Schlechte Prävention Alte Menschen sind besonders suizidgefährdet

Einsam und krank - mit dem Alter steigt das Risiko, dass sich ein Mensch das Leben nimmt. Patientenschützer fordern, die Hilfe für Senioren zu verbessern. Suizidgefährdete sind bis ins hohe Alter behandelbar.

Zusammenhalt: Angehörige können alte Menschen vor der Isolation schützen
DPA

Zusammenhalt: Angehörige können alte Menschen vor der Isolation schützen


Berlin - Experten warnen vor einer besorgniserregenden Zunahme von Selbsttötungen alter Menschen. Durch den demografischen Wandel werde die Gesellschaft mit immer mehr suizidgefährdeten alten Menschen konfrontiert.

Dieser Entwicklung müsse sich Deutschland "verantwortungsvoll" stellen, forderten das Nationale Suizidpräventionsprogramm und die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention am Mittwoch in Berlin. Entgegen anderslautender Meinungen könne Suzidgefährdung auch im hohen Alter erfolgreich behandelt werden.

Laut Statistischem Bundesamt nahmen sich 2013 rund 10.000 Menschen in Deutschland das Leben. Insgesamt ist die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland zwar ist seit den Achtzigerjahren zurückgegangen, seit 2007 steigt sie aber wieder an. Männer begehen deutlich häufiger Suizid als Frauen, auch mit dem Alter nimmt das Risiko zu.

Während sich bei den 20- bis 25-Jährigen etwa neun von 100.000 Menschen das Leben nehmen, sind es bei den 50- bis 55-Jährigen etwa 17,5. Bis zum Alter von 75- bis 80-Jährigen steigt die Rate auf etwa 25 an; bei Menschen ab einem Alter von 90 Jahren kommt es laut den Zahlen zu mehr als 40 Selbsttötungen pro 100.000.

Psychotherapie im letzten Lebensabschnitt

Da der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung zunehme, sei zu erwarten, dass auch die Zahl der Selbsttötungen weiter steige, "wenn nicht gegengesteuert wird", sagte Reinhard Lindner vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm am Mittwoch in Berlin.

Der von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) geplante Ausbau der Betreuung und Begleitung sterbender Menschen in der Hospiz- und Palliativmedizin reiche nicht aus, kritisiert Lindner. Nötig sei ebenso eine Suizidprävention im Alter. Eine optimale Behandlung alter Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt schließe psychotherapeutische Betreuung zwingend mit ein.

Das Risiko, sich selbst zu töten, steigt laut Lindner, wenn psychische oder körperliche Erkrankungen, insbesondere Depressionen, Demenz oder Schmerzen die Bewegungsfreiheit der Menschen und damit die sozialen Kontakte mehr und mehr einschränkten. Auch Angehörige oder Freunde könnten diese Menschen dann vor Rückzug, Isolation und Vereinsamung schützen.

Nach Darstellung der Deutschen Stiftung Patientenschutz leiden 1,2 Millionen Menschen an Depressionen. Nur sechs Prozent erhielten psychotherapeutische Hilfe, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Er verlangte von der Bundesregierung ein "Aktionsprogramm Suizidprophylaxe 60plus".


Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

irb/dpa



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