Faktencheck zum Münster-"Tatort" Autist, also ein Mathegenie?

Verschlossen, aber harmlos - und ein Zahlenzauberer: So wird der Autist Andreas Kullmann im Münster-"Tatort" dargestellt. Treffend oder ein überzeichnetes Klischee? Der Faktencheck.

Szene aus dem "Tatort": Rechtsmediziner Boerne und der "Zahlenzauberer" Kullmann
WDR/ Willi Weber

Szene aus dem "Tatort": Rechtsmediziner Boerne und der "Zahlenzauberer" Kullmann

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Im Münster-"Tatort" zeigt sich die gesamte Stadt ja gern als Irrenhaus. In "Schwanensee" verschlägt es Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) folgerichtig in eine psychiatrische Einrichtung. Dort treffen sie unter anderem auf Andreas Kullmann: "Autist, also ein Mathegenie. Gilt als harmlos, hat keinen Kontakt zu den anderen. Autist halt." So wird die Figur eingeführt. Kann man das so stehenlassen? Der Faktencheck.

Autismus = Mathegenie?

Die Gleichung geht zwar häufig auf, aber nicht immer. "Etwa einer von drei Autisten ohne Intelligenzminderung zeigt eine Begabung in Hinsicht auf Zahlen, Information, Ordnungen", sagt Stefan Röpke, ärztlicher Leiter der Autismus-Ambulanz der Charité. "Man zeigt also eine Subgruppe, aber eine große", sagt Röpke. Knapp die Hälfte der Menschen mit Autismus haben Schätzungen zufolge einen durchschnittlichen oder hohen IQ, bei den anderen ist die Intelligenz vermindert.

Friedrich Nolte, Fachreferent beim Bundesverband Autismus Deutschland, betont: "Die Bandbreite beim Autismus ist groß." Das Bild des nerdigen, gefühlskalt wirkenden Asperger-Autisten sei nur eine Facette. "Im Rahmen eines Münster-"Tatorts", in dem Figuren generell überzeichnet werden, kann man das aber machen", sagt Nolte. "Es sollte nur nicht dazu beitragen, Autismus generell auf dieses Bild zu verengen und damit Vorurteile zu stärken."

Autismus = Inselbegabung?

"Autisten sind Inselbegabungen", formuliert Rechtsmediziner Boerne ungelenk. "Das besondere Talent von Kullmann sind Zahlen". Seit "Rain Man" werden in der öffentlichen Darstellung Autismus und Inselbegabung verknüpft. Dabei gilt: Nicht jeder Mensch mit Autismus hat eine Inselbegabung, auch Savant-Syndrom genannt. Und nicht jeder Mensch mit einer besonders herausstechenden Begabung hat Autismus.

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"Tatort" aus Münster: Verfolgungsjagd mit Schwan
"Ich kenne Fälle, in denen vermutet wurde, dass ein Kind Autismus hat, weil es in sich gekehrt war und sehr oft und sehr talentiert gemalt hat. Auffällige Begabungen sind kein Diagnosekriterium für Autismus. Und es wäre ebenso absurd, einem Menschen mit Autismus die Diagnose abzusprechen, nur weil er keine Inselbegabung hat", sagt Nolte.

Inselbegabungen können in den verschiedensten Bereichen auftreten, oft sind Savants musikalisch oder künstlerisch talentiert. Der Forscher Darold Treffert schildert beispielsweise den Fall von Leslie Lemke, der als 14-Jähriger komplexe Musikstücke auf dem Klavier spielen konnte, nachdem er sie nur einmal gehört hatte. Nicht alle Savants haben derart außergewöhnliche Anlagen. Man spricht auch von einer Inselbegabung, wenn die Fähigkeiten mit Blick auf die sonstigen Einschränkungen ungewöhnlich sind, aber nicht zwingend im Vergleich zur Altersgruppe.

Münster-"Tatort" in Psychiatrie
Hat keinen Kontakt zu den anderen. Autist halt?

Die kurze Charakterisierung trifft. Autismus zeigt sich im sozialen Umgang. Die Schwierigkeit, Gefühle anderer zu erkennen und einzuschätzen sowie selbst emotionale Signale zu senden, ist ein Kennzeichen von Autismus-Spektrum-Störungen. Der Bundesverband Autismus nennt unter anderem das Vermeiden von Blickkontakt und Körperkontakt sowie eine auffällige Sprache als Merkmale für den sogenannten frühkindlichen Autismus (siehe PDF).

Eine 24-Jährige mit Asperger-Syndrom schildert etwa auf SPIEGEL ONLINE, dass sie als Kind am liebsten allein spielte und von Lexika fasziniert war. Sie erzählte auch, wie schwer es ihr fällt, Mimik und Gestik zu interpretieren und selbst die passenden Signale zu senden: "Manchmal passiert es mir dennoch, dass ich völlig monoton und mit neutralem Blick 'Das war das tollste Erlebnis dieses Jahres!' sage."

Kommt jemand wegen Autismus in die Psychiatrie?

Nein, sagt Stefan Röpke von der Charité. "Die Menschen empfinden sich auch nicht als krank, sondern als anders." Es komme aber vor, dass sich Autisten in Behandlung begeben, wenn sie zum Beispiel unter einer Zwangsstörung leiden. Im "Tatort" landet Andreas Kullmann wegen eines bewusst falschen Gutachtens im "Haus Schwanensee".

Gibt es Medikamente gegen Autismus?

Kullmann schluckt täglich diverse Tabletten, mit denen er in bösartiger Weise ruhiggestellt wird. "Für Autisten ohne Intelligenzminderung gibt es keine Medikamententherapie", sagt Röpke. Nur bei Betroffenen mit verminderter Intelligenz sei das zum Teil anders, um etwa selbstverletzenden Verhaltensweisen entgegenzusteuern.

Sowohl Nolte als auch Röpke meinen aber: Eine Komödie wie der Münster-"Tatort" darf sich eine überspitzte Darstellung erlauben. "Es ist ja keine Aufklärungssendung über psychische Krankheiten", sagt Röpke. Und Nolte findet es positiv, dass Autismus im Sonntagskrimi aufgegriffen wird. "Es zeigt ja auch, dass das Thema in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist."

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
RalfHenrichs 08.11.2015
1. Uninteressant
Als Boerne Petras Liebesgeschichte (der schwarze Schwan) rezitiert hat, gab es von mir Standing Ovations vor dem TV. DAS war wichtig, bin halt Münsteraner.
Mindbender 08.11.2015
2. ...
Es interessiert keinen, deswegen nicht wichtig. Sorry.
mostrichdazu 08.11.2015
3. Kult
wie immer hervorragend!
CancunMM 08.11.2015
4. ?
ja wirklich super. muss ja richtig was los sein in münster, wenn sie deswegen aus dem häuschen sind. man wünscht sich eigentlich immer etwas mehr realismus vom münsteraner tatort. oder sind dort wirklich alle so durchgeknallt? und so viele medzinische fehler....
speyspey 08.11.2015
5. Unangemessen
"Comedy" hin oder her: Dieser Tatort stellt in unangemessener und undifferenzierter Weise Menschen mit psychischen Besonderheiten bloß und missbraucht sie für billige Gags.
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