Neue Diagnose Skin Picking: Kratzen, bis das Blut kommt

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Jede Hautunebenheit kratzen die Betroffenen auf, bis nur noch ein blutiger Krater zurückbleibt: Skin Picking zählt ab Mai offiziell zu den psychischen Erkrankungen. Experten allerdings streiten über den Sinn der Diagnose - manche bezweifeln sogar die Existenz der Störung.

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Corbis

Aufgekratzte Haut: Skin Picking ist ab Mai offiziell eine psychische Erkrankung

Mit der Pubertät begann es. Hier drei Pickel, da fünf Mitesser. Nina* drückte so lange an den Stellen herum, bis diese geschwollen und rot waren. Wenn sich Schorf auf der Wunde bildete, kratzte sie ihn wieder ab. Narben entstanden. Auch heute, mit 25 Jahren, wenn nur noch selten Mitesser bei ihr auftreten, pult sie an allen unebenen Stellen herum - egal ob Pickel, Schorf oder natürliche Erhebung. Erst wenn aus den kleinen Huckeln ein blutender Krater geworden ist, stoppt sie.

Aus einer seltsamen Angewohnheit wurde eine Obsession, die ab diesem Jahr offiziell als psychische Erkrankung gilt. Das sogenannte Skin Picking (zu deutsch: Hautrupfen) wird ab Mai höchstwahrscheinlich im neu aufgelegten Psychiater-Handbuch "Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen" ("DSM-5") stehen. Ob es sich dabei tatsächlich um eine eigenständige Erkrankung handelt und nicht um ein Symptom einer anderen Krankheit, darüber streiten Experten. Aber auch darüber, ob das Phänomen überhaupt existiert: "Dass umstrittene Diagnosen wie Haareraufen und Hautzupfen in das 'DSM-5' gelangen, hat mich verwundert", sagt der Psychiater und Psychotherapeut Hans-Ulrich Wittchen von der Universität Dresden. Er hat maßgeblich an dem Kapitel zu Angst- und Zwangserkrankungen in dem Katalog der psychischen Störungen mitgewirkt. "Solche Patienten habe ich in meinem Praxisalltag noch nicht gesehen."

Tatsächlich mangelt es an Studien, die Auskunft darüber geben, wie viele Betroffene es gibt. Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus den USA berichtet von internationalen Untersuchungen, in denen bis zu fünf Prozent der Bevölkerung unter Skin Picking litten. "Genau wissen wir das allerdings nicht", sagt auch der Psychotherapeut und Hautarzt Uwe Gieler. Er sieht nach eigenen Angaben fast täglich Skin-Picking-Patienten. Die gingen eben nicht zum Psychiater, sondern eher zum Hautarzt, erklärt er sich die Diskussionen um das Phänomen. Gieler schätzt, dass bis zu fünf Prozent aller Hautarztpatienten unter der Erkrankung leiden. Darunter seien ebenso Männer wie Frauen sowie alle Altersgruppen vertreten.

Lange Oberteile im Sommer: Viele schämen sich für ihre Wunden

Auch ein Blick in Selbsthilfeforen zeigt: Es gibt die Skin Picker wirklich. Betroffene berichten dort vom Zwang, minutenlang an einem vermeintlichen Pickel zu pulen oder mit einer Pinzette in ihm zu graben, weil sie in der Tiefe weitere Unreinheiten vermuten. Der Drang zur Selbstverletzung plagt einige jahrelang. Sie versuchen, die Spuren im Gesicht mit Schminke zu übertünchen, tragen auch im Sommer langärmelige Oberteile, um die Wunden an den Oberarmen zu verdecken, oder sagen gar Verabredungen ab aus Scham vor ihren schorfigen Flecken.

Die meisten von ihnen wissen, dass ihr Pulzwang mehr ist als nur eine seltsame Marotte. Denn die schlimmsten Knibbelphasen entwickeln sie in stressigen Zeiten. Nina pult, wie sie in einem Forum berichtet, am intensivsten, wenn sie aufgeregt ist, eine Aufgabe zu erledigen hat und den Druck als zu groß empfindet. Nach den Attacken geht es ihr für kurze Zeit besser. Bis sie die Wunden und roten Flecken sieht.

"Einige Betroffene picken auch, weil sie sich vor ihrer Haut ekeln, sie als unrein empfinden. Andere benötigen einfach die Stimulation, um sich lebendig zu fühlen", erklärt Gieler. Das Hautquetschen sei jedoch in den meisten Fällen Ausdruck einer anderen psychischen Erkrankung. "Skin Picking tritt nur selten allein auf", sagt er. Nahe liege bei manchen eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, bei der sich die Betroffenen durch Ritzen oder Schneiden in die Haut selbst verletzen.

Skin Picking ist zwar nur eine leichte Form der Selbstverletzung, aber die Gefühle dabei ähneln denen von Borderline-Patienten. Jeder fünfte Skin Picker verspürt eine starke Anspannung oder Nervosität vor oder Erleichterung nach dem Hautquetschen. "Zumeist ist die Hautschändung aber ein Symptom von einer Zwangserkrankung oder einer Impulskontrollstörung", sagt Gieler.

Wenn Skin Picking nur ein Symptom von einer anderen Erkrankung ist, hat es dann überhaupt Sinn, den Betroffenen eine zusätzliche Diagnose aufzubürden? "Durchaus. Von der Diagnose können wir eine spezifische Behandlung ableiten. Andernfalls wird das Problem einfach übersehen", sagt Gieler.

Selbsthilfeforen: Erleichterung über die Diagnose

In den Selbsthilfeforen beklagen viele Betroffene die bisherigen Umstände, wenn sie Hilfe suchen. Hautärzte verschrieben nur Salben oder Cremes. Psychotherapeuten wüssten nichts mit dem eigentümlichen Verhalten anzufangen, behandeln es oft nicht gezielt. Die meisten Forenmitglieder sind erleichtert, dass ihr Problem tatsächlich einen Namen hat, und sie damit nicht allein sind.

Doch immer noch gibt es keine spezifische Behandlung für Skin Picking. Gieler greift in seiner Klinik zumeist auf Verhaltenstraining und eine Ursachensuche im Gespräch zurück. "Manchmal bringen Verhaltensübungen allein nicht genug, wenn ein Lebenskonflikt das Pulen und Quetschen auslöst", erklärt er.

Im Internet gibt es inzwischen ein Selbsthilfetraining, das am Universitätsklinikum Hamburg entwickelt wurde. Schritt für Schritt lernen die Betroffenen darin, das selbstschädigende Hautrupfen beispielsweise durch ein neutrales Händeverschränken zu ersetzen. Jedem zweiten Betroffenen hat das Programm geholfen, wie ein erster Test mit 70 Betroffenen zeigte.

Auch Nina hat ihre schlimmsten Pick-Zeiten hinter sich gelassen. Für geheilt hält sie sich nicht, trotz Psychotherapie. Noch immer kratzt oder pult sie an Unebenheiten herum, aber nicht mehr so exzessiv. Sie hat für sich erkannt: "Wenn ich meine Haut in Ruhe lasse, ist sie wirklich schön."

*Name von der Redaktion geändert

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Zur Autorin
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    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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Heft 4/2013 Therapeuten streiten über die Grenze zwischen Gesundheit und seelischer Erkrankung SPIEGEL-Apps:
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