Therapie So kriegen Sie Ihren Partner zum Psychologen

Bindungsangst, Depressionen, geringer Selbstwert - wenn der Partner psychische Probleme hat, belastet das die Beziehung. Therapien können helfen, manchmal sogar Ehen retten. Doch was macht man, wenn sich der andere nicht behandeln lassen will?

Seelische Unterstützung: Wenn psychische Probleme des Partners die Beziehung belasten, hilft der Therapeut
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Seelische Unterstützung: Wenn psychische Probleme des Partners die Beziehung belasten, hilft der Therapeut


"Psychotherapie? Ich bin doch nicht verrückt!" Obwohl jeder Krisen kennt, möchte keiner krank sein. Dabei hat laut Bundesärztekammer (BÄK) jeder Dritte einmal im Jahr psychische Probleme, 40 Prozent der Bundesbürger weisen einmal im Leben eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung auf. Kein Grund zu verzweifeln, denn Psychotherapien können helfen.

Voraussetzung für eine Therapie ist Leidensdruck, Eigenmotivation und die Einsicht, dass man ein Problem hat. Doch niemand gibt gerne Schwächen zu. Daher ist es schon eine Leistung, sich selbst einzugestehen, dass man eine Therapie braucht.

Was aber, wenn der Partner leidet - und sich nicht helfen lassen will?

"Psychisch Kranke sind oft uneinsichtig, bagatellisieren oder leugnen ihre Probleme. Deshalb dauert es häufig Jahre, bis jemand die Therapie annimmt, die schon längst notwendig und hilfreich gewesen wäre", sagt Helmut Kolitzus, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie.

Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Betroffene kennen viele vermeintliche Argumente, die gegen den Besuch eines Psychologen sprechen. "Das hilft eh nicht", "Der Psychologe ist ein Stümper" oder "Ein Paartherapeut hetzt dich nur gegen mich auf." Solche Ängste sollte man ernst nehmen und mit dem Partner besprechen, um sie aus dem Weg zu räumen. Oft sind die tatsächlichen Gründe für den Widerstand aber andere. Wer sich therapieren will, gibt zu: Ich schaffe das nicht allein. "Daher sträuben sich vor allem Perfektionisten lange dagegen", sagt Kolitzus.

Natürlich kann man den Partner bitten, zu einem Facharzt zu gehen. Ihn mit dem Satz "Entweder du machst eine Therapie, oder ich verlasse dich!" zwingen zu wollen, sollte aber der letzte Schritt sein. Entweder, der Druck führt zu Widerstand und der Partner will nun auf gar keinen Fall mehr - oder er geht nur dem Freund oder der Freundin zuliebe zum Psychologen, ist also nicht von der Therapie überzeugt und wird deshalb nicht an sich arbeiten wollen.

Einige Möglichkeiten, seinen Partner zu überzeugen:

Fall 1: Leidensdruck und Einsicht sind vorhanden, der Freund oder die Freundin aber noch nicht motiviert, eine Therapie zu machen.

In diesem Fall kann man den Partner durch geschicktes Nachfragen selbst auf die Idee bringen, sich helfen zu lassen. Wenn er etwa sagt, "Es geht so nicht weiter, ich muss etwas ändern", kann man nachfragen: Was stört dich an deinem Leben? Was genau willst du ändern? Wie kannst du dieses Ziel wohl erreichen? Entweder, der Betroffene kommt dann selber auf den Gedanken, oder man schlägt die Therapie vor. Im Idealfall hält das der Partner für eine gute Idee.

Fall 2: Leidensdruck, aber wenig Einsicht und keine Eigenmotivation:

"Mich rufen häufig Frauen an und bitten um einen Termin für ihren Mann", erzählt Kolitzus. "'Wir sind keine Kinderarztpraxis', antworte ich dann etwas ironisch." Der Partner solle sich selbst melden, sagt Kolitzus, und dem Anrufer schlägt er vor, erstmal allein vorbeizukommen, weil es ihm offenbar nicht gut geht. "Praktisch immer wird das Angebot angenommen." In vielen Fällen ergäbe sich dann eine Paartherapie, oder der eigentlich Betroffene nimmt Einzelsitzungen.

"Will der Partner partout nicht mitkommen, kann ein Brief helfen", sagt Kolitzus. Dieser kann gemeinsam mit dem Therapeuten erarbeitet werden. Darin sollen konkrete belastende Gespräche mit dem Partner oder Streitsituationen aus der Vergangenheit genau beschrieben werden. Vor allem, was man dabei gefühlt hat. Der Brief soll dem Betroffenen unbedingt persönlich vorgelesen werden, bevor er übergeben wird. Zwei wichtige Sätze: So, wie es jetzt läuft, möchte ich nicht weitermachen. Es muss sich etwas ändern.

Fall 3: Wenig Leidensdruck, keine Einsicht und keine Eigenmotivation:

Wenn die Probleme des Partners die Beziehung wirklich schwer belasten, raten Psychologen häufig, gemeinsam eine Pro- und Kontra-Liste zu erstellen. Wie wird unsere Partnerschaft in einem Jahr sein, wenn wir jetzt nichts ändern? Was hat das für Vorteile, was für Nachteile? Wenn der Partner dann noch nicht einsieht, dass sein Verhalten negative Auswirkungen auf die Beziehung hat, und keine Therapie machen will, muss man abwarten und das akzeptieren. Gleichwohl kann man den Partner damit konfrontieren, dass man so nicht weitermachen möchte und eine Trennung in Betracht zieht. Im besten Fall entschließt er sich dann doch zur Therapie.

Es ist wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn es einem psychisch nicht gut geht. Denn dies ist die einzige Methode, die zuverlässig hilft. Dennoch befinden sich laut der Deutschen Depressionshilfe lediglich 40 Prozent der vier Millionen behandlungsbedürftigen Depressiven in Therapie. Bei einer schweren Depression oder Angststörung wird eine Kombi-Behandlung aus Psychopharmaka und Gesprächen beim Psychotherapeuten empfohlen. Bei weniger starken Leiden reicht eine Psychotherapie meist aus, die von der Kasse bezahlt wird. Wie lange diese dauert, hängt von der Schwere der Erkrankung und der Art der Therapiemethode ab. Eine Verhaltenstherapie kann bei dem einen nach 15, beim anderen nach 60 Sitzungen beendet sein. Bei einer Psychoanalyse oder einer tiefenpsychologischen Behandlung sind deutlich längere Zeiträume möglich.

Der Aufwand lohnt sich: Studien haben ergeben, dass sich zwei Drittel nach einer Therapie deutlich besser oder sogar geheilt fühlen.

Wichtig: Dieser Artikel gibt Beispiele für das Vorgehen bei leichten mit mittelschweren psychischen Problemen. Falls Sie selbst oder Ihr Partner sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden oder Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie bitte mit Menschen, die dafür ausgebildet sind. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch .

ENTSCHLOSSEN ZUR THERAPIE: SO GEHT'S JETZT WEITER

insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
Munku 13.10.2013
1. Uneinsichtigkeit ist effizient
Zitat von sysopBindungsangst, Depressionen, geringer Selbstwert - wenn der Partner psychische Probleme hat, belastet das die Beziehung. Therapien können helfen, manchmal sogar Ehen retten. Doch was macht man, wenn sich der andere nicht behandeln lassen will? http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/so-kriegen-sie-ihren-partner-zur-psychotherapie-a-926099.html
Wenn Einsicht eine Vorraussetzung zur (erfolgreichen) Theparie ist, dann verhalten sich uneinsichtige psychisch Kranke vollkommen rational, wenn sie keine Therapie wollen - denn sie würde nicht helfen. Keine Therapie ist eine One-Man-Show, der Patient muss immer mitarbeiten. Letztendlich kann sich jeder Patient (unter Anleitung des Therapeuten) nur selbst helfen.
whocaresbutyou 13.10.2013
2. so einfach ist das also...
Das erste Problem dürfte mal sein zu erkennen, WER das Problem hat. Gerade in Beziehungen hat man gerne mal den Umstand, dass ein Partner ein Problem mit etwas hat, womit der vermeintlich Betroffene prima leben kann. Dann folgt die Frage der Notwendigkeit einer Therapie, die ein Laie (zumal, wenn emotional beteiligt) garnicht unbedingt einschätzen kann. Hat man den Entschluss dann tatsächlich gefasst, fehlt nur noch ein Therapieplatz. Und nun gehen sie mal los und versuchen (zum Beispiel mit akuten Angststörungen) kurzfristig einen freien Therapeuten zu finden... Und dann besteht auch noch die Möglichkeit, dass DER herausfindet, dass es die Beziehung (bzw. der Partner) ist, der einen krank macht und dass sie ihre Ehe nicht retten, sondern beenden sollten... Aber danke für diesen bahnbrechenden "Ratgeber"...
WBöhme 13.10.2013
3. Seltsam, wie unkritisch der Artikel Werbung für das Gewerbe von Therapeuten macht
Zitat von sysopBindungsangst, Depressionen, geringer Selbstwert - wenn der Partner psychische Probleme hat, belastet das die Beziehung. Therapien können helfen, manchmal sogar Ehen retten. Doch was macht man, wenn sich der andere nicht behandeln lassen will? http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/so-kriegen-sie-ihren-partner-zur-psychotherapie-a-926099.html
Seltsam, wie unkritisch der Artikel einfach nur Werbung für das Gewerbe von Therapeuten macht. Es wäre einmal an der Zeit, dass SPON die Paradigmen und Versprechen unserer therapeutischen Kultur einer kritischen Betrachtung unterwirft. Etwa in dem Sinne, dass viele Probleme gar nicht ihren Ausgangspunkt in einem zu therapierenden Individuum haben, sondern ganz handfeste Ursachen außerhalb des individuellen Zugriffs haben, etwa in äußeren Anforderungen an das Individuum, wie denen des Arbeitslebens, oder der eigenen Ehefrau, oder dem paradoxalen Normengefüge unserer sozialen und kulturellen Welt ganz allgemein. Therapien, die beim einzelnen Menschen ansetzten, sind in vielen Fällen der Versuch eines Kontrollgewinns über das Individuum, anstelle die objektiv widrigen Umstände, denen das leidende Individuum ausgesetzt wird, zu problematisieren. Diese Umstände zu ändern, vermag die Therapie in vielen Fällen nämlich nicht. Also wird der individuelle Mensch in seiner subjektiven Haltung den Umständen angepasst, teilweise sogar unter gewisse Drogen (Medikamente) gesetzt, oder eben therapiert. (Das berühmte halb leere Glas wird zum halb vollen Glas erklärt etc. etc.) Außerdem und grundsätzlich wäre (im Sinne einer kritischen Berichterstattung) die Therapie (die sich nach wie vor einer medizinischen Terminologie und Autorität bedient) als ein Anschlag auf die Mündigkeit und Autonomie des angeblich zu therapierenden Individuum zu entlarven, ganz besonders dann, wenn es von anderen Menschen in wohlmeinender Absicht zu einem Therapeuten geschleppt wird und nicht von sich den Rat eines Therapeuten sucht. Mein persönlicher und weiterführender Literaturtipp: „Die Errettung der modernen Seele, Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe“ von Eva Illuoz.
indy555 13.10.2013
4. Therapie, bei wem denn?
Super Idee, nur was macht der ausgebrannte, kaputte Ehepartner, der eine Therapie will, seine andere Hälfte aber mit Scheidung droht, weil sich sonst keiner findet, der das gemeinsame kranke Kind pflegt? Empfehlungen herzlich willkommen.
brut_dargent 13.10.2013
5.
Wenn ein Partner den anderen 'zwingt', eine Paartherapie zu machen, steckt oft ein 'verlasse-mich-bitte' dahinter. So zumindest lt. einem mir befreundeten psychologischen Psychotherapeuten.
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