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Wirtschaftskrise: Suizidrate in Griechenland deutlich gestiegen

Seit Mitte 2011 nehmen sich in Griechenland deutlich mehr Menschen das Leben als in den Jahren zuvor. Forscher vermuten einen Zusammenhang mit den harten Sparprogrammen im Land.

Hat die Wirtschaftskrise in Griechenland Menschen in den Tod getrieben? Eine aktuelle Studie versucht, diese Frage zu beantworten. Wie die Forscher im Fachblatt "BMJ Open" berichten, ist die Suizidrate in Griechenland im Juni 2011 um rund 36 Prozent angestiegen und seitdem nicht wieder gesunken - das entspricht etwa elf Selbsttötungen im Monat. Damals hatte die Regierung ein Sparpaket verabschiedet, begleitet von heftigen Protesten.

Eine internationale Untersuchung hat 2013 bereits nahegelegt, dass infolge der Finanzkrise die Suizidraten in einigen Ländern gestiegen sind. Allerdings konnten die Forscher damals nur Jahresdaten auswerten - was als zu ungenau kritisiert wurde.

Die aktuelle Studie beruht nun auf monatlichen Daten aus den Jahren 1983 bis 2012. Sie zeigt auch 2008 ein erstes Ansteigen der Suizidraten, damals hat die griechische Finanzkrise begonnen.

Der Werther-Effekt

Des Weiteren gab es im Sommer 2012 eine kurzzeitige starke Zunahme von Suiziden, nachdem sich ein Rentner in Athen in der Öffentlichkeit selbst getötet hatte und viele Medien ausführlich darüber berichtet hatten. Der Mann hatte in einem Abschiedsbrief Finanznöte als Grund seines Suizids genannt. An dieser Stelle untermauert die aktuelle Studie des Teams um Charles Branas von der University of Pennsylvania (Philadelphia, USA) erneut, was in der Psychologie als Werther-Effekt bekannt ist: Detaillierte Medienberichte über eine Selbsttötung können Suizidgefährdeten den Anstoß liefern, sich ebenfalls das Leben zu nehmen. Allein im Juni 2012 nahmen sich 62 Menschen in Griechenland das Leben. Zum Vergleich: Die Monate mit den wenigsten Suiziden während des Studienzeitraums waren der Februar 1983 und der November 1999 mit je 14 Selbsttötungen.

Insgesamt haben in den untersuchten 30 Jahren 11.505 Menschen in Griechenland Suizid begangen, etwa drei Viertel davon Männer. Griechenland hat offiziell eine der niedrigsten Suizidraten der Welt. Dies liegt nach Angaben der Wissenschaftler zum Teil daran, dass einige Selbsttötungen als Unfall dokumentiert werden - unter anderem aus religiösen Gründen. Die Forscher untersuchten daher zusätzlich Todesfälle mit Ursachen wie Vergiftungen und Ertrinken, die als Unfall klassifiziert wurden und möglicherweise vertuschte Suizide waren - deshalb werteten sie rund 6500 Fälle mehr aus. Auch wenn sie diese mit einbezogen, blieb das Bild gleich: Weiterhin gab es 2008 und 2011 Anstiege der Suizidrate sowie besonders viele Fälle in 2012.

Natürlich belegt die Gleichzeitigkeit von Sparmaßnahmen und steigenden Suizidraten nicht, dass beides ursächlich zusammenhängt. Es könnten zum Beispiel auch andere Ereignisse für die gestiegenen Suizidraten verantwortlich sein.

Allerdings führte die Wirtschaftskrise in Griechenland nicht nur dazu, dass viele Menschen ihren Job verloren oder aufgrund von Rentenkürzungen um ihre finanzielle Zukunft fürchteten. Die Kürzungen im Gesundheitswesen machten es Betroffenen vermutlich zusätzlich schwerer, im Notfall professionelle Hilfe zu finden.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

wbr

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