Kriminalitätsopfer Nach dem Einbruch bleibt die Angst

Schlafstörungen, Angstzustände, Kopfschmerz: Wenn bei Menschen eingebrochen wird, sind die psychischen Folgen manchmal schlimmer als die materiellen. Ein Einbruchsopfer erzählt, wie die Erfahrung auch noch Jahre später das Verhalten beeinflusst.

Einfach Zutritt verschafft: "Einbrecher dringen in die Intimsphäre der Opfer ein"
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Einfach Zutritt verschafft: "Einbrecher dringen in die Intimsphäre der Opfer ein"


Frankfurt - Als sie die Tür oben im zweiten Stock öffnet, wirkt Brigitte H. erleichtert. "Normalerweise ist unten abgeschlossen", sagt sie. Wenn sie nicht über die Gegensprechanlage prüft, wer das Bürogebäude betritt, ist der 59-Jährigen mulmig zumute. Dafür gibt es einen Grund. Bei Brigitte H. wurde einmal daheim eingebrochen. Das liegt schon 18 Jahre zurück. Eine Folge aber spüre sie noch immer: ihre extreme Vorsicht. Am "Tag der Kriminalitätsopfer" am 22. März erinnert die Hilfsorganisation Weißer Ring an Menschen, die Opfer geworden sind - ob von direkter Gewalt oder durch einen Einbruch.

"Einbrecher dringen in die Intimsphäre der Opfer ein", sagt der hessische Landesvorsitzende des Vereins, Horst Cerny. Angst-, Schlaf- oder Essstörungen, Magen-, Rücken- und Kopfschmerzen könnten die Folgen sein. Laut einer Studie aus den neunziger Jahren hätten etwa 30 bis 60 Prozent Einbruchsopfer Angst. Bis zu 40 Prozent litten unter Schlafstörungen. Etwa jedes zehnte Opfer müsse mit einer posttraumatischen Belastungsstörung auskommen, sagt der ehemalige Kriminalist Cerny.

Auch Brigitte H. hat der Einbruch verstört. Die Erfahrung, dass jemand Fremdes in ihrem Zuhause herumgewühlt hat - "das ist nicht raus aus meinem Leben". Wenn sie vom Einbruch erzählt, blickt sie auf den Tisch anstatt wie sonst offen geradeaus.

Das Kissen wurde zum Sack für Diebesgut

Als sie damals von der Arbeit kam, war ihr Frankfurter Wohnhaus hell erleuchtet. Sie sah Behördenpapiere auf dem Tisch. Da habe sie gewusst, dass eingebrochen worden war.

Zwei oder drei Männer sollen es gewesen sein, habe die Polizei vermutet. Sie hatten die Terrassentür aufgestemmt und die teure Kameraausrüstung, Bargeld und hochwertige Lederjacken gestohlen. Damals, im ersten Moment des Schocks, konnte sie nur eines beruhigen: dass ihr Mann die Einbrecher aufgescheucht hatte, bevor er das Haus betrat und ihnen begegnen konnte. Er warf etwas in die Mülltonne vor dem Haus, das machte Lärm.

Auf dem Fußboden im Schlafzimmer fand Brigitte H. die Knöpfe von ihrem Kopfkissenbezug. Worauf sie noch die Nacht zuvor geschlafen hatte, diente nun als Sack für Diebesgut: aufgerissen und mitgenommen. Die Bettwäsche, die Unterwäsche: Alles, was direkt auf der Haut liegt, hat Brigitte H. erst einmal gewaschen. "Wo die ihre dreckigen Finger überall drin hatten...", sagt sie und zieht die Schultern vor Ekel zusammen.

Eine Reaktion, die Brigitta Bopp, Beauftragte für Opferschutz bei der hessischen Polizei, gut kennt: "In der Regel sind Einbruchsopfer stark beeinträchtigt, je nachdem was die Täter alles angefasst haben", sagt sie. "Aber wenn sie die Täter wieder rauswischen können, geht es oft wieder." Schwieriger sei es, wenn die Opfer alleine leben.

Nach dem Einbruch, erzählt Brigitte H., musste ihr Mann beruflich verreisen. Da sei sie fast verrückt geworden. Sie konnte nicht mehr einschlafen. Die sonst ausgeblendeten Holzgeräusche und die Vorstellung, dass jemand im Haus ist, hielten sie wach.

"Nicht von der Angst überrollen lassen"

Heute gehe sie in ihrem Wohnhaus zuerst in den ersten Stock und gucke aus dem Fenster, wenn unerwartet jemand klingelt. Wenn sie im Dunkeln ausgeht, habe sie immer alle Rollläden geschlossen. "Das gibt mir zusätzlich das Gefühl, dass niemand ins Haus kann", sagt Brigitte H.. Zusätzlich zu den Metallstangen innen an den Fenstern. Und zu dem feuerverzinkten Zaun, den ihr Mann um das Grundstück gezogen hat, zweieinhalb Meter hoch. Das war seine Reaktion, statt Reden. Brigitte H. hat viele über ihre Ängste gesprochen. Ihre Familie und Freunde hatten Verständnis, sagt sie.

Vielleicht hat genau das Brigitte H. davor bewahrt, in ihren Ängsten stecken zu bleiben. "Etwa die Hälfte der Einbruchsopfer erholen sich bald nach dem ersten Schock, wenn sie von der Familie aufgefangen werden", sagt Günther Deegener, Diplom-Psychologe und Autor des Buchs "Psychische Folgeschäden nach Wohnungseinbruch". Ob jemand langfristig verängstigt ist oder gar an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, hänge auch von der Persönlichkeit ab.

Brigitte H. sagt, sie habe ein optimistisches Naturell. "Ich bin extrem sensibel, was die Sicherheit betrifft", sagt sie. "Aber ich darf mich nicht von der Angst überrollen lassen."

wbr/dpa



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Seite 1
mmueller60 21.03.2014
1.
Zitat von sysopDPASchlafstörungen, Angstzustände, Kopfschmerz: Wenn bei Menschen eingebrochen wird, sind die psychischen Folgen manchmal schlimmer als die materiellen. Ein Einbruchsopfer erzählt, wie die Erfahrung auch noch Jahre später das Verhalten beeinflusst. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/tag-der-kriminalitaetsopfer-nach-dem-einbruch-bleibt-die-angst-a-959993.html
Das dürften wohl eher normale psychische Probleme bei dieser Person sein, die eben zufällig durch einen Einbruch zutage getreten sind - und sonst auf andere Weise hochgekommen wären. Vermutlich trägt auch das Leben in einer Wohlstandsblase ohne ausreichende Beschäftigung und "echte" Probleme dazu bei.
psychologiestudent 21.03.2014
2. optional
es wäre nett gewesen zu erwähnen, dass bei einem "normalen" Einbruch eben keine PTBS folgen kann. Nach Definition darf die Diagnose nur nach einem "wirklich" traumatischen Erlebnis, laut ICD nach einem "belastendem Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde". Nach Hause zu kommen und herauszufinden, dass eingebrochen wurde, passt da nicht ganz. Wenn der Betroffene beim Einbruch zuhause war und möglicherweise noch körperlich bedroht oder verletzt wurde, ist da natürlich ganz was anderes. Da hätte man im Artikel mal differenzieren können.
friedberta 21.03.2014
3. Ja stimmt schon
dass ein Einbruch Angst auslöst. Ich würde zum Beispiel meine Terrassentüre im Sommer nicht mehr "auf Kipp" stellen. Aber andererseits darf man einen Einbruch nicht persönlich nehmen. Und genau das ist der Unterschied zu jemandem, der danach traumatisiert ist und einer anders empfindenden Person, die nach einigen Wochen darüber hinweggeht.
aGarcia 21.03.2014
4. Einbruch
Bei uns wurde vor 4 Jahren eingebrochen und ich bin nicht nur davon aufgewacht, sondern lag ganz mucksmäuschenstill im Bett, während ein Unbekannter neben mir unsere Sachen durchwühlt hat. Mein Mann hat einfach alles verschlafen, unser Kind zum Glück auch, obwohl die 2 Männer in allen Zimmern waren. Die ersten Wochen habe ich nicht im Bett schlafen können, sondern auf dem Boden, eingeklemmt zwischen dem natuerlich geschlossenen Fenster und dem Bett, in jeder Hand ein Telefon, neben mir ein Baseballschläger (was genau ich damit anstellen wollte, keine Ahnung...). Danach habe ich in einem anderen Zimmer geschlafen und bin monatelang schreiend wach geworden. Nach 4 Jahren ist es besser geworden, aber immer noch kommen in Abständen schlaflose Nächte, in denen ich entweder stocksteif im Bett liege und mich nicht rühren kann vor Angst oder in denen ich durchs Zimmer tigere, weil ich irgendwas gehört habe, mich aber nicht traue, das Zimmer zu verlassen. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann nicht mitreden. Noch jetzt zittern meine Finger und bekomme ich nervöse Flecken, wenn ich dieses Erlebnis erzählen soll.
stefansaa 21.03.2014
5.
Zitat von mmueller60Das dürften wohl eher normale psychische Probleme bei dieser Person sein, die eben zufällig durch einen Einbruch zutage getreten sind - und sonst auf andere Weise hochgekommen wären. Vermutlich trägt auch das Leben in einer Wohlstandsblase ohne ausreichende Beschäftigung und "echte" Probleme dazu bei.
Mit Verlaub mein Herr aber:"Wenn man keine Ahnung hat einfach mal.... halten" Sofern bei Ihnen noch nie eingebrochen wurde, halten Sie solche binsenweiseheiten für sich. Wie aGarcia schrieb. Wenn man so etwas nicht selbst erlebt hat, kann man das nicht nach vollziehen. Ob es nun exakt PTBS oder etwas ähnliches ist, sei mal dahingestellt. Die Symptome allerdings ähneln sich sehr. Daher passt der Vergleich.
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