Somatopsychologie: Wenn der Körper die Seele krank macht

Von Sylvie-Sophie Schindler

Die Diagnosen lauten Depression, Borderline, Schizophrenie. Doch bei manchen Kranken hat das Leiden eine körperliche Ursache. Wenn der Arzt dies vernachlässigt, drohen nutzlose und kostspielige Fehlbehandlungen.

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Müdigkeit, Depression: Psychische Leiden können eine körperliche Ursache haben

Rund sieben Stunden schläft der Deutsche im Durchschnitt. So lange schlief auch Simone H. Doch dann kam der neue Job. Beste Aufstiegschancen. Termine in Amerika, Japan. Überstunden, Jetlag. Schlaf wurde zur Nebensache. Knapp vier Stunden ruhte sie pro Nacht, mehr nicht. Simone war ständig müde. Der Grund dafür lag scheinbar auf der Hand. "Aber eigentlich war ich auch vorher oft sehr müde gewesen, seit Jahren schon", sagt Simone.

Gute sechs Monate nach Jobantritt litt die heute 37-Jährige unter Depressionen. Sie dachte zuerst, es könne eine Folge des Schlafmangels sein. "Depressionen passten so gar nicht in mein Leben. Alles lief doch, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Ich mochte meinen neuen Job. Ich hatte Erfolg und verdiente endlich richtig gut", sagt Simone. Heute weiß sie, dass nicht ihr neuer Job der Grund war für Müdigkeit und Depression, sondern - so banal es erst mal klingen mag - ein erhöhter Kalziumspiegel. "Erst der achte Arzt, bei dem ich in Behandlung war, stellte diesen Zusammenhang her", sagt Simone.

Vernachlässigter Fachbereich

Depressionen durch zu viel Kalzium? Noch wird selten daran gedacht, dass physische Probleme psychische Symptome hervorrufen können. Dabei kennen Experten mehr als 400 körperliche - somatische - Auslöser psychischer Störungen. Die sogenannte Somatopsychologie beschäftigt sich damit. Obwohl bereits im Jahr 1923 von dem deutschen Psychiater Karl Jaspers und Philosophen beschrieben und als Begriff geprägt, ist sie bisher kaum als eigenständiges Wissensgebiet etabliert. An der Berliner Humboldt-Universität beispielsweise ist nur ein halber Lehrstuhl dafür eingerichtet. Im Gegensatz dazu ist die Psychosomatik, die den umgekehrten Sachverhalt ergründet, seit Jahrzehnten Lehr- und Prüfungsgebiet. Ihr Tenor: Rebelliert der Körper, dann liegt es an der Psyche.

Ärzte würden sich, wenn überhaupt auf die Psychosomatik stürzen, sagt Erich Kasten, Psychologe am Universitätsklinikum Lübeck. "Doch die andere Sichtweise wird nicht unter die Lupe genommen."

Auch Thomas Fydrich vom Psychologischen Institut der Humboldt-Universität in Berlin sagt: "Die Kenntnisse aus der Somatopsychologie werden in der konkreten Gesundheitsversorgung chronisch körperlich Kranker kaum umgesetzt." Aber wenn Ärzte nicht Bescheid wissen, wie sollen sie dann richtig diagnostizieren?

Wenig weiß man darüber, wie viele Menschen von solchen Leiden betroffen sind. "Es ist schwer, überhaupt an solche Zahlen zu kommen", sagt Kasten. Nicht selten würde falsch diagnostiziert und entsprechende Patienten längst einer Reihe von Fehlbehandlungen unterworfen.

Beispiel Tina. Diagnosen: Depression, Borderline, Schizophrenie. Psychiater verschrieben Tina diverse Psychopharmaka. Als sie als Patientin zu Erich Kasten kam, beschrieb sie ihren Zustand so: "Mal habe ich sehr viel Energie und schaffe viel, am nächsten Tag könnte ich nur noch heulen und fühle mich absolut wertlos." Als Kasten auch körperliche Symptome wie Herzrasen feststellte und ein Blutbild anforderte, konnte die tatsächliche Ursache gefunden werden: Porphyrie, eine seltene, meist genetisch bedingte Stoffwechselkrankheit mit Störung des roten Blutfarbstoffs. Es ist nicht die einzige psychische Störung durch Veränderungen des Blutbildes. Eine weitere seltene Sonderform ist die sogenannte Megaloblastic Madness. Auslöser ist meist ein Vitamin-B12-Mangel. Die Folge: Blutarmut mit teils schwerer psychiatrischer Symptomatik.

Auch eine Grippe bewirkt psychische Veränderungen

Erich Kasten schildert weitere Fälle: "Bei einer Frau wurde Depression diagnostiziert - sie war an Multipler Sklerose erkrankt." Über eine andere Patientin hieß es, sie würde an "psychischer Instabilität" leiden. Etliche Therapien später wurde eine Schilddrüsenüberfunktion festgestellt. " Psychologen verständigen sich so gut wie nie mit den Medizinern", sagt Kasten. "Sie kommen oft gar nicht auf die Idee, dass die Ursache der psychischen Symptomatik organisch sein könnte."

Dabei ist das nicht abwegig. Bereits eine Grippe verursacht psychische Veränderungen. "Wir alle kennen das: Sind wir krank, ziehen wir uns zurück, werden introvertierter und empfindlicher", sagt Kasten. Wird das körpereigene Abwehrsystem hochgefahren, schüttet das Zentralnervensystem Neurotransmitter aus. Sie sorgen dafür, dass wir uns krank fühlen. "Jede Infektion verändert die Persönlichkeit, mal mehr, mal weniger", so der Psychologe. Die Aufmerksamkeit verändert sich, die Stimmung schwankt. Besonders belastet sei die Psyche bei schwer Erkrankten, etwa Krebs- oder HIV-Patienten. "Hier ist offensichtlich, wie die Psyche durch das organische Leiden beeinflusst wird."

So klar sind die körperlichen Auslöser jedoch nicht immer. Versteckte Mini-Entzündungen im Körper würden beispielsweise erst mal keine auffälligen Symptome verursachen. Längerfristig aber können sie unter anderem zu Kraftlosigkeit, Müdigkeit und Depressionen führen. Auch Hormone seien nicht selten Auslöser. "Man sollte aufmerksam werden, wenn 'eigentlich nichts ist', man sich aber ständig schlapp fühlt", sagt Kasten. Oft stecke eine körperliche Krankheit dahinter. Auch Ängstlichkeit ohne erkennbaren Grund sei ein Warnsignal - und ein mögliches Indiz für eine Allergie oder eine Schilddrüsenüberfunktion. Kasten rät: "Es schadet nicht, dem behandelnden Arzt zumindest einen Hinweis zu geben."

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