"Tatort"-Faktencheck Kann ein Schock die Stimme rauben?

Nach einem traumatischen Erlebnis kann Sandra nur noch flüstern, weinen aber tut sie laut. Auch ihre Erinnerung hat Lücken. Lässt sich das Verhalten psychologisch erklären? Der "Tatort"-Faktencheck.

Sandra Voigt (Claudia Eisinger, rechts) spielt im "Tatort" eine stark traumatisierte Frau
WDR/ Martin Menke

Sandra Voigt (Claudia Eisinger, rechts) spielt im "Tatort" eine stark traumatisierte Frau

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Wer den Kölner "Tatort" geguckt hat, wünscht sich anschließend in ein einsames Haus im Wald oder in eine anonyme Großstadtwohnung. Nichts ist so bedrückend wie die scheinbare Vorstadtidylle, zumindest in dem Krimi. Am schlimmsten getroffen hat es Sandra, die mit ihrem Stiefvater ein Kind zeugt und im Affekt zwei Menschen tötet.

Dieses Schicksal verraten die "Tatort"-Macher dem Zuschauer erst nach und nach (eine Film-Kritik finden Sie hier). So fragt man sich lange, was nicht stimmt mit dieser Frau, die nur flüstern kann. Dabei lässt sich vieles psychologisch erklären. Vier Punkte im Faktencheck.

Nach beiden Morden flüstert die Stieftochter nur noch, die Psychologin vermutet eine "dissoziative Dysphonie". Gibt es das Phänomen tatsächlich?

"Es kommt vor, dass der Schreck einem die Stimme verschlägt", sagt die Traumatherapeutin Ulrike Held. Das Phänomen sei zwar nicht allzu häufig, könne aber nach heftigem Stress und einem starken Trauma auftreten. Die Expertin kennt das Flüstern jedoch unter der Bezeichnung "Psychogene Dysphonie", unter diesem Begriff finden sich auch Beschreibungen in Fachbüchern.

Oft denken die Betroffenen anfangs selbst, sie seien erkältet. Die durch die Psyche verursachte Störung unterscheidet sich jedoch in einem zentralen Punkt von einer einfachen Halsentzündung: Die Betroffenen husten, lachen und weinen oft noch mit lauter Stimme. Dass auch Selbstgespräche wie bei Sandra mit lauter Stimme möglich sind, will Held nicht ausschließen. "Das passt aber eher zu einer stärkeren Spaltung der Persönlichkeit als zu einer psychogenen Dysphonie", sagt sie.

Die Ursache der Sprachprobleme liegt im Gehirn. "Wenn wir einer großen Bedrohung ausgesetzt sind, fährt uns der Schreck durch alle Glieder, wir erstarren und können nicht mehr richtig denken", erklärt Held. "Das Frontalhirn funktioniert nicht mehr richtig, dort liegt auch das Sprachzentrum." Befinden wir uns wieder in Sicherheit, können wir uns eigentlich wieder entspannen, wobei das Frontalhirn wieder seine normale Arbeit aufnimmt. Nach einem traumatischen Erlebnis kann es dabei jedoch zu Problemen kommen. "Oft bleibt die Anspannung im Körper", sagt Held.

Nicht nur die Stimme versagt, Sandra hat auch Erinnerungslücken. Als ihr Vater ihr nach dem zweiten Mord sagt, sie solle das Passierte vergessen, entgegnet sie nur: "Was ist denn passiert?" Eine typische Reaktion?

Ja. Wer etwas Traumatisches erlebt, dissoziiert oft schon währenddessen. Dabei handelt es sich um eine Überlebensreaktion: Das Ereignis ist so belastend, dass der Betroffene bestimmte Sinneseindrücke abspaltet und zum Beispiel Schmerzen nicht mehr spürt. Auch was er sieht oder hört, nimmt er unter Umständen nicht mehr bewusst wahr. Stattdessen zerfällt es in einzelne Fragmente, an die sich derjenige im Anschluss auch nur noch erinnert.

"Es kann zum Beispiel sein, dass Menschen mit einem Trauma zwar nicht mehr das Geschehene selbst, aber einzelne Teile - zum Beispiel spritzendes Blut - vor Augen haben", sagt Held. Manchmal verlieren sie auch die Erinnerung an das komplette Erlebnis. "Bei Sandra kommt noch die massive Schuld hinzu", beschreibt Held die Reaktion der jungen Frau. "Sie hat ihre eigene Mutter ermordet, diese Schuld ist nicht aushaltbar und wird ebenfalls abgespalten."

Um die Erinnerungen zu wecken, führen die Ermittler Sandra an den Tatort. Die Taktik geht auf, die junge Frau gesteht beide Morde. Dabei wirkt sie sehr gefasst. Würde ein traumatisierter Mensch so reagieren?

"Die Erinnerung kann durch Konfrontation mit dem Ort, mit einem Geruch oder mit einem Bild wiederkommen", sagt Held. Anders als bei Sandra führe eine solche Konfrontation jedoch häufig zu heftigen Gefühlsüberflutungen. "Im schlimmsten Fall haben die Betroffenen das Gefühl, sich wieder in der Situation zu befinden", sagt Held. "Dann kann es sein, dass sie um sich schlagen, überall Blut sehen, versuchen zu flüchten oder ihre Begleiter angreifen."

Im Köln-"Tatort" hingegen gesteht die junge Frau, nachdem ihre Erinnerung zurückgekehrt ist, fast kühl die beiden Morde. "Wissen Sie, manche Dinge passieren einfach, ob man will oder nicht", ist eine ihrer Aussagen. Auch eine solche Reaktion hält Held nicht für vollkommen abwegig. "Manche Opfer sprechen zum Beispiel über eine Vergewaltigung, als würde es sie nicht betreffen", erzählt die Traumatherapeutin. Auch das sei eine mögliche Folge der Dissoziation, dem Abspalten der Gefühle.

Der "Tatort" macht mit Sandra aus einem Opfer eine Täterin - und konfrontiert den Zuschauer so stark mit ihrem Schicksal, dass er die Morde fast nachvollziehen kann. Wie sehr kann ihre Geschichte erklären, dass aus einer jungen Frau eine Mörderin wird?

"Aus meiner Sicht hat der Fall etwas Realistisches", sagt Held. Der leibliche Vater hat Sandra geschlagen, ihr Stiefvater hat mit ihr ein Kind gezeugt. Das ist beides Missbrauch - aber auf eine sehr gegensätzliche Art und Weise. "Der Stiefvater hat ihr scheinbar die Aufmerksamkeit und Liebe gegeben, die ihr der leibliche Vater entzogen hat", erklärt die Psychologin.

"Das macht ihn für die junge Frau zum Retter, er wird für sie wichtiger als die Mutter. Sandra durchschaut dabei nicht, dass sie wieder zum Opfer wird, diesmal durch ihren Stiefvater", sagt Held. Hinzu kommt, dass die Mutter sie anscheinend nicht vor der Gewalt des leiblichen Vaters geschützt hat. Als die Situation eskaliert, verteidigt Sandra deshalb den Stiefvater, sich und ihr ungeborenes Kind gegen die eigene Mutter.

Dass die junge Frau dabei zuschlägt, erscheint der Psychologin angesichts der Erlebnisse mit dem leiblichen Vater ebenfalls plausibel. "In dem Moment wendet sie an, was sie schon als kleines Kind gelernt hat.

Für Held zeigt der fiktive Fall im "Tatort", wie ein Opfer, das nicht geschützt wurde, zum Täter werden kann. Und wie wichtig es ist, misshandelte Kinder so früh wie möglich zu erkennen und ihnen zu helfen.



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