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Soziale Phobie: Wenn Telefonieren Ängste schürt

Von Dennis Grabowsky

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Zum Hörer greifen: Das fällt manchen Menschen extrem schwer

Kurz mal telefonieren, Termine machen beim Arzt oder Friseur - für die allermeisten Menschen ist das so normal wie atmen. Für manche aber ist es eine Horrorvorstellung - sie leiden an einer sozialen Phobie.

Ihre Hände sind feucht, als die Finger die Tasten auf dem Telefon suchen. Das Herz schlägt Claire (Name geändert) bis zum Hals, ihre Kehle schnürt sich zu. Wie soll so je ein vernünftiger Satz über ihre Lippen kommen?

Sie verwählt sich absichtlich. Die Kollegen bei der Zeitung sollen denken, sie versuche jemanden anzurufen, um für ihr Thema zu recherchieren. Aber das kann sie nicht. Später schreibt sie eine E-Mail, dass sie niemanden erreicht habe und es daher auf diesem Weg versuche. Überhaupt E-Mail: ein Segen, findet sie. Claire hat Angst vorm Telefonieren.

Probleme bereitet ihr vor allem das Anrufen. Das Gespräch mit engen Vertrauten ist dabei selten eine Hürde. Aber Anrufe beim Arzt und Friseur oder gar Vorgesetzten und Fremden geraten schon im Vorfeld zur Tortur. "Ich kann total schlecht fremde Leute anrufen", sagt Claire. "Meine Kommunikation läuft hauptsächlich schriftlich ab."

Als Journalistin beschert ihr das Probleme: "Mit der Energie und Vorbereitungszeit, die mich ein Telefonat kostet, hätte ich 20 Mails schreiben können." Hat sie nur eine Handynummer, bittet sie per SMS um Rückruf, denn das ist kein Problem. Ihr fällt weniger das Gespräch selbst schwer, sondern mehr das selbst Anrufen. Zudem hasst sie es, wenn jemand ihr beim Telefonieren zuhört.

Angst sich zu blamieren

Wie viele Menschen unter dem gleichen Problem leiden, ist nicht bekannt. Es existiert keine klinische Diagnose Telefonphobie, sagt Psychologin Sophie Bischoff von der Angstambulanz der Berliner Charité. "Es ist zu fragen: Welche Befürchtung steht dahinter? Dass man stottern, sich verhaspeln könnte und die Angerufenen dann schlecht von einem denken?" Ist das der Fall, sei die Angst als Form einer sozialen Phobie zu beschreiben. Auch andere Gründe können dahinter stecken, dass Menschen nicht zum Telefonhörer greifen mögen, etwa eine Depression.

Knapp drei Prozent der Deutschen haben eine soziale Phobie. Deutlich mehr dürften laut Bischoff unter Symptomen leiden, ohne als dringend behandlungsbedürftig zu gelten. So sei es wohl auch mit dem Telefonieren: "Es ist die Angst vor Situationen, in denen man gefühlt bewertet wird." Und die habe ja irgendwie jeder.

Claire hat vor und bei Telefonaten ein Gefühl wie in Prüfungen oder Vorträgen: "Es fühlt sich nach Entblößen an." Telefonieren sei ja sehr intim. "Es suggeriert eine Nähe, die aus meiner Sicht nicht gegeben ist." Sie hält es für eine ganz spezifische Unsicherheit, die auch im Zusammenhang stehe mit anderen Eigenschaften: nicht aufdringlich sein, sich nicht in der Vordergrund drängen wollen. "Wenn mich jemand anrempelt, entschuldige ich mich. Ich glaube, da besteht ein charakterlicher Zusammenhang."

Ausgeprägtes Vermeidungsverhalten

Das Verblüffende: Direkter Kontakt fällt Telefonphobikern in der Regel nicht schwer. Er ist ganz im Gegenteil sogar Teil ihrer Vermeidungsstrategie. Schreiben ist zwar oft die erste Wahl, aber wer Angst vorm Anrufen hat, geht lieber persönlich zum Arzt und macht vor Ort einen Termin aus. "Im direkten Kontakt habe ich ein Feedback", erklärt das die Psychologin Bischoff, "ich kann dem Gesprächspartner ansehen, wie er mich bewertet" - und drauf reagieren. Beim Telefonieren bleibt das hingegen völlig offen.

Vermeidungsstrategien bringen zwar kurzfristig Erleichterung, aber sie können die Angst auch festigen, weil man sich immer wieder vorm Telefonieren drückt. Es ist dann nicht die Phobie, die beeinträchtigt, sondern die Maßnahme dagegen. Im Rahmen der Selbstbehandlung lautet die Empfehlung von Bischoff daher: so häufig wie möglich telefonieren. "Pizza nicht im Internet bestellen, sondern am Telefon. Mal Freunde anrufen und fragen, wie es ihnen geht." Der Sinn hinter einer solchen Konfrontationsübung ist es herauszufinden, dass die Befürchtungen nicht eintreten.

In der Realität ist das eine enorme Herausforderung. Seit einem Jahr redet Claire zwar offener über ihre Angst. Aber das Unbehagen bleibt. Jeden Tag aufs Neue kostet das Telefonieren eine große Überwindung.

Ist die Angst vorm Telefonieren stark belastend, kann auch eventuell ein Psychotherapeut helfen. Gerade Angststörungen sind sehr gut behandelbar, manchmal reichen schon wenige Termine aus, um die Symptome spürbar zu lindern.

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1. Danke!
gooserio 25.05.2015
Mir geht es ganz genauso wie "Claire". Ich gehe immer direkt zur Versicherung, zum Fotografen, ins Rathaus usw. um einen Temrin auszumachen. Vor Menschen zu reden ist kein Problem, aber am Telefon... Es tut irgendwie gut zu wissen, das es auch andere Leute gibt, die das gleiche Problem haben. Denn es hört sich im Grunde so banal und dämlich an, dass man mit niemandem über soetwas reden möchte.
2.
forschung 25.05.2015
Angststörungen sind sehr weit verbreitet, aber nur die allerwenigsten leiden wirklich drunter. Ein "bisschen" Angst haben viele in Prüfungssituationen etc. Die Aufregung aber verhilft einigen auch zu Leistungen, die sonst nicht möglich gewesen wären. Letztendlich ist eine wirklich beeinträchtigende Angsproblematik dem (Ver-)Meidungsverhalten und daraus resultierenden Verstärkerkontingenz zuzulasten. Schwierig daran ist, dass viele, die bereits unter Angstproblematiken leiden, irgendwann feststellen, dass sich das ausweitet und das dann komplett aus dem Ruder laufen kann.
3.
01099 25.05.2015
Was soll's? Solange solche Menschen ohne große Einschränkungen leben und trotzdem Termine machen können und soziale Kontakte pflegen, ist das doch alles kein Problem. Es gab einmal eine Zeit, da existierten keine Telefone und keine Emails. Ging auch. Aber lieber schnell eine Krankheit entwerfen und den Menschen noch weiter schlechtes Gewissen machen, damit sie in die Praxen rennen und sich dort von mehr oder weniger fähigen Psychodoktoren kurieren zu lassen. Wer nicht telefonieren will, soll es lassen, wer Höhenangst hat, muss nicht auf den nächsten Kirchturm steigen und wer sich in großen Menschenmengen unwohl fühlt, kann sie meiden. Alles ganz normal und zum Spektrum menschlichen Daseins gehörend. Da muss nichts wegtherapiert werden, damit man schön konform mit der Masse gehen kann.
4.
weltgedanke 25.05.2015
Ich hatte das Problem auch, aber da ich ja Telefonieren konsequent vermieden habe, wusste ich davon nicht bzw. verstand die Tragweite nicht. Im Studium wollte ich dann meine Statistikkenntnisse vertiefen und gleichzeitig mein Einkommen etwas aufbessern und habe mich naiv auf die Anzeige eines Meinungsforschungsinstituts beworben. Ehe ich's mich versah, saß ich am Telefon und sollte Leute anrufen und Fragebögen abfragen. Das war damals noch ziemlich simpel, die Nummer wurde am Bildschirm angezeigt, ich musste selbst wählen, naja, und dann passierte halt irgendwas. Und da es wirklich nicht schlimm war, einen Anruf zu vergeigen oder zwei oder drei (es gab ja endlos neue Nummern, und es stand wirklich nichts auf dem Spiel), habe ich es halt gemacht. Am Anfang war immer Herzklopfen und Aufregung, es war unangenehm, aber zu meiner Überraschung habe ich nach zwei Stunden festgestellt, dass es überhaupt kein Problem mehr war, wildfremde Leute anzurufen wegen einer Sache, über die die meisten sogar ablehnend oder pampig werden. Es wurde automatisch, ich habe mich irgendwann sogar dabei ertappt, gar nicht mehr darüber nachzudenken, geschweige denn irgendein Gefühl außer Langeweile zu empfinden. Seitdem ist es kein Problem mehr, ich betrachte mich als geheilt, kläre fröhlich all meine Anliegen per Telefon, und bin sehr dankbar, das jetzt zu können.
5.
zlep 25.05.2015
Ich denke, daran leide ich auch, allerdings in abgeschwächter Form. Im Beruf greife ich durchaus zum Hörer, allerdings immer mit einem unguten Gefühl. Privat vermeide ich das Telefonieren so gut wie es geht. Termine mache ich tatsächlich ausschließlich persönlich.
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