Sexueller Missbrauch Warum männliche Opfer oft schweigen

Wenn Jungen und Männer sexuell missbraucht werden, sind ihre Erfahrungen noch immer ein Tabu. Viele offenbaren sich jahrzehntelang niemandem.

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50 Jahre ist es her, doch Mani hat seither nie mit jemandem darüber gesprochen. Nicht mit seinen Eltern, nicht mit Freunden, nicht mit seinen Partnerinnen. Erst in einem Internetforum vertraut er sich anderen an, die Ähnliches erlebt haben.

Mani wurde als 13-Jähriger von einem Familienmitglied sexuell missbraucht. Ungewollte Berührungen, aufgezwungener Geschlechtsverkehr, gewaltvolle Ausbeutung. Wie Mani schweigen die meisten Jungen und Männer, denen dies widerfahren ist.

Hohe Dunkelziffer

In der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2017 finden sich knapp tausend Fälle von sexuellen Übergriffen auf Jungen oder Männer. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Das Studienprojekt Mikado der Universität Regensburg ergab, dass fünf Prozent der männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland als Kinder sexuell missbraucht wurden. Sieben Prozent berichteten von belastenden sexuellen Erfahrungen, etwa doppelt so viele erinnern sich an Grenzverletzungen. Doch nur ein Bruchteil davon kommt ans Licht. Denn: Sich zu öffnen scheint gerade für männliche Opfer eine enorme Hürde zu sein.

Mehrere Studien zeigen: Männer zögern deutlich länger als Frauen, die Gleiches erlebt haben, sich zu offenbaren. Eine US-amerikanische Erhebung mit knapp 500 männlichen Missbrauchsopfern ergab, dass betroffene Männer erst nach durchschnittlich 21 Jahren mit jemandem über ihre Erfahrungen sprechen. Weitere sieben Jahre dauert es, bis sie beginnen, das Erlebte aufzuarbeiten. Die Ursachen für das Schweigen sind vielfältig, die Gesellschaft und ihre Ansichten vermutlich ein Schlüssel dazu.

"Würden Sie unter diesen Umständen von sich erzählen?"

So untersuchten Sozialwissenschaftler 2014, was Jungen und Männer in den USA davon abhält, sich zu öffnen. Neben großer Scham sind es vor allem die gängigen Männlichkeitsnormen - das gab ein Drittel der 460 Befragten an. "Sexueller Missbrauch gegen einen Mann ist ein Missbrauch seiner Männlichkeit", fasste es ein Studienteilnehmer zusammen. Von den eigenen Erfahrungen zu berichten, könnte sie wie Schwächlinge dastehen lassen. "In westlichen Kulturen lernen Männer, stark zu sein, nicht zu weinen, Antworten zu haben, der Versorger zu sein", sagt ein anderer. Und fragt: "Würden Sie unter diesen Umständen von sich erzählen?"

Zahlreiche Männer, die von einem Mann missbraucht wurden, befürchten zudem, als "schwul" zu gelten und deshalb diskriminiert zu werden.

Ein weiteres Problem ist die Verklärung der Erfahrung, wenn ein Junge Sex mit einer Frau hat. Das romantisiert den Missbrauch und spielt das Leid der Opfer herunter; und auch das ist ein Hemmnis, sich zu offenbaren.

Und was viele nicht wissen: Männer können auch eine Erektion haben, wenn sie Angst oder Ekel verspüren. Die britische Juristin Siobhan Weare legte 2017 dazu zwei Studien vor. In einer Onlinebefragung offenbarten ihr 154 Männer ihre Erfahrungen. Unter Drohung, durch Erpressung oder Gewalt wurden sie von Frauen zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Statt Lust empfanden die Männer Abscheu. Was blieb war das Gefühl, vom eigenen Körper betrogen worden zu sein. Eine der Folgen: Sie schweigen. Nur jeder fünfte hatte sich vor dieser Befragung schon einmal jemanden anvertraut. Nur zwei waren zur Polizei gegangen.

#MeToo kann ein weiterer wichtiger Schritt sein

Trotzdem äußern sich inzwischen mehr männliche Opfer. "Die Männer kommen mittlerweile früher zu uns", sagt Thomas Schlingmann, der beim Berliner Verein Tauwetter Männer berät und betreut, die als Kinder sexuell missbraucht wurden. Kampagnen und Aufklärung tragen dazu bei, dass die Männer eher verstehen, was ihnen widerfahren sei.

Öffentliche Debatten wie nach den aufgedeckten Missbräuchen an Eliteschulen und kirchlichen Einrichtungen seien ebenso wichtig. Kamen vor dem Missbrauchsskandal an der Odenwald-Schule und dem Canisius-Kolleg im Jahr 2010 knapp hundert Ratsuchende pro Jahr zu Tauwetter, sind es seither mehr als 300. Auch der Verein Lichtweg verzeichnet immer mehr männliche Mitglieder, die sich anonym in Foren aussprechen.

"Die #MeToo-Bewegung kann ein weiterer wichtiger Schritt dahin sein, dass Betroffene sich öffnen" sagt Ursula Enders von Zartbitter, der Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch. Denn auch Jungen erleben sexuelle Belästigung - werden in überfüllten Verkehrsmitteln begrapscht, von Klassenkameradinnen anzüglich angesprochen, von Lehrern bedrängt.

Über das Erlebte nicht mehr zu schweigen, macht auch den Weg zur Aufarbeitung frei. Und die braucht es, denn Missbrauch hinterlässt dauerhaft Spuren in der Seele. Männer, die in ihrer Kindheit Opfer von sexuellen Übergriffen wurden, leiden knapp 50 Jahre später eher an Depressionen oder legen etwa feindseliges Verhalten an den Tag, zeigt eine Erhebung unter 2500 Männern.

Mani geht es ähnlich. Drei Ehen scheiterten. Zu viel körperliche Nähe brachte ihn zum Zittern, Abscheu stieg dann in ihm hoch. Er hat Depressionen, schläft schlecht. Mehrfach hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Er tröstet sich mit Alkohol.

Für Männer wie ihn gibt es zu wenig Anlaufstellen, beklagen Opferverbände. "Beratungsangebote für Jungen und Männer finden sich nur vereinzelt und nur in Großstädten. Von einem Netzwerk sind wir weit entfernt", sagt Schlingmann von Tauwetter.

Mani hilft derzeit erst einmal der Online-Austausch. Und ein Foto von sich als Kind. Er möchte dem Jungen auf dem Bild nicht das Leben nehmen, schreibt er. Der Junge soll alt werden dürfen. Dafür kämpft Mani nun - jeden Tag.

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