Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sterbehilfe: Viele Palliativmediziner sind gegen Beihilfe zum Suizid

Zu wenig Angebote in der Sterbebegleitung: Angehörige von Palliativmedizin und -pflege fordern Verbesserung Zur Großansicht
DPA

Zu wenig Angebote in der Sterbebegleitung: Angehörige von Palliativmedizin und -pflege fordern Verbesserung

Soll ein Arzt einem Patienten aktiv beim Sterben helfen dürfen? Die meisten Palliativmediziner sagen einer aktuellen Umfrage zufolge Nein. Wichtiger sei eine bessere Sterbebegleitung und ein flächendeckendes Hospizangebot.

Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland strafbar, Beihilfe zum Suizid kann für Mediziner berufsrechtliche Konsequenzen haben. Soll es dabei bleiben? Am Mittwoch wird im Bundestag erneut über die Regelung der Sterbebegleitung in Deutschland diskutiert.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) hat jetzt Nachbesserungen bei dem geplanten Palliativ- und Hospizgesetz gefordert. Der Entwurf führe bislang lediglich zu mehr Graubereichen und Unsicherheiten über eine aktive Sterbehilfe bei Ärzten und Pflegepersonal, so die Kritik.

"Eine Normalisierung des ärztlich assistierten Suizids wäre ebenso der falsche Weg, wie dessen strafrechtliches Verbot", sagte DGP-Präsident Lukas Radbruch am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin. Eine aktuelle Umfrage unter den DPG-Mitgliedern hat ergeben, dass nur gut 20 Prozent aller Befragten für eine strafrechtliche Änderung sind. Die meisten fordern vielmehr bessere Hospiz- und Palliativangebote, die sich am Bedarf der Betroffenen orientiert.

Mit 56 Prozent spricht sich eine Mehrheit der in der DGP-Umfrage befragten Mediziner für ein Verbot des ärztlich assistierten Suizids aus. Die übrigen positionieren sich entweder gegen ein Verbot (14 Prozent), sind unentschieden (9 Prozent) oder möchten keine Angaben machen (21 Prozent).

Eine Koalitionsgruppe um Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) und die SPD-Politiker Karl Lauterbach und Carola Reimann will mit ihrem Gesetzentwurf den ärztlich begleiteten Suizid für schwerst leidende, sterbende Menschen möglich machen.

Angebote für Schwerkranke verbessern

An der anonymen Onlinebefragung der DPG nahmen 1863 Mitglieder teil - darunter Ärzte, Pflegende und Vertreter weiterer Berufsgruppen aus der Palliativpflege. Von den 800 befragten Medizinern gaben drei Viertel an, in den vergangenen fünf Jahren von durchschnittlich jeweils zehn Patienten um Sterbehilfe gebeten worden zu sein. Nur 28 von ihnen aber hatten demnach im Laufe ihrer gesamten Tätigkeit tatsächlich Beihilfe zum Suizid geleistet. Diese Beihilfe gestaltete sich den Angaben zufolge sehr unterschiedlich - von der Beratung über mögliche Angebote bis hin zur Bereitstellung von tödlichen Substanzen.

Was den Teilnehmern der Umfrage wichtig war: Schwerkranke Menschen, die den Wunsch nach Suizidhilfe äußern, wünschten sich meist gar nicht den sofortigen Tod. Oftmals ginge es vielmehr um eine Verbesserung oder das Ende ihrer unerträglichen Situation. Die Angehörigen der Palliativmedizin und -pflege fordern daher vor allem eine Verbesserung der bestehenden Einrichtungen und Möglichkeiten: "Bei einem flächendeckenden, bedarfsgerechten palliativmedizinischen Angebot", so Radbruch, "würden weniger Menschen den Wunsch nach ärztlicher Hilfe bei der Selbsttötung äußern". Besonders auf dem Land und in dünn besiedelten Regionen sei eine umfassende Sterbebegleitung von schwer kranken Menschen oftmals nicht möglich.

Auch müsse das Personal besser geschult werden, sagte DGP-Vizepräsidentin Maria Wasner. Und: "Schwerstkranke und sterbende Menschen brauchen nicht nur auf den Palliativstationen, sondern auch auf den Allgemeinstationen eines Krankenhauses oder in Alten- und Pflegeheimen kompetente palliativmedizinische Versorgung und Begleitung durch ein multiprofessionelles Team."


khü/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
mam71 22.09.2015
Jedenfalls sollten sich alle einig sein, dass das eine nicht das andere verhindern darf. Also nach dem Motto: Sparen wir uns Hospize indem wir das zeitige Ableben (be)fördern.
2. scheinheilig
dr.fossie 22.09.2015
Klar, wenn es keine Palliativ-Patienten gibt, gibt's nichts mehr zu verdienen...Oh diese Scheinheiligkeit!
3. Es ist ein anhaltender Skandal,
st_ivo 22.09.2015
... wie die Mediziner-Kaste hier einmal mehr das Selbstbestimmungsrecht und die Menschenwürde der Patienten mit Füßen tritt und sich die Entscheidungshoheit über existentielle Fragen anderer Menschen anmaßen will. Der Staat ist aufgefordert, dafür zu sorgen, dass es Orte gibt, wo Todkranke zu dem Zeitpunkt und in derWeise sterben können, in der sie selbst sich das wünschen.
4.
carlitom 22.09.2015
Nett. Aber der Palliativmediziner steht wie jeder andere AUSSEN. Nett, wenn er es ertragen kann, anderen beim - häufig quälend langen - Sterbeprozess zuzusehen, sie zu begleiten. Alles schön und gut. Aber entscheidend müsste allein sein, was der Patient will. Jeder Mensch hat eine andere Schwelle des Erträglichen. Nur das ist wichtig. Der Patient ist der Einzige, der beurteilen und entscheiden kann, wann Schluss sein soll. Alles andere ist absurd und überheblich.
5. Straffrei
juergen.zenger 22.09.2015
Ich bin dankbar für jeden Palliativmediziner der seine Patienten bis zu deren Tod fachkundig begleitet, sofern es der Patient wünscht. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland straffrei. Findet ein todkranker Mensch einen Arzt der diese Beihilfe leisten will, ist dessen Entscheidung aufgrund der Gesetzeslage von allen zu akzeptieren. Auch von Palliativmedizinern. Wir brauchen kein neues Gesetz, sondern eine Beschränkung der Befugnisse von Ärztekammern, die Mitgliedern die Zulassung entziehen können obwohl diese keine Gesetze brechen. Das ist das Problem und nicht die wenigen Menschen die die Beihilfe zum Suizid in Anspruch nehmen möchten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:


Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.
Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland
Indirekte aktive Sterbehilfe
Beim Thema Sterbehilfe wird generell zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie Beihilfe zur Selbsttötung unterschieden. Eine direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, ist auch auf Verlangen strafbar. Erlaubt ist allerdings eine indirekte aktive Sterbehilfe: etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Passive Sterbehilfe
Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das "Zulassen des natürlichen Sterbens": Hierbei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Auch eine Sterbebegleitung in Form von Beistand, Seelsorge und schmerzstillender Palliativmedizin gilt als passive Sterbehilfe.
Patientenwille
Wichtig ist es, bei der passiven wie auch der indirekten aktiven Sterbehilfe, den Willen des Patienten zu kennen. Denn - vereinfacht gesagt - ist hier fast alles erlaubt, wenn es dem Willen des Patienten dient. Umgekehrt kann das passive Sterbenlassen eines Hundertjährigen eine Tötung sein, wenn dieser leben will.
Patientenverfügungen
Die neue gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung (Drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts) wurde im Juni 2009 nach sechsjähriger Debatte vom Bundestag verabschiedet. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Das heißt, dass die Verfügung auch befolgt werden muss, wenn der Kranke noch nicht die Sterbephase erreicht hat. Fordert der Patient die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen, muss der Arzt dies umsetzen.
Beihilfe zum Suizid
Problematisch wird es bei der Beihilfe zur Selbsttötung. Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Da somit in Deutschland eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, wenn sie vor der Tötung stattfindet - also ein Helfer dem Sterbewilligen etwa ein Glas mit Gift hinstellt, das dieser dann selbstständig austrinkt.

Im Gegensatz zum Strafrecht verbietet das Standesrecht den Ärzten in Deutschland jedoch die Beihilfe zum Suizid. So dürfen die dafür geeigneten Wirkstoffe für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb unter Umständen um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Bundesärztekammer hatte außerdem bereits vor einiger Zeit erklärt, dass es sich bei einem ärztlich assistierten Suizid aus ihrer Sicht um Tötung auf Verlangen handele. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet (Paragraf 216, StGB).

Sterbehilfe in anderen Ländern
Niederlande und Belgien
Die Niederlande waren das erste Land weltweit, das "aktive Sterbehilfe" erlaubt. Seit April 2002 dürfen Ärzte dort einem Schwerkranken eine tödliche Spritze verabreichen, wenn der Patient im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist und es wünscht. Ein Kontrollausschuss aus einem Arzt, einem Juristen und Ethikexperten muss der Sterbehilfe zustimmen. Wenige Monate später folgte Belgien dem Beispiel mit einem ähnlichen Gesetz.

Schweiz
Die Schweiz hat eine vergleichsweise liberale Gesetzgebung. Der Staat nimmt die Beihilfe zur Selbsttötung hin, sie ist aber nicht ausdrücklich erlaubt. Laut Gesetz ist es strafbar, jemandem "aus selbstsüchtigen Beweggründen" beim Suizid zu helfen - solange dem Helfer aber kein selbstsüchtiger Beweggrund vorzuwerfen ist, wird er nicht bestraft. Mediziner dürfen einem unheilbar Kranken eine tödliche Dosis eines Medikamentes besorgen, die er dann selbst einnehmen muss.

Frankreich
In Frankreich dürfen die Ärzte einen unheilbar kranken Patienten "sterben lassen", sein Leben aber nicht aktiv beenden. Das heißt, der Patient darf auf eigenen Wunsch schmerzstillende Mittel bekommen, auch wenn sein Tod durch die Medikamente möglicherweise beschleunigt wird. Die Ärzte dürfen auch lebensverlängernde Maßnahmen - wie künstliche Beatmung - einstellen.

Großbritannien, Schweden, Norwegen
Auch in Großbritannien dürfen Ärzte einem Schwerkranken hohe Dosen an Schmerzmitteln verabreichen, selbst wenn sie damit in Kauf nehmen, dass der Patient schneller stirbt. In Schweden und Norwegen ist es unter bestimmten Bedingungen möglich, lebensverlängernde Behandlungen einzustellen.

Griechenland, Polen
In Griechenland, wo die orthodoxe Kirche sehr stark ist, gilt Sterbehilfe als Beleidigung Gottes und ist streng verboten. Auch das katholische Polen hat Sterbehilfe unter Strafe gestellt - wer gegen das Gesetz verstößt, nimmt bis zu fünf Jahre Gefängnis in Kauf.

Quelle: AFP

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: