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Selbstverliebtheit: Ist Narzissmus heute salonfähiger?

Verliebt in sich selbst: Narzissmus reicht von einem gesundem Selbstwertgefühl bis hin zu egoistischer Selbstsucht und Selbstverliebtheit Zur Großansicht
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Verliebt in sich selbst: Narzissmus reicht von einem gesundem Selbstwertgefühl bis hin zu egoistischer Selbstsucht und Selbstverliebtheit

Größenwahnsinnig, selbstgefällig, rücksichtslos - Narzissten haben keinen guten Ruf. Andererseits fördert und fordert unsere Gesellschaft narzisstische Eigenschaften. Ein Widerspruch, meint Jens Lubbadeh.

Was haben Konrad Adenauer, Mick Jagger und Karl Lagerfeld gemeinsam?

Sie sind Narzissten. Oder jedenfalls glauben wir Journalisten das. Es ist wirklich interessant, im Spiegel-Archiv nach dem Begriff "Narzisst" zu suchen (beziehungsweise nach "Narziss", was eigentlich falsch ist, denn das war der griechische Jüngling, der sich in sein Spiegelbild verliebt hatte).

Ob Peer Steinbrück, Silvio Berlusconi, Johnny Ramone, Hugo Chávez, Uli Hoeneß oder Karl-Theodor zu Guttenberg - ihnen allen attestieren Journalisten gerne Hybris, Gefallsucht und Empathiemangel, die drei Merkmale, die Menschen gemeinhin einem Narzissten zuschreiben. Sind wir also umgeben von Narzissten?

Die Psychologin Bärbel Wardetzki bezweifelt das: "Narzissmus ist ein Modewort geworden", sagt die Psychologin, die sich mit dem Thema eingehend beschäftigt hat, im Interview. Vielleicht rührt die Häufung des Begriffs einfach auch daher, dass die wirklichen Narzissten am anderen Ende des Schreibtischs sitzen.

Die narzisstische Hyperkapitalismus- und Selfie-Gesellschaft

Meiner Erfahrung nach gibt es im Journalismus ebenso viele Narzissten wie in der Politik oder im Showbusiness. "Der Narzisst idealisiert andere oder er macht sie nieder", sagt Wardetzki.

Wir alle besitzen narzisstische Eigenschaften, der eine mehr als der andere. Narzissmus hat zwei Seiten: Positiver Narzissmus ist laut Wardetzki ein gesundes Selbstwertgefühl. Ein Narzisst aber hat zu wenig davon, weswegen er sich hinter einem konstruierten Größenselbst versteckt. Und wehe man kritisiert ihn. Dann ist er zutiefst gekränkt.

Das Krude daran: Einerseits verdammen wir Narzissten. Andererseits haben wir eine Hyperkapitalismus- und Selfie-Gesellschaft geschaffen, die sie quasi heranbrütet. Niemand hat es untersucht, aber möglicherweise werden es immer mehr.

Die Ursachen für Narzissmus liegen laut Wardetzki häufig im Elternhaus. Wenn Eltern ihr Kind nicht so sehen und annehmen, wie es ist, sondern sich ein Wunschbild von ihm basteln, wird sich das Kind damit identifizieren, um überhaupt gesehen zu werden. Dieses Bild wird dann zum vermeintlichen Ich.

Ist Narzissmus heute salonfähiger?

Der bislang negativ konnotierte Begriff scheint eine positive Umbewertung zu erfahren. Eine Meldung sorgte kürzlich für Aufmerksamkeit: "Einzelne Frage verrät Narzissten." Statt mühselig um den heißen Brei zu schleichen, frag den mutmaßlichen Narzissten doch einfach, ob er einer ist. "Jawohl", sagt der Narzisst dann, "ich bin einer." Das jedenfalls haben die Studienautoren Brad Bushman, Sara Konrath und Brian Meier bei 2250 Menschen beobachtet.

Dass die Befragten ehrlich antworten, hat nach Meinung von Brad Bushman folgenden Grund: "Narzissten sind fast schon stolz darauf, dass sie welche sind." Bärbel Wardetzki ist da eher skeptisch: "Wenn ich einen meiner Patienten das fragen würde, wäre der sofort zur Tür raus."

Das könnte auch an eine Generationenfrage liegen. Knapp ein Drittel der Befragten in der Studie von Bushman und Kollegen waren Studenten und im Schnitt weniger als 20 Jahre alt. Digital Natives, die mit der Selbstdarstellung groß geworden sind. Damit sind sie bestens gerüstet, um in unserer "narzisstischen Gesellschaftsstruktur" (Wardetzki) nach oben zu kommen.

Das Problem der narzisstischen Chefs

Anstrengend wird es, wenn Narzissten Personalverantwortung bekommen. Als Chef verursachen sie Stress, entweder "Aggression oder Anpassung", wie Wardetzki es umschreibt.

Ich hatte zwei Jahre lang einen narzisstischen Chef, der eigentlich die ganze Zeit nur damit beschäftigt war, seine Macht zu bewahren. Nachdem alle Aggressoren das Haus verlassen hatten, blieben nur noch die Anpasser zurück. Es war Arbeiten in einer Mini-Diktatur, das volle Programm: Paranoia, Repressalien, Gehirnwäsche und Schleimscheißerei.

"Diese Chefs sind eine echte Herausforderung an das eigene Selbstwertgefühl", sagt Bärbel Wardetzki. Entweder man ist stark genug, um sich von ihrer Rückmeldung und ihrem Lob unabhängig zu machen. Oder man sitzt in der Falle. Für einen Journalisten, der für etwas so Persönliches wie Texte meist auf Rückmeldung angewiesen ist, ein schwerer Verzicht. Besonders kompliziert wird es, wenn dann bei solch einem Chef noch der Dunning-Kruger-Effekt hinzukommt: die Inkompetenz, die eigene Inkompetenz zu erkennen.

Dann heißt es für einen selbst: gehen. Und zwar rechtzeitig. Denn Narzissten sind schlecht für die Gesundheit.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Narzissten? Schreiben Sie mir an post@lubbadeh.de. Oder sind Sie selbst einer? Dann haben Sie sicher keine Hemmungen, mir Ihre Sicht der Dinge zu erzählen.

Narzissmus - Fragen an eine Psychotherapeutin

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Jetzt mal halblang
Leser161 21.08.2014
Jetzt ist also jeder der einen Selfie macht ein Narzisst? Bzw. irgendwie angenarzisstet? Vielleicht sollte man es mit dem Begriff einfach mal nicht übertreiben. Bzw. nicht jeder den es freut wenn er mehr Geld auf dem Konto hat (also wir alle) ist ein chronischer Gierschlund.
2. Wie bitte?
Hornblower, 21.08.2014
Journalisten brauchen Lob für ihre persönlichen Texte? Ich dachte, die Texte sind Ausdruck ihrer Persönlichkeit und Kompetenz. Dann ist es doch schön, wenn sie andere überzeugen können, aber das Selbstwertgefühl sollte davon nicht abhängen.
3. Yes, we can
nomadas 21.08.2014
Das System liebt sie, ja, die neurotischen Narzissten, züchtet sie geradezu. Doch, Achtung, knallhart spuckt das gleiche System sie auch wieder auch, wenn sie nicht mehr passen, kaputt sind. Nichts mehr nutzen. Kosten/Nutzen, sie verstehen? Klar doch! Und das ist dann die ganz hässliche Fratze des Systems: Tja, sorry, jeder ist seines Glückes Schmied, mon chèr! Bitte, der nächste Herr, die selbe Dame, Anfänger auf die Strohpuppe!
4. Übertrieben
kategorien 21.08.2014
Ja, gut möglich. Ich stolpere auf tumblr, instagram, pinterest, facebook über so einige, die dem zutreffen; auf twitter weniger. Und ich meine nicht die nackten weiblichen Teenager, die dort sich dort blamieren. Allerdings ist der Glaube, dass narzisstische Unternehmer unbedingt mit diesem Selfie-Verhalten zusammenhängen, doch etwas zu bürgerlich für mein Empfinden. Auch wenn es den linken Bürgerlichen ärgert: nicht alles hängt mit dem Einkommen zusammen. Wenn ein Unternehmer kein Narzisst oder Egoist ist, ist er gewiss jemand, der nicht weit kommt. Er wird nicht genug von sich überzeugt sein, um schwere Verhandlungen, Betrügereien oder Marktveränderungen zu überleben. Für den seichten Chef vom Dienst hat man angestellte Geschäftsführer. Jedenfalls kenne ich keinen erfolgreichen Unternehmer, der nicht narzisstisch, egoistisch veranlagt sei. Ein Blick auf die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass das ein altes Thema sei. Richtiger dagegen ist, und ich beobachte es an meinem jüngsten Bruder, dass das Selfie-Internet Jugendliche heranzieht, die sich wie Sprößlinge Neureicher aufführen, ohne reich zu sein, was gewiss mit dem vermeintlichen Ruhm zusammenhängt, den sie durch das Internet zu haben glauben (wie ja auch etliche Kommentatoren ;) zu glauben scheinen, dass ihre Meinung etwas wert sei, ferner, dass sie klug sind, da sie etwas gesagt haben).
5. Vermischung ?
skeptiker53 21.08.2014
Einige Sätze in diesen Text (und vorangegangene) lassen vermuten, dass Symptome und Eigenschaften aus verwandte, aber unterschiedliche psychiatrischen Krankheitsbilder heutzutage immer mehr vermischt werden im allgemeinen Sprachgebrauch. Bitte klären Sie doch mal für sich (und für Ihre Leser) dass Narzissmus, Autismus (sogen. "hochfunktioneller") und Psychopathie drei unterschiedlicher Entitäten sind. (Sie beschreiben z.B. Empathiemangel als narzisstische Eigenschaft: das gilt aber nur als Merkmal für Psychopathen und (in geringeren Maß und mit andere Ätiologie) für Asperger (HFA).
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Jens Lubbadeh

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