Wir machen uns mal frei: Rettet die Disco-Tänzer
Tanzmuffel sind nicht nur Spaßbremsen, sie gefährden auch die öffentliche Gesundheit. Kolumnist Frederik Jötten plädiert für ungeniertes Zappeln und lautstarkes Mitsingen - nicht nur zu Karneval.
Wir brauchen Polizei auf deutschen Tanzflächen. Ich plädiere für eine Sondereinheit mit allen Befugnissen, die endlich aufräumt in Clubs und Kneipen. Gefühlt jedes Auto, das nur eine Sekunde zu lange auf einem Bezahlparkplatz steht, bekommt einen Strafzettel. Dabei stört ein Wagen dort meist niemanden. Wirklich im Weg sind dagegen Menschen, die auf Tanzflächen rumstehen. Warum tun sie das? Es gibt so viele Orte, an denen man wunderbar stehen kann. An der Kasse im Supermarkt zum Beispiel, an der Straßenecke, vor dem Spiegel - aber doch nicht ausgerechnet dort, wo andere Menschen sich bewegen wollen!
Meistens sind die Täter groß, breit, tragen Hemden. Sie gehen an die Theke und holen große Gläser mit Weinschorle oder Longdrinks. Damit kommen sie auf die Tanzfläche, prosten sich zu - und bewegen sich von da an keinen Millimeter mehr. Die Musik ist gut, eben noch hatten ein paar Menschen Spaß, jetzt nicht mehr. Denn die Gruppe, meistens besteht sie hauptsächlich aus Männern, wirkt auf die Tanzfläche wie eine große Masse Beton, die gerade erst fest wird und jede Bewegung erstarren lässt. Zwei kleine Frauen tanzen, abgedrängt in die Ecken, verzweifelt an gegen die monolithische Masse, ein Typ hat auch noch nicht aufgegeben. Doch er berührt einen der Steher, ein Schluck seines Getränks landet auf dessen Hemd. Die Antwort ist ein Faustschlag in die Seite.
Tanzen ist Sport
Ich bin der, der öfter mal einen Knuff erhält, weil er es gewagt hat, sich auf der Tanzfläche zu bewegen. Manchmal bin ich sauer, dann stänkere ich: "Wie habt ihr euch verabredet heute? 'Lasst uns doch mal richtig Spaß haben und schön rumstehen den ganzen Abend?'" Manchmal versuche ich es mit Argumenten: "Willst du dich nicht ein bisschen bewegen? Das ist gesund!"
Ich hatte bisher weder mit der einen noch der anderen Taktik Erfolg. Deshalb mein Appell an die zuständigen Länderparlamente: Verbietet endlich das Stehen auf Tanzflächen. Die Folgen dieser Unsitte für das Gesundheitssystem sind beträchtlich, denn für viele Menschen wäre das Tanzen der einzige Sport in der Woche - dank des Rauchverbots jetzt sogar mit frischer, zugegebenermaßen etwas schweißgetränkter Luft! Tanzflächenstehen tötet!
Tanzen ist schließlich nicht nur gut für das Herz-Kreislauf-System. Wahrscheinlich haben sich schon unsere Vorfahren alles vorgetanzt, bevor das Sprechen überhaupt erfunden wurde. Tanzen verbessert das räumliche Vorstellungsvermögen, es beugt Demenz vor. Die Menge des Stresshormon Cortisol im Blut nimmt ab, man entspannt sich.
Außerdem macht Tanzen glücklich! Jede Art von Tanz, nicht nur Paartanz à la Foxtrott und Tango. Ich zum Beispiel orientiere mich mit meiner Technik eher an den Urmenschen. Auf Höhlenmalereien sieht man, dass sie sich genauso bewegt haben wie ich heute - mit wild fuchtelnden Armen, nur die Luftgitarre war damals wohl noch nicht erfunden. Für Zuschauer sieht das, was ich auf der Tanzfläche aufführe, vielleicht ein bisschen nach seltener Krankheit aus, aber mich macht es froh. Dazu singe ich laut mit. In Zeiten, in denen kaum noch gesungen und getanzt wird, ist es wichtig, wenigstens die letzten Möglichkeiten dazu zu nutzen - und wenn es zu "Viva Colonia" ist. "Ja, da simmer dabei, datt is prima!" Das ist positives Karnevalsliedgut!
Einen Wunsch hätte ich aber an die Tanzflächenpolizei, wenn sie denn endlich ihre Arbeit aufnimmt: Bitte nicht nur Tanzflächensteher festnehmen, sondern gleichzeitig auch jeden DJ, der "10 nackte Friseusen" spielt, das wäre ein großer Dienst an der Menschheit.
- Warum tanzen wir?
DPA - Welche positiven Effekte hat das Tanzen auf den einzelnen Menschen?
- Hilft tanzen gegen Stress?
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- Mittwoch, 06.02.2013 – 12:33 Uhr
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- Frederik Jötten ist Parasitologe, Singer-Songwriter und Reporter. Er schreibt über Gesellschaft, Wissenschaft und Medizin. Mit seinem Körper kennt er sich besser aus als jeder Arzt, behauptet er. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Ärzte seinen Selbstdiagnosen nicht folgen wollen, weil sie entweder keine Ahnung oder ausnahmsweise doch mal recht haben. Musikalben veröffentlicht er unter dem Namen Fred Erikson.
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