oder weil sie sehen möchten, ob sie damit durchkommen. Nahezu alle Studien, die sich mit Vergewaltigung befassen, zeigen, dass es machtlose und ausgestoßene junge Männer sind, die vergewaltigen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist notwendig, um sich mächtig zu fühlen: Reicht eine gesellschaftliche Stellung aus? Oder braucht es auch Geld? Ruhm?

Van der Dennen: Macht ist gewissermaßen alles verzehrend. Macht geht einher mit Reichtum, Berühmtheit, Erfolg und mit sexuellem Zugang zu zahlreicheren und vielseitigeren Partnern. Das Einzige, was wirklich nötig ist, damit einer sich mächtig fühlt, ist die Unterwürfigkeit des anderen. Und umgekehrt ebenso.

SPIEGEL ONLINE: Was stellt Macht sonst noch mit den Menschen an?

Van der Dennen: Verzeihen Sie mir dieses Klischee, aber letztendlich ist es tatsächlich so: Macht korrumpiert.

Das Gespräch führte Rafaela von Bredow.

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Forum - Verführt Macht zu Missbrauch?
insgesamt 959 Beiträge
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1. wesensgemäß
kyon 21.05.2011
Zitat von sysopMächtige tendieren dazu, ihren Einfluss auszudehnen, oft ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen. Liegt dieses Phänomen vom Austesten der Grenzen im Wesen der Macht? Ist diese Möglichkeit die eigentliche Attraktivität von Macht? Ist Macht sexy - oder verführt sie prinzipiell zum Missbrauch?
Das liegt nicht im Wesen der Macht, sondern im Wesen des Menschen.
2.
Thomas Müntzer 21.05.2011
Zitat von kyonDas liegt nicht im Wesen der Macht, sondern im Wesen des Menschen.
Nicht unbedingt im Wesen des Menschen, aber im Wesen des Kranken/Süchtigen Menschen. So ist es mit allen Stoffen und Nichtstoffen, dass nichts Süchtig macht, aber alles eine Droge sein kann, wenn sie auf eine Süchtige Persönlichkeit trifft. Wobei mir ehrliche Morphinisten wirklich sympathischer sind, als diese Primaten wie der Bankerwaldschimpanse, der denkt dass er sich wie im Dschungel alles nehmen kann. Gesunde verstehen Macht als Verantwortung, nicht als Freischein für persönliche Bedürfnisse, incl.Demütigung der Opfer. Wie man sieht, verbindet sich Macht auch in Personen mit Intelligenz sehr gern mit persönlicher oft sehr infantiler Dummheit. Auf Säuglingsniveau. Ohne jede psychische Reife. Ein Grund auch, unsere Bandendemokratie auch Parteien genannt, abzuschaffen. Da tummeln sie sich nämlich im Massen!
3.
rabenkrähe 21.05.2011
Zitat von Thomas MüntzerNicht unbedingt im Wesen des Menschen, aber im Wesen des Kranken/Süchtigen Menschen. So ist es mit allen Stoffen und Nichtstoffen, dass nichts Süchtig macht, aber alles eine Droge sein kann, wenn sie auf eine Süchtige Persönlichkeit trifft. Wobei mir ehrliche Morphinisten wirklich sympathischer sind, als diese Primaten wie der Bankerwaldschimpanse, der denkt dass er sich wie im Dschungel alles nehmen kann. Gesunde verstehen Macht als Verantwortung, nicht als Freischein für persönliche Bedürfnisse, incl.Demütigung der Opfer. Wie man sieht, verbindet sich Macht auch in Personen mit Intelligenz sehr gern mit persönlicher oft sehr infantiler Dummheit. Auf Säuglingsniveau. Ohne jede psychische Reife. Ein Grund auch, unsere Bandendemokratie auch Parteien genannt, abzuschaffen. Da tummeln sie sich nämlich im Massen!
...... Macht, die aus Ohnmacht rührt, ist stets maß- und rücksichtslos. Und sie genügt diesen Mächtigen nie, so daß sie stets nach Mehr streben und nicht genügsam werden. Eine Vorgabe, die Verantwortungsbewußtsein, die aus Macht ja rühren könnte, ausschließt. rabenkrähe
4.
GinaBe 21.05.2011
Zitat von rabenkrähe...... Macht, die aus Ohnmacht rührt, ist stets maß- und rücksichtslos. Und sie genügt diesen Mächtigen nie, so daß sie stets nach Mehr streben und nicht genügsam werden. Eine Vorgabe, die Verantwortungsbewußtsein, die aus Macht ja rühren könnte, ausschließt. rabenkrähe
Die Macht, auf die Sie anspielen, ist Resultat einer Hilflosigkeit? Die ist aber wohl nicht gemeint. Macht über jemanden oder etwas dehnt die handlungsspannbreite aus, fördert Allmachtgefühl und könnte Größenwahn auslösen. Der Soziologe Niclas Luhmann: »Macht ist das Bewirken von Wirkungen gegen möglichen Widerstand, sozusagen Kausalität unter ungünstigen Umständen« Ohne Zusammenhang ist das Wort Macht diffus ein Abstraktum.
5. .
juerv1 22.05.2011
Zitat von sysopMächtige tendieren dazu, ihren Einfluss auszudehnen, oft ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen. Liegt dieses Phänomen vom Austesten der Grenzen im Wesen der Macht?
Nach meiner Erfahrung sind diejenigen, die nach Macht streben, egal ob in einer Partei oder im Hasenzüchterverein, vor allem daran interessiert, ihr Ego aufzupolieren. Diese Motivation muss natürlich kaschiert werden, indem man so tut, als wäre man an irgendeinem Gemeinwohl interessiert.
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Zur Person
Der Soziobiologe Johan van der Dennen forscht am Politischen Institut der Universität Groningen. In seinen zahlreichen Veröffentlichungen (mehr als 200) hat er sich mit allen Aspekten menschlicher und tierischer Aggression beschäftigt, mit sexueller Repression, der Neuro- und Psychopathologie der Gewalt, mit Genoziden und der Entstehung von Kriegen in der Stammesgeschichte des Menschen.

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