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Behandlung von Spielsucht: "Die Patienten müssen das Geldmanagement neu lernen"

Von Interview von

Wie merkt man, dass man spielsüchtig ist? Und wie kann man sich behandeln lassen? Der Psychotherapeut Reto Cina erklärt, was Glücksspielsüchtige in einer Klinik erwartet - und wie Angehörige bei der Therapie helfen können.

Roulette: "Ähnlich wie bei Alkohol kann man bei der Spielsucht von einem Suchtgedächtnis ausgehen" Zur Großansicht
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Roulette: "Ähnlich wie bei Alkohol kann man bei der Spielsucht von einem Suchtgedächtnis ausgehen"

ZUR PERSON
Reto Cina ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 2005 arbeitet er an der Salus Klinik für Psychosomatik und Sucht in Lindow, seit 2013 als leitender Arzt.
SPIEGEL ONLINE: Woran merkt jemand, dass er spielsüchtig ist?

Cina: Spieler berichten, dass sie ihr Spiel nicht mehr kontrollieren können. Sie spielen häufiger, machen immer schnellere Spiele, machen höhere Einsätze, brechen ihren Vorsatz, nicht mehr zu spielen oder längere Spielpausen zu machen und ihre Gedanken kreisen ständig ums Spielen. Die Welt außerhalb der Spielhalle wird langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Glücksspielsüchtige behandelt?

Cina: Wichtig ist eine individualisierte, auf die Fähigkeiten und Probleme zugeschnittene Therapie, damit Betroffene den Weg zurück ins Leben finden. Dabei können der Sport oder musische Begabungen eine wichtige Rolle spielen. Die Betroffenen merken, dass auch das langfristig Glücksgefühle produzieren kann. Eingebettet ist das Ganze in Gruppen- und Einzelpsychotherapie. Die Patienten müssen zudem das Geldmanagement neu lernen. Deshalb bekommen sie pro Woche 30 Euro Taschengeld, was bewusst knapp kalkuliert ist, damit sie den Wert eines Euros wieder richtig einschätzen lernen.

Krankhaftes Glücksspiel
Das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen (DSM-IV) definiert pathologisches Glücksspiel als andauerndes und wiederkehrendes, fehlangepasstes Spielverhalten, was sich in mindestens fünf der folgenden Merkmale ausdrückt (treffen nur drei bis vier Merkmale zu, handelt es sich um problematisches Spielverhalten):

1. Starke Eingenommenheit vom Glücksspiel (z.B. starke gedankliche Beschäftigung mit Geldbeschaffung)
2. Steigerung der Einsätze, um gewünschte Erregung zu erreichen
3. Wiederholte erfolglose Versuche, das Spiel zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben
4. Unruhe und Gereiztheit beim Versuch, das Spiel einzuschränken oder aufzugeben
5. Spielen, um Problemen oder negativen Stimmungen zu entkommen
6. Wiederaufnahme des Glücksspiels nach Geldverlusten
7. Lügen gegenüber Dritten, um das Ausmaß der Spielproblematik zu vertuschen
8. Illegale Handlungen zur Finanzierung des Spielens
9. Gefährdung oder Verlust wichtiger Beziehungen, von Arbeitsplatz und Zukunftschancen
10. Hoffnung auf Bereitstellung von Geld durch Dritte
SPIEGEL ONLINE: Was erwartet den Glücksspielsüchtigen in einer spezialisierten Klinik?

Cina: In einer stationären Einrichtung lebt der Spieler fünf bis zwölf Wochen außerhalb seines gewohnten Spielerumfeldes. Das gibt ihm die nötige Distanz, sich mit seinen Problemen und Fähigkeiten auseinanderzusetzen. Es gibt spezialisierte Gruppentherapien, Einzelgespräche und den kostbaren Austausch mit anderen Betroffenen. Eine Klinik bietet natürlich auch eine auf pathologisches Glücksspiel spezialisierte Infrastruktur mit entsprechend geschulten Sozialarbeitern, Ärzten, Psychologen, Ergo-, Sport-, Physiotherapeuten. Pathologisches Glücksspiel (siehe Kasten) geht zudem oft mit anderen Erkrankungen wie Depressionen und Alkoholsucht einher, die in spezialisierten Kliniken mit behandelt werden. Beratungsstellen leisten hervorragende Arbeit, haben aber manchmal kein Personal, das auf Glücksspiel spezialisiert ist. Ein Spieler hat aber andere Bedürfnisse als ein Alkoholiker.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Erfolgsrate?

Cina: Sie beträgt in spezialisierten Kliniken ein Jahr nach der Entlassung der Patienten etwa 40 Prozent. Pathologisches Glücksspiel ist damit eine schwere und oft chronische Erkrankung.

SPIEGEL ONLINE: Was verursacht einen Rückfall?

Cina: Ähnlich wie bei Alkohol oder anderen stoffgebundenen Süchten kann man bei der Spielsucht von einem Suchtgedächtnis ausgehen. Dabei können bestimmte Reize, wie das Klimpern von Münzen oder Werbeschilder, eine Art Sog zum Glücksspiel hin ausüben, der gepaart mit Stress oder schwankender Motivation, spielfrei zu bleiben, zu Rückfällen führen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was können Betroffene tun, um einen Rückfall zu erschweren?

Cina: Wir machen mit unseren Patienten ein individuelles Notfallprogramm aus, sprechen mit ihnen darüber, wie sie die Reißleine ziehen können, wie sie Gefahrensituationen meiden oder aushalten können, wie sie frühe Anzeichen eines drohenden Rückfalls feststellen und gegensteuern können. Für Rückfallsituationen bekommt jeder eine Notfallkarte mit der Telefonnummer eines Ansprechpartners oder einem speziellen Vermerk wie "denk an deinen Sohn" - je nachdem, was für sie im Notfall am besten greift. Es gibt viele Glücksspieler, die es nach mehreren Rückfällen doch noch geschafft haben, von der Sucht wegzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Was können Angehörige tun, um den Betroffenen zu helfen? Ist es ratsam, die Schulden zu begleichen?

Cina: Angehörige sollten keine Vorwürfe machen, aber die Schuldenbegleichung unbedingt an Bedingungen koppeln, da bloße Versprechen oft leere Worte bleiben. Wichtig ist auch, dass die Angehörigen sich selbst bei der ganzen Sache nicht vergessen. Es gibt Grenzen für ihre Hilfsbereitschaft.

Hilfe für Spielsüchtige
Für Glücksspielsüchtige gibt es Selbsthilfegruppen ( Anonyme Spieler ), ambulante Beratung und Rehabilitation, stationäre Behandlungseinrichtungen bis hin zu Telefon-Hotlines und internetbasierten Hilfen, wie etwa bei der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern.

Wenn Sie an Glücksspielen teilnehmen und sich fragen, ob Ihr Umgang damit angemessen ist, können Sie bei Check Dein Spiel, einem Informationsangebot der BZgA, an einem interaktiven Selbsttest teilnehmen.

BZgA-Beratungstelefon zur Glücksspielsucht (kostenlos und anonym):
0800 - 1 37 27 00

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Selbsttest - bin ich spielsüchtig?
franziskamariasteiner 20.08.2015
Aus einem Gewinn wird schnell eine Sucht, so die Experten. Viele Spielsüchte beginnen mit einem Gewinn und enden im finanziellen Ruin und mit dem Verlust von Familie, Freunden und zum Teil sogar der eigenen Existenz. Die Spielsucht stellt eine große Gefahr für die Spieler dar und muss deshalb von Betreibern, Spielern und dem Staat ernst genommen werden. Die Spielautomaten werden als Glücksspielgerte mit größtem Suchtpotential ausgezeichnet. https://www.onlinecasinotest.com/gesundheit/selbsttest_bin_ich_spielsuechtig_4358.php
2. spielhallen solte mann verbieten!
alisamizeid 22.08.2015
Ich als spielsüchtiger wünsch mir das,ich hätte jetzt mindestens ein haus verspielt
3. Schuldzuweisung
gamestopp 07.10.2015
Jeder Spielsüchtige tut mir wirklich leid aber gebt bitte Casinos oder anderen Automatenvertreibern nicht die Schuld daran. MC DONALDS ist auch nicht schuld daran das es soviel dicke ungesunde Menschen gibt! Die anfälligkeit zur Sucht liegt wo anders ganz individuell und klar wird mit menschlichen Schwächen Geld verdient das wird auch immer so bleiben!
4. Schuldzuweisung spielsucht
gamestopp 07.10.2015
Es ist wirklich schlimm diese Spielsucht und es werden jeden Tag mehr Menschen süchtig! Gauselmann wirbt mit dem Slogan das Spiel fürs kleine Geld??!?? Nun ja wer nicht viel hat kann schneller ALLES verlieren, nicht wahr Herr Gauselmann??? Ich gebe keinem Casino oder Automatenaufsteller die Schuld an Spielsüchtigen, MC Donalds ist auch nicht schuld an dicken Menschen oder Radeberger an Alkohol kranken! Aber diese Werbung mit von wegen fürs kleine Geld naja das kann man sich sparen, denn wer hat denn das große Geld vom kleinen Mann!?Liebe Spieler DIE BANK GEWINNT IMMER aber ihr verliert nicht nur Geld sondern etwas viel wichtigeres erst den Job weil ihr keine Zeit mehr habt zu erscheinen dann Freunde weil ihr eure Schulden nicht zurück zahlt und dann die Familie weil sie lügen und den leeren Kühlschrank nicht mehr ertragen und sich sowieso bald eine neue Wohnung suchen müssen weil die Räumungsklage ansteht und zu guter Letzt verliert ihr euer Gesicht vor euch selbst!!! Lasst euch helfen bitte ich sehe jeden Tag die selben Leute in der spielo und weiß schon welches Getränk ich vorbereiten kann! Das macht mich echt traurig aber helfen kann ich nicht denn laut euch habt ihr nie ein Problem sondern wollt nur abschalten und dabei seit ihr nach Stunden viel unentspannter als ihr rein kamt! Finger weg vom Spielen!!!
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

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Glücksspiel
Glücksspielmonopol
In Deutschland hat der Staat das Monopol auf Glücksspiel. Per Glücksspielstaatsvertrag ist geregelt, wie Lotto, Sportwetten und Spielbanken bundesweit organisiert sind. Automatenspiel in Spielhallen und Gaststätten fällt aber nicht darunter. 2008 verpflichteten sich die Bundesländer im Staatsvertrag auch, Glücksspielsucht zu erforschen und zu bekämpfen. Vorausgegangen war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das damit einen jahrzehntelangen Missstand beendete. Das staatliche Glücksspielmonopol, so die Verfassungsrichter, sei nur haltbar, wenn zugleich eine staatliche Suchtprävention stattfindet.
Glücksspielmarkt
30 Milliarden Euro werden jährlich mit Glücksspiel umgesetzt. Etwa drei bis vier Milliarden Euro nimmt der Staat ein, die Automatenbranche etwa genauso viel. Über Umsatz- und Gewerbesteuer verdient aber auch der Staat mit 1,2 Milliarden Euro jährlich an den Automaten.
Geldspielautomaten
Sie sind vom staatlichen Glücksspielmonopol ausgeschlossen, obwohl sie das höchste Suchtpotential besitzen. Automaten unterliegen der Gewerbeordnung und der Spielverordnung. 236.000 gibt es, 50.000 stehen in Gaststätten, Flughäfen, Tankstellen und Einkaufszentren. Der größte Hersteller ist die Gauselmann Gruppe (Merkur). Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), wollte Geldspielautomaten in Gaststätten verbieten, wurde aber von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und FDP-Chef Philipp Rösler ausgebremst.
Online-Glücksspiele
Sie boomen stark und sind vor allem bei Minderjährigen beliebt. Per Glücksspielstaatsvertrag sind sie generell verboten. Doch Firmen wie der österreichische Wettanbieter bwin.de bedienen einfach von Gibraltar aus den Hauptkundenstamm in Deutschland.
Spielerschutz
In den staatlich konzessionierten Spielbanken gibt es Ausweiskontrollen am Eingang und Sperrkarteien, über die sich Süchtige für alle staatlich regulierten Glücksspiele und Spielbanken entweder selbst sperren oder von Angehörigen sperren lassen können. Die Spielbank ist zudem verpflichtet, auffällige Spieler anzusprechen und deren Suchtgefährdung zu prüfen. Manche Länder haben auch Gesetze für die nicht staatlich konzessionierten Spielhallen eingeführt oder erarbeiten sie gerade, um auch dort Süchtige vom Spielen abzuhalten. Wie effektiv das ist, ist fraglich, denn Gaststätten werden nicht mit erfasst und schon die Jugendschutzbestimmungen werden in vielen Spielhallen und Gaststätten nicht eingehalten.
Jugendschutz
Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sind alle Glücksspiele verboten – auch Rubbellose und Geldspielautomaten. Spielbanken und Spielhallen dürfen sie nicht betreten. Viele Gaststätten- und Spielhallenbesitzer halten den Jugendschutz aber nicht ein. Und bei Online-Glücksspielen ist der Jugendschutz leicht zu umgehen.


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