"Tatort"-Faktencheck Kann ein Trauma so verheerend zurückkehren?

Als sie sieben Jahre alt ist, wird Emma von ihrem Vater mit einer Waffe bedroht. Jahre später kehrt bei der inzwischen Erwachsenen dieses Trauma zurück - so erzählte es der "Münchner Tatort". Ist diese Geschichte stimmig?

BR/ Bernd Schuller

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Der Vater richtet zitternd die Waffe auf das siebenjährige Mädchen, doch er schafft es nicht, abzudrücken. "Lauf", stößt er hervor. "Lauf". Das Mädchen rennt auf eine grüne Wiese, ihre beiden geflochtenen Zöpfe hüpfen, da knallt es.

Diese kurze Szene ist es, die sich beim Sehen des Münchner "Tatorts" ins Gedächtnis brennt. Immer wieder durchlebt der Zuschauer mit Emma die quälende Erinnerung, die mittlerweile 15 Jahre zurückliegt. Der Film will spürbar machen, was sie erlebt hat. Er will erklären, was sie antreibt, während ihr die Kontrolle über ihr Leben entgleitet.

Ist es aber realistisch, dass jemand auf ein traumatisches Ereignis reagiert wie die junge Frau? Der Check.

1. Flashbacks

"Ich ertrag das nicht mehr", das soll aufhören, sagt Emma. Gemeint sind die Tagträume, die immer wiederkehren.

Sind Flashbacks nach traumatischen Erlebnissen typisch?

Ja. Bei vielen Betroffenen spulen sich die traumatischen Erlebnisse immer wieder als Tagträume vor dem inneren Auge ab. Wie im "Tatort" angedeutet, können schon Kleinigkeiten ausreichen - ein Geruch, ein Ort, ein Geräusch -, um einen Traumatisierten in die Situation zurück zu katapultieren, ohne dass die Menschen es stoppen können.

Viele reagieren darauf, indem sie Situationen meiden, die die Erinnerung wecken könnten. Nach dem Tsunami 2004 gab es Kinder, die nicht mehr in eine Badewanne steigen konnten. Manche Soldaten verkriechen sich nach einem Kriegseinsatz, wenn es gewittert und der Donner knallt. Diese Vermeidungsstrategien können das Leben sehr einschränken.

Auslöser der Flashbacks ist wahrscheinlich ein Schutzmechanismus des Gehirns. Während ein Mensch etwas Traumatisches erfährt, schwindet oft sein Bewusstsein für das Erlebte. Er handelt wie ferngesteuert, etwa wenn er die Opfer eines Überfalls versorgt. Zum Teil können sich die Betroffenen anschließend an Teile des Geschehens nicht mehr richtig erinnern.

"Um das Symptom wieder aufzulösen, braucht es deshalb eine Verarbeitung in Form einer konfrontativen Therapie", schreibt Martin Sack, Oberarzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie rechts der Isar in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Dabei müssen sich die Betroffenen bewusst mit den Erlebnissen auseinandersetzten.

"Tatort" über erweiterten Suizid
2. Retraumatisierung

Nachdem Emma den Jungen entführt, versucht eine "Tatort"-Profilerin das Verhalten der jungen Frau zu erklären: "Sie agiert wahrscheinlich aus der Retraumatisierung heraus. Sie verhält sich nicht als erwachsene Frau, sondern der traumatisierte Teil hat die Kontrolle übernommen", mutmaßt die Polizistin. Später sagt sie: "Durch die Retraumatisierung kommen alte Gefühle hoch, die die Psyche damals abgespalten hat."

Gibt es eine "Retraumatisierung"? Und lässt sich ein Teil der Persönlichkeit so sehr vom Rest trennen?

Im Prinzip schon, aber: "Der Begriff Retraumatisierung ist falsch gewählt", schreibt Sack. "Es kommt ja zu keiner Wiederholung des Traumas, sondern die Erinnerungen an das Trauma werden aktualisiert." Diese könnten allerdings so lebhaft werden, dass der Realitätsbezug phasenweise nahezu verloren geht.

Eine so heftige Reaktion, wie der Regisseur sie bei Emma mit der Entführung des Kindes und dem Kontrollverlust inszeniert, hält der Experte allerdings nur nach weiteren, massiv traumatisierenden Erlebnissen für möglich: Durchleben Kinder über Jahre andauernde schwerste Gewalt, können sie eine Form der dissoziativen Störung entwickeln.

Die Betroffenen driften - vereinfacht gesagt - immer wieder weg, wie es bei traumatischen Ereignissen passiert. Dieser Schutzmechanismus hat sich bei ihnen so sehr gefestigt, dass er auch ohne eine unmittelbare Gefahr auftreten kann. Bei der schwersten Form der dissoziativen Störung, einer Identitätsstörung, können die Betroffenen zeitweise einen anderen Teil ihrer Persönlichkeit annehmen und sich etwa wieder wie als Kind verhalten.

3. Medikamentenentzug

Es sind nur wenige Stunden, in denen Emma die Kontrolle über ihr Leben verliert: Abends fallen die Schüsse auf Quirins Mutter und Emmas Vater, am nächsten Tag entführt Emma Quirin aus dem Krankenhaus. Diese Zeit reicht jedoch aus, um Emma enorm unter der Abwesenheit ihrer Medikamente leiden zu lassen. Sie zittert, schwitzt, fleht eine Freundin an, einen Ersatz zu besorgen.

Auch die Profilerin der Polizei ist sich sicher: "Wenn sie das Medikament nicht dabei hat, hat sie innerhalb kürzester Zeit heftige Entzugserscheinungen, Schweißausbrüche, Panikattacken, Herzrasen. Manche haben sogar Halluzinationen. Im schlimmsten Fall wird sie suizidal. Deshalb muss man solche Medikamente auch langsam über einen langen Zeitraum ausschleichen."

Können Medikamente gegen Depressionen, Angststörungen und Panikattacken so starke Entzugserscheinungen auslösen? Und kann es sein, dass jemand so starke Medikamente einnimmt, aber ein sozial sehr unauffälliges Leben führt wie Emma mit ihrem Zoo-Job?

Ja, beides ist möglich. "Auch mit einer schweren Medikamentenabhängigkeit kann man noch relativ unauffällig zurückgezogen leben", schreibt Sack. Demnach können Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine bereits nach vier Wochen bei regelmäßiger Einnahme abhängig machen. "Die entsprechenden Entzugssymptome sind zutreffend geschildert."

Allerdings wird im "Tatort" nicht klar, was Emma nimmt. "Birolan", der Name ihres Medikaments, ist nur eine Fantasiebezeichnung.

Auch bei der Einnahme gängiger Antidepressiva kann es zu körperlichen Problemen wie Übelkeit und Gleichgewichtsstörungen kommen, wenn sie plötzlich abgesetzt werden. In diesem Zusammenhang sprechen Mediziner jedoch nur von Absetzungserscheinungen, nicht von Entzug. Der Hintergrund: Anders als bei Drogen oder auch Benzodiazepinen haben Betroffene in der Regel nicht das Bedürfnis, den Beschwerden mit weiteren Tabletten gegenzusteuern.


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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
eunegin 07.12.2015
1. wie immer: weit hergeholt
Die Tatort - nicht nur dieser - werden immer abstruser, daran ändert auch ein halbwegs positiver Faktencheck nichts. Derrick & Co drehen sich im TV-Grab um.
deakon78 07.12.2015
2. sehr eindrucksvoll
als Zahnarzt habe ich schon mehrfach erlebt, wie gerade erwachsene Frauen tatsächlich sich in Erwartung der Spritze o.ä. auf einmal wie ein kleines Kind verhalten, wegdrehen und nach ihrer Mutter schreien. Stimme und Gestik wird dann kindlich und ein Zugang im Gespräch wird unmöglich. Das ist natürlich eigentlich ein geradezu lächerliches Trauma, aber die psychische Reaktion auf die Wiederholung dieses Vorgangs ist extrem beeindruckend. Mit einfachem gut zureden und Einfühlsamkeit lässt sich das auch nicht auflösen. In der Regel ist die Behandlung dann nicht mehr durchführbar.
max4711 07.12.2015
3. Muss das sein
Ich finde in Zeiten wie diesen muss ich mir nicht am Sonntag Abend so was rein ziehen. Der Tatort ist doch schon lange kein Krimi mehr sonder ein soziale abendsendung mit Darstellung aller sozialen Probleme in Deutschland . Schade!
badduck 07.12.2015
4. Das
Filmthema Traumabewältigung wird hier dem Zuschauer mit albtraumhaften Dialogen in tristester Umgebung eingeflöst. Und zwar so gut, dass dies vielleicht meine letzten 20min Tatort waren. 1,5/10
altheeagle 07.12.2015
5. Konfrontationstherapie nicht immer richtig
Nicht in jedem Fall einer traumatischen Folgestörung sollte man das Opfer mit der Situation konfrontieren. Bei stark traumatisierten Menschen kann dies dann die angesprochene Retraumatisierung hervorufen.
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